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Kommentar Falsches Heldentum

06.11.2003 ·  Aus der Sehnsucht nach Normalität und aufrechtem Gang, die der CDU-Abgeordnete Hohmann in seiner Rede artikulierte, sprach das fatale Verlangen, auch einmal offen chauvinistisch sein zu dürfen.

Von Stefan Dietrich
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Darf man in Deutschland nicht (oder noch nicht wieder) sagen, daß Juden an Verbrechen beteiligt waren? Ist es bei Strafe verboten, auszusprechen, daß der Holocaust zu materiellen und politischen Zwecken instrumentalisiert wurde? Darf man sich nicht einmal mehr gegen den Begriff "Tätervolk" wehren, ohne in Acht und Bann getan zu werden? So fragen jetzt viele, die in dem CDU-Abgeordneten Hohmann das jüngste Opfer unbarmherziger Linienrichter der politischen Korrektheit sehen. Er habe doch gerade verneint, daß man die Juden ein "Tätervolk" nennen könne, sagen seine Verteidiger. Er habe doch lediglich wissenschaftlich belegte Tatsachen referiert, sagt der Gescholtene selbst. Es gebe keinen Satz in seinem Vortrag, den man als objektiv antisemitische Äußerung auslegen könne, behauptet ein Chor von Textexegeten, die Hohmanns Rede vom 3. Oktober dank Internet haben lesen können. Und fast jede dieser Gegenäußerungen beginnt oder schließt mit der rhetorischen Frage, ob in Deutschland eigentlich noch die Meinungsfreiheit gewährleistet sei.

Wenn dieser Eindruck hängenbliebe, dann hätte Hohmann nicht nur sich selbst (und dem entlassenen General Günzel), sondern auch der politischen Kultur in diesem Land schweren Schaden zugefügt. Deshalb sollte er schleunigst zerstreut werden. Die Opferrolle steht Hohmann nicht zu, auch wenn ihm mancher Satz jetzt nachträglich im Mund herumgedreht wurde. Nein, er hat die Juden nicht als "Tätervolk" bezeichnet, aber das spricht ihn nicht frei von dem Vorwurf, daß der ganze Text seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit von antisemitischem und chauvinistischem Geist durchzogen ist.

Hohmann trat auf in der Pose des Helden, der öffentlich einzufordern wagt, was sich sonst niemand traut: "Gerechtigkeit für Deutschland". Über die Lieblingsthemen des Boulevards - Asylmißbrauch, Sozialschmarotzertum, Abzocker in Chefetagen - gelangte er in kurzen Sprüngen zu seinem eigentlichen Thema: "Schwere Sorgen macht eine allgegenwärtige Mutzerstörung im nationalen Selbstbewußtsein, die durch Hitlers Nachwirkungen ausgelöst wurde." Das war nicht nur eine haarsträubende Formulierung, es war auch verquer gedacht. Die Bundesregierung, beispielsweise, habe nicht den Mut, Entschädigungszahlungen an jüdische Opfer des Nationalsozialismus der gesunkenen Leistungsfähigkeit des Staates anzupassen. "Dafür müssen die Deutschen den Gürtel halt noch ein wenig enger schnallen."

Der Festredner vergaß nicht, mit ausführlichen Wendungen seine Abscheu über die Untaten Hitlers kundzutun und vor einer Verharmlosung des "rechten Narrensaums" im heutigen Deutschland zu warnen, stieß sich dann aber ebenso ausführlich daran, daß "die politische Klasse" krankhaft auf deutscher Schuld beharre und die Wissenschaft ebenso neurotisch noch den winzigsten Verästelungen der NS-Zeit nachspüre. Während andere Nationen auch die dunklen Seiten ihrer Geschichte glorifizierten und sich in der Rolle der Unschuldslämmer gefielen, würden die Deutschen als "Tätervolk" abgestempelt.

Statt diesen Begriff, der nichts anderes als die alte Kollektivschuldthese transportiert, umstandslos zu verwerfen, rief Hohmann Henry Ford und Woodrow Wilson in den Zeugenstand und eröffnete seinem Publikum mit Unschuldsmiene - "es wird Sie überraschen" -, daß Juden in der Geschichte keineswegs immer nur Opfer gewesen seien. An der bolschewistischen Revolution, insbesondere an deren verbrecherischen Exzessen, seien sie als Täter sogar überproportional beteiligt gewesen. Erst dann gelangte Hohmann zu der Schlußfolgerung, daß man weder die Juden noch die Deutschen, sondern allein "die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien" als "Tätervolk" bezeichnen könne. Um diesen kümmerlichen Beweis zu führen, hätte Hohmann wahrhaftig nicht tief in das antisemitische Schrifttum des vorigen Jahrhunderts eintauchen müssen. Er tat es, um endlich einmal "Tatsachen" loszuwerden, die sich sonst angeblich niemand mehr zu erwähnen traut. Dieser Kontext aber nahm den "Tatsachen" ihre Unschuld und verlieh Hohmanns Schlußappell an die "Rückbesinnung auf unsere religiösen Wurzeln" einen häßlichen Drall ins Bigotte.

Daß Hohmanns Worte bei seinem Publikum offenbar wohlwollende Aufnahme fanden, ist beschämend, zeigt aber zugleich, wie die Kritikfähigkeit durch politische Überkorrektheit schon korrumpiert ist. Leicht konnte der Redner die Zuhörer auf seine Seite ziehen, indem er für das von Linken unter Nationalismusverdacht gestellte Zentrum gegen Vertreibungen eintrat. Auch seine Genugtuung über das Scheitern des NPD-Verbotsverfahrens, mit dem sich die gesamte politische Klasse blamiert hat, war nachvollziehbar, weil damit "nicht das Verfassungsgericht, sondern das Wahlvolk sein Urteil über den braunen Abhub spricht". Und wer wollte bestreiten, daß an dem Befund, die Deutschen hätten ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst, etwas dran sei?

Aus der Sehnsucht nach Normalität und aufrechtem Gang, die Hohmann artikulierte, sprach jedoch das fatale Verlangen, auch einmal so offen chauvinistisch sein zu dürfen wie britische Boulevardblätter; die schwarzen Flecken der eigenen Geschichte auch so überzuckern zu dürfen, wie es das offizielle Frankreich am 14. Juli tut; über Untaten Hitlers so salopp hinweggehen zu dürfen wie der italienische Ministerpräsident Berlusconi über jene Mussolinis ("Der hat doch keinen umgebracht"); andere Völker so hemmungslos lächerlich und verächtlich machen zu dürfen, wie das mit Deutschen geschieht in Filmen, die rund um den Globus gezeigt werden. Wer glaubt, daß das der richtige Dünger für ein gesundes nationales Selbstbewußtsein wäre, hat aus der deutschen Geschichte wirklich nichts gelernt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2003, Nr. 259 / Seite 1
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