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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Französische Verhältnisse

08.11.2005 ·  Der sonst so souverän auftretende Staatspräsident Chirac ist ratlos angesichts der andauernden Krawalle in Frankreich. Auch deutsche Politiker sollten sich vor derartigen Unruhen nicht zu sicher sein.

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So ratlos, so verunsichert, daß er nicht einmal wußte, was er mit seinen Händen tun sollte, hat man den sonst in jeder Lage souverän wirkenden französischen Staatspräsidenten noch nicht gesehen. Nach etlichen Krisensitzungen, Sofortanordnungen und wiederholten Versprechungen, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, geraten die Auftritte Jacques Chiracs zunehmend zu unfreiwilligen Eingeständnissen der Machtlosigkeit.

Explodiert ist in Frankreichs Städten ein Gewaltcocktail, der sich aus sehr unterschiedlichen Ingredienzien zusammensetzt. Da ist nicht nur die Einwandererjugend am Werk, die sich aus Mangel an Perspektiven von der christlichen Mehrheitsgesellschaft ab- und einem aggressiven Islam zuwendet. Mit dabei sind auch Bessergestellte, die sich für gewöhnlich als Hooligans auf Fußballplätzen austoben. Und im Hintergrund schürt das kriminelle Milieu die Unruhen.

Politischer Protest und Lust an Zerstörung

Jede dieser Erscheinungen für sich genommen meinte man mit polizeilicher Strenge unter Kontrolle halten zu können. Ihr unerwartetes Zusammenwirken hat diese Gewißheit zur Illusion werden lassen. Viele fragen nun hierzulande besorgt, ob man die Schreckensbilder aus französischen Vorstädten bald auch in deutschen Trabantensiedlungen zu sehen bekommen wird.

Ansätze dazu hat es schon gegeben. Den sogenannten Chaos-Tagen in Hamburg, Hannover und Göttingen standen unsere Politiker ähnlich hilflos gegenüber wie jetzt die französischen. Auch diese Krawalle wurden von einer höchst brisanten Mischung aus politischem Protest und Lust an schierer Zerstörung gespeist.

Zu Recht wird auf die Unterschiede zwischen „rechtsfreien Zonen“ in französischen Städten und sozialen Brennpunkten in Deutschland hingewiesen. Vergleichbar ist aber in beiden Ländern die Ignoranz, mit der Politik und Gesellschaft auf das Anwachsen sozialen Zündstoffs vor ihrer Haustür reagieren. Für die Erhaltung von Privilegien öffentlich Bediensteter kann in Frankreich noch immer die ganze Republik lahmgelegt werden.

Für eine Politik, die auch den Unterschichten Bildungs- und Aufstiegschancen eröffnet, sind dann nur noch Beruhigungspillen da, die keine Wirkung haben. Daher sollten sich auch deutsche Politiker nicht zu sicher sein, daß ihnen französische Verhältnisse vorerst nicht drohen.

Quelle: Dt. / F.A.Z., 08.11.2005, Nr. 260 / Seite 1
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