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Kommentar Filmfrühling oder Scheinblüte?

15.12.2004 ·  Von „Good Bye, Lenin!“ bis „Gegen die Wand“: Das deutsche Kino hat zuletzt eine beispiellose Serie von Erfolgen erlebt. Aber was bedeutet der Preissegen tatsächlich für die Filmproduktion in Deutschland?

Von Andreas Kilb
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In den vergangenen zwei Jahren hat der deutsche Film eine beispiellose Serie von Erfolgen erlebt. Im März 2003 gewann Caroline Links Auswandererdrama „Nirgendwo in Afrika“ in Los Angeles den Oscar für den besten nichtenglischsprachigen Film. Im Dezember desselben Jahres wurde Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“ mit dem Europäischen Filmpreis als bester Spielfilm ausgezeichnet.

Im Februar 2004 empfing der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin für sein Melodram „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele. Im Mai lief mit Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ erstmals seit elf Jahren wieder ein deutscher Spielfilm im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Und jetzt hat „Gegen die Wand“ als zweiter deutscher Beitrag in Folge den Europäischen Filmpreis gewonnen.

Lust auf Deutschland

Die Welt, scheint es, hat wieder Lust, sich im Kino ein Bild von Deutschland zu machen - zum ersten Mal seit den internationalen Triumphen von Volker Schlöndorff, Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Aber was bedeutet der Preissegen tatsächlich für die Filmproduktion in Deutschland? Wird nun alles besser, weil, von außen betrachtet, alles besser aussieht? Oder folgt nach kurzem Gipfelrausch wieder der Absturz ins tiefe Tal der Komödien und Kleinkünsteleien?

Wenn man sich die Zuschauerzahlen des laufenden Jahres ansieht, möchte man meinen, der Qualitätssprung, von dem die weltweite Anerkennung des deutschen Filmschaffens kündet, hätte noch gar nicht stattgefunden. An der Spitze der Publikumsgunst thront Michael „Bully“ Herbigs Nummernrevue „(T)Raumschiff Surprise“ mit 9,2 Millionen Zuschauern. Mit deutlichem Abstand folgt die Märchenparodie „7 Zwerge - Männer allein im Wald“ des Ostfriesen Otto Waalkes mit sechseinhalb Millionen.

Der „Wixxer“ vorm Untergang

Auf Platz vier steht mit knapp zwei Millionen Zuschauern die Krimi-Persiflage „Der Wixxer“, während der einzige nichtkomische Film unter den deutschen Kassenerfolgen, Oliver Hirschbiegels „Untergang“, mit viereinhalb Millionen Besuchern den dritten Rang belegt. „Gegen die Wand“, zum Vergleich, hatte siebenhundertfünfzigtausend Besucher, Weingartners „Fette Jahre“ erreichen vier Wochen nach dem Kinostart etwa die Hälfte dieser Zahl.

Das ist die Normalität im deutschen Film: Komödien sorgen für die Kasse, Autorenfilme für den Ruhm. Dagegen wäre nichts weiter einzuwenden, wenn es nicht immer wieder, zumal nach den jüngsten Auszeichnungen, Stimmen gäbe, die diese hochsubventionierte Arbeitsteilung zum Modell einer blühenden Filmkultur hochzureden versuchten. Aber von industrieller Blüte, von künstlerischer Kontinuität, von der Bewahrung und Weitergabe handwerklicher Traditionen, wie sie etwa das französische Kino auszeichnen, kann in Deutschland nach wie vor keine Rede sein.

Sechs Jahre Pause vor „Good Bye, Lenin!“

Vor „Good Bye, Lenin!“ etwa hatte der Regisseur Wolfgang Becker sechs Jahre lang keinen Film gedreht. Und Michael Herbig, der mit seinen Slapsticks inzwischen ganz allein ein Drittel des Jahresumsatzes aller deutschen Kinoproduktionen einfährt, hatte größte Mühe, sein später allenthalben gepriesenes Erstlingswerk „Der Schuh des Manitu“ überhaupt zu finanzieren. Der Motor des deutschen Films läuft nicht rund, er stottert nur mehr oder minder heftig. Im Augenblick scheint er auf hohen Touren zu drehen. Aber man hüte sich davor, den Lärm, den er macht, mit Kraft zu verwechseln.

Die Filme von Akin, Becker, Weingartner und Caroline Link haben bei aller Verschiedenheit etwas Entscheidendes gemeinsam: den Mut, gegen liebgewonnene deutsche Kinogewohnheiten zu verstoßen. Sie tasten sich vor in fremde Milieus, ungewohnte Konstellationen, surreale historische Phantasien und verdichten diese zu Bildern, die wir so noch nicht gesehen haben. Den Komödien, die an der Spitze der Hitliste stehen, fehlt dieser Mut. Herbigs „(T)Raumschiff Surprise“, die „7 Zwerge“ und „Der Wixxer“ spielen in hermetisch abgedichteten Klischeewelten, die das filmische Äquivalent jener Wellness-Tempel sind, in denen sich die Deutschen immer lieber verwöhnen lassen.

Ein Bad im deutschen Trauma

Wer dieser Witzbehandlung entkommen ist, kann in Eichingers und Hirschbiegels „Untergang“ ein Bad im deutschen Trauma nehmen. Aber auch dieser Film hält sich - wie die vielen Fernsehsendungen zum Thema - eng an dokumentarisch abgesichertes Wissen und nutzt nicht die Mittel des Genres, um das Fenster zum Wahnsinn Hitlers und seiner Paladine weiter aufzustoßen. In dem Rahmen, den er sich setzt, macht „Der Untergang“ alles richtig, aber in diesem Rahmen steckt auch ein Stück Verzicht.

Das Couragierte und Ungewöhnliche wird im deutschen Kino auch in Zukunft von den Rändern kommen, nicht aus der Mitte, die von Produzenten wie Bernd Eichinger dominiert wird. Deren Erfolgsrezept lautet: Komödien und Kinderfilme für den heimischen, ernste Stoffe für den internationalen Markt. Daß das 14-Millionen-Euro-Projekt „Der Untergang“ nun seine Produktionskosten schon in Deutschland einspielt, ist nur die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Vor zweiundzwanzig Jahren gelang Wolfgang Petersen mit dem „Boot“, vor zwölf Jahren Joseph Vilsmaier mit „Stalingrad“ etwas Ähnliches - nicht zufällig mit Sujets aus dem Zweiten Weltkrieg. Aber solche Filme werden nie in Serie gehen, schon weil der Themenvorrat der deutschen Geschichte ihre Anzahl begrenzt.

Insofern ist die internationale Anerkennung für „Gegen die Wand“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“ auch ein Argument dafür, das deutsche Förderungssystem nicht nur auf den Kassenerfolg auszurichten. In einer Filmindustrie wie der amerikanischen läßt sich Profitabilität berechnen, in einem mittelständischen Gewerbe wie der deutschen Filmwirtschaft bleibt sie ein unkalkulierbarer Glücksfall. So wie der Preissegen der jüngsten Zeit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2004, Nr. 294 / Seite 1
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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