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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Ein europäisches Wahrzeichen

Von Andreas Rossmann

Ohne Preußen wäre der Kölner Dom nicht vollendet worden. Um 1800 regen sich die ersten Stimmen für den Weiterbau, und 1808 beginnt Sulpiz Boisserée Zeichnungen anfertigen zu lassen, die dafür werben. Im November 1814 erklärt Joseph Görres den Dom zum "Symbol des neuen Reiches, das wir bauen wollen". Sieben Monate später wird das Rheinland auf dem Wiener Kongreß Preußen zugeschlagen. Im Jahr darauf legt Karl Friedrich Schinkel das erste Gutachten vor, 1823 übernimmt er die Oberaufsicht der neu gegründeten Dombauhütte, 1833 beruft er Ernst Friedrich Zwirner zum Dombaumeister. Es ist ein breites Bündnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte, das sich in der Dombaubewegung engagiert, der Traum der deutschen Romantik wie die schwarzrotgoldene Vaterlandsidee sollen sich in der Vollendung der Kathedrale realisieren. Ihr seit 1560 ruhender, Torso gebliebener Bau wird als Nationaldenkmal gesehen und zum Symbol für die noch ausstehende Einheit der Deutschen. 1841 tritt der Zentral-Dombau-Verein auf den Plan, im Jahr darauf legt Friedrich Wilhelm IV. den "zweiten" Grundstein. Es ist die größte Bauunternehmung im 19. Jahrhundert. Der preußische Staat trägt mehr als die Hälfte der Kosten.

Vielleicht liegt es ja auch an dem im Rheinland besonders beständigen Ressentiment gegen Preußen, daß die Kölner zu ihrem Emblem, das sie auch als übermächtige Konkurrenz zur Stadt wahrnehmen, ein gespaltenes Verhältnis haben. Nicht nur Konrad Adenauer hat es bedient; noch Heinrich Böll, der das mittelalterliche Provisorium mit dem Kran darauf "viel schöner" fand, nannte die beiden Türme "überflüssig" und schmähte sie 1979 als "Hohenzollerngebilde", um das die Preußen "diesen ganzen vaterländischen Scheiß" gemacht hätten. Das wird immer noch gerne zitiert. Aber wahrscheinlich ist das nur ein Nebenaspekt und alles viel einfacher: Was der Dom einmal bedeutet und wofür er gestanden hat, ist im öffentlichen Bewußtsein verblaßt. Die Ambition der Stadt, ihm in Deutz mit einer Phalanx von Hochhäusern ein modernes Gegenüber zu bauen, ist ein Indiz für Geschichtsvergessenheit.

Das Vorhaben, als Entwicklungsimpuls für die vernachlässigte rechte Rheinseite ausgegeben, wird das vertraute Bild der Stadt verändern: Der Dom wird nicht länger ihre solitäre Dominante sein, sondern eine Abwertung erfahren, die einer zweiten Säkularisierung nahekommt. Anders als die neuen Büro- und Hoteltürme geht er nicht auf in Nützlichkeiten, sondern weist über sie hinaus auf Transzendentes: Der größten mittelalterlichen Kirche der Christenheit werden künftig, scheinbar gleichberechtigt, banal-profane Bauten gegenüberstehen, die nicht Ausdruck einer Gemeinschaft sind, sondern partikularen Interessen dienen. Auch die Sichtbezüge zur Kathedrale, die aus der Ferne mehr noch als die in der Stadt, werden beeinträchtigt und mit ihnen eine Beziehung, in der auch eine Glaubensfrage steckt: Als Mittelpunkt seiner sichtbaren Welt ist der Dom dem Rheinländer Orientierung, Identität, Heimat.

Deutlich wie selten läßt sich an dem Vorhaben ablesen, wie weit das Nachlassen kultureller Werte inzwischen fortgeschritten ist: Für vermeintlich renditeträchtige Immobilien, die den Dom optisch verwerten, werden eine einzigartige Stadtsilhouette beschädigt und ihre kulturgeschichtlichen Zusammenhänge verstellt. Was nach dem Zweiten Weltkrieg den Leitgedanken des Wiederaufbaus ausmachte, gilt nicht mehr: "Eine Stadt soll in ihrer Mitte am kostbarsten sein", lautete das Credo des Kölner Generalplaners Rudolf Schwarz, und der von den Bombenangriffen nahezu unversehrte Dom sollte, umkränzt von den romanischen Kirchen, ihre Krone bilden. Die Hybris, dem perfektesten Bauwerk der Gotik etwas auch nur annähernd Gleichwertiges entgegensetzen zu können, geht einher mit Apathie. Was eine schwarz-grüne Stadtregierung, von den anderen Parteien im Rat unbeanstandet, sich anmaßt, hat in der Geschichte der alten Colonia nur eine Präzedenz, die tausendjähriges Papier geblieben ist: Die Nationalsozialisten wollten in Deutz ein "Gauforum" errichten, das als Pendant zur Kathedrale fast das Vierfache ihrer Grundfläche beanspruchte. Die Intention für diesen "Parteidom" war zwar eine ganz andere, in seinem Maßstabsbruch aber ist das Ergebnis durchaus vergleichbar: Der gewaltsame Eingriff in die gewachsenen Strukturen sprengt das Stadtgefüge.

Der Kölner Dom hat in seiner mehr als siebenhundertfünfzigjährigen Geschichte einen großen Wandel an symbolischen Bedeutungen erfahren. Als Sinnbild für die unvollendete Nation oder, nach dem Krieg, als Hoffnungszeichen des Wiederaufbaus hat er ausgedient. Daß Preußen ihn auch als Festung gegen den "Erzfeind" auf der linken Rheinseite in Stellung brachte, ist Geschichte; auch läßt sich die gotische Kathedrale nicht mehr, wie Goethe es, blind für die übernationalen Kräfte des Mittelalters, in "Von Deutscher Baukunst" tut, für "vaterländische Bemühungen" beanspruchen. Heute behauptet sich der Kölner Dom als ein Monument, das ganz andere, gegensätzliche Bedeutungen aufnimmt: Meister Gerhard, der das 1248 begonnene Gotteshaus entwarf, war an französischen Bauhütten geschult, und das Vorbild, das es weiterzuentwickeln und in seiner Vollkommenheit zu übertreffen galt, ist die Kathedrale von Amiens. Das Nationaldenkmal von einst und "Weltkulturerbe" von heute ist ein europäisches Wahrzeichen.

Oder sollte es doch sein. Um als solches identifiziert und erfahren zu werden, muß der Dom aber seine beherrschende Stellung im Stadtbild behalten. Als europäisches Wahrzeichen geht er, ähnlich wie 1842 oder 1880, als er im vergifteten Klima nach dem Kulturkampf endlich fertiggestellt wurde, nicht nur die Kölner an, auch wenn sie es sind, in deren Obhut er steht. Ohne Preußen wäre der Dom nicht vollendet worden, und ohne eine solche Kraft, so scheint es fast, läßt sich seine drohende Erniedrigung nicht mehr abwenden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2004, Nr. 50 / Seite 1

 
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Veröffentlicht: 27.02.2004, 18:12 Uhr

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