31.08.2010 · Sarrazin ist nicht mehr zu helfen - mit ihm wird jetzt endgültig abgerechnet. Wird die Politik aber wenigstens dieses Mal die richtigen Schlüsse aus der Kontroverse ziehen, die er entfachte?
Von Berthold KohlerWer in Deutschland von einem Gen der Juden spricht, dem ist nicht mehr zu helfen. Der Begriff lässt alle Dämme der Verdammung brechen. Das sei „Wasser auf die Mühlen des Rassismus und Antisemitismus“, urteilte Vizekanzler Westerwelle. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden sprach von einem „Rückgriff auf Elemente der Rassehygiene der Nazi-Zeit“. Da nutzt es Sarrazin auch nichts, dass er - bislang nur als Bewunderer jüdischer Intelligenz bekannt und dafür nicht des Rassismus geziehen - seinen jetzt gegeißelten Satz zwei seriösen Untersuchungen zu den genetischen Wurzeln des jüdischen Volkes entnommen haben will. An diesen störte sich niemand, als die „Jüdische Allgemeine“ über sie berichtete. Doch wenn drei auf diesem hochempfindlichen Gebiet Ähnliches sagen, ist das noch lange nicht das Gleiche.
Das hätte Sarrazin wissen müssen. Mit seinen Ausflügen in die Genetik machte er sich angreifbar. Seinem Anliegen, die Debatte über Einwanderung und Integration voranzubringen, nutzte er damit nicht. Statt mit deren Defiziten wird nun mit ihm abgerechnet. Die SPD-Führung, deren Werben um die türkischstämmigen Wähler Sarrazin schon lange stört, leitete ein Ausschlussverfahren ein.
Die Erregungsenergie sollte auch in die politische Problemlösung fließen
Die Bundesbank, deren Präsident nach noch höheren Aufgaben strebt, hat es da schwerer. Doch wird auch sie - von der Bundeskanzlerin dazu ermutigt, um nicht zu sagen: aufgefordert - sich unter schärfster Wahrung ihrer Unabhängigkeit alle Mühe geben, mit Sarrazin fertig zu werden. Man wünschte sich, nur ein Bruchteil dieser gewaltigen Erregungsenergie flösse in den Versuch, die Probleme eines alternden, in Parallelgesellschaften zerfallenden Einwanderungslandes zu lösen, die Sarrazin auf den Punkt brachte wie jedenfalls kein Politiker vor ihm.
Wird sich, wenn die Raserei vergangen ist, die Politik wenigstens diesmal fragen, welche Schlüsse aus der Causa Sarrazin zu ziehen sind? Mit seiner Entsorgung in das Lager der Rassisten und Antisemiten ist wenig gewonnen. Die Spaltung der Gesellschaft und die Abwendung von der Politik, die zu vertiefen man Kritikern wie Sarrazin anlastet, wird voranschreiten, wenn eine sich bedrängt und ausgenutzt fühlende Mehrheitsbevölkerung sich nicht mehr von den Parteien verstanden und vertreten fühlt. Die Debatte um Sarrazin macht deutlich, welches Ausmaß diese Entfremdung schon angenommen hat. Auch dafür muss er nun büßen.
Die Politik entfremdet sich von der Gesellschaft
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 30.08.2010, 19:50 Uhr
Erbärmliches Schauspiel
Holger Sulz (H._Sulz)
- 30.08.2010, 20:01 Uhr
"Wird sich, wenn die Raserei vergangen ist, die Politik wenigstens diesmal
Bryan Hayes (bhayes)
- 30.08.2010, 20:10 Uhr
Ich bitte doch, daß Kritiker zuerst ehrlich zu sich selbst sein sollten
Herbert JUNG (HEBET)
- 30.08.2010, 20:14 Uhr
"Wer in Deutschland
And Rew (destruktivus)
- 30.08.2010, 20:25 Uhr