Die Badener und die Schwaben wollen nicht Zank und Streit, sie wünschen Stabilität und Verläßlichkeit. Das ist die Erfahrung aller Parteien im Land. Daher erstaunt es die Sozialdemokraten, daß sich die CDU dort zunehmend erbittert zerrt und zankt. Es geht um die Nachfolge- und die Machtfrage in der christlich-demokratischen Partei, die seit mehr als fünfzig Jahren ununterbrochen (mit-)regiert, länger als irgendeine Partei in einem anderen Bundesland. Ministerpräsident Teufel solle das Feld räumen, wird in den eigenen Reihen verlangt. Kämpfe sind ausgebrochen, erste Scharmützel finden statt.
Dabei waren die Dinge gut eingespielt: Die SPD, die ständige Zweite, hatte es sich im Dreißig-Prozent-Turm gemütlich gemacht, und die Union befand sich auf dem Weg zum allgemeinen Heimat- und Identitätsverein. Daß der zweitgrößte Landesverband der CDU nun vor Zerreißproben steht, beschäftigt auch die Bundesführung der Partei. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg steht im Frühjahr 2006 an, nur Monate sind es dann noch bis zur Bundestagswahl.
Das Wort vom Musterländle hat nach wie vor seine Berechtigung, im Kreise der Bundesländer könnte man von einem christlich-liberal geprägten Modellstaat reden. Baden-Württemberg verkörpert die erste gewollte Länderfusion, sie ist der einzige bisher gelungene Versuch zur Länderneugliederung. Weltfirmen finden sich hier in eindrucksvoller Zahl. Bewußt hatte Teufel Fachhochschulen und Berufsakademien auch in entlegeneren Gegenden angesiedelt: Ein Gründerklima war entstanden, das Weitere besorgten Tüftler und Schaffer. Baden-Württemberg meldet heute die wenigsten Sozialhilfeempfänger, den tiefsten Krankenstand und die niedrigste Arbeitslosenrate in Deutschland.
So könnte, so müßte es weitergehen? Teufel ist der dienstälteste Ministerpräsident in der Bundesrepublik. Seit gut dreizehn Jahren versieht er das Amt, länger auch als jeder Regierungschef vor ihm in seinem Bundesland. Auf einem Parteitag im letzten Dezember in Böblingen hatte sich erstmals offen Überdruß an dem 65 Jahre alten Politiker gezeigt. Mehr als neunzig Prozent der Delegierten hatten sich stets für ihn als Landesvorsitzenden ausgesprochen, doch diesmal waren es nicht einmal 77 Prozent. Teufel komme zu eckig und zu schlicht daher, wird seither vermehrt gesagt, und manch einem geht es "einfach nur um ein neues Gesicht".
Könnte ein Wechsel dem Land nicht guttun, könnten andere, Jüngere, nicht ähnlich erfolgreich sein? In eine Nachfolgeposition hat sich der 50 Jahre alte CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Oettinger, gebracht. Er hat sich eine umfängliche Anhängerschaft herangezogen und sich in zäher Kleinarbeit auf die Übernahme der Macht im Staat und im Landesverband vorbereitet. Teufel jedoch hält den agilen Stuttgarter Juristen für einen politischen Spieler. Gefragt seien hingegen Beständigkeit und Verläßlichkeit. Über Jahre hinweg habe er den ehrgeizigen Mann geprüft. Er könne ihm das Land nicht überlassen.
Will der Partei- und Regierungschef noch einmal antreten? Teufel verfügt über großes Ansehen unter den Wirtschaftsführern in Baden-Württemberg, immer wieder hat er auch die Herzen der Bürger in den kleineren Städten und Gemeinden erreicht, wo nach wie vor die Bevölkerungsmehrheit wohnt. Zuverlässig füllte er die Säle und Hallen. Unangemessen nannte und nennt er die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche, und oft kritisierte der praktizierende Katholik die römische Amtskirche hart. Wer Teufels Bedeutung für das Land und seine Partei ermessen will, muß gesehen haben, wie die Bevölkerung auf der Alb und auf der Baar dem weltoffenen Konservativen zugejubelt hat.
In diesem Land müht sich fast jeder zweite Bürger ehrenamtlich. Den Optimismus haben sich die Badener und die Schwaben sichtlich nicht nehmen lassen - ihr Bundesland ist das einzige mit Geburtenüberschuß. In Furtwangen im Hochschwarzwald herrscht mit drei Prozent die geringste Arbeitslosigkeit in der Republik, obwohl die Gegend Nachteile zu verkraften hat. Sie befindet sich in schwieriger Höhenlage, und fast eine Stunde ist es bis zur nächsten Autobahn. Warum das Gemeinwesen dennoch erfolgreich ist? Es sei eine einfache Wahrheit, sagt der Ministerpräsident gern: "Es liegt an unseren Menschen hier."
In der Regierungspartei, die seit so langer Zeit diesen Staat trägt, hat sich jetzt aber manches verhärtet. Zöge sich Teufel wie gefordert zurück, machte er den Weg frei für seinen Fraktionsvorsitzenden, dessen Aufstieg zu verhindern er als seine Pflicht ansieht. Wiche er nicht zurück, riskierte er Aufwallungen, vielleicht sogar Brüche in der Union. Mehrere Bezirksvorstände und CDU-Arbeitsgemeinschaften sowie große Teile der Parteijugend haben sich bereits dagegen ausgesprochen, daß Teufel wieder antritt, und die Kandidatur Oettingers für das Amt des Ministerpräsidenten verlangt. Hinter ihm steht nicht zuletzt eine Mehrheit der Landtagsfraktion, und er will nun ernten.
Könnte eine Mitgliederbefragung die letzte Chance zur Befriedung bieten? Nicht wenige in der Partei mutmaßen eher, Teufel könnte es noch einmal zwingen und eine weitere Strecke lang amtieren wollen: bis Oettinger doch noch das Handtuch wirft. Und Bildungsministerin Schavan auf die Bühne springt? Oder der Parteigeschäftsführer Kauder? Warum nicht der junge, eloquente Staatskanzleichef und Europaminister Palmer?
In Stuttgart ist derzeit ein Zündeln und Jagen. Er lasse sich nicht wegmobben, man könne ihn nicht fortscheuchen wie einen Hund, wehrte sich der Ministerpräsident bitter wie nie. Baden-Württemberg hat dem soliden Mann mehr als viel zu verdanken. Er ist ein Solitär unter den Ministerpräsidenten der Republik. Es wird weit mehr sein als ein Stück schwäbische Gemütlichkeit, was von der deutschen politischen Bühne verschwindet, wenn Erwin Teufel dereinst abtritt.