06.04.2004 · Von Jochen Buchsteiner
Islam und Demokratie, heißt es oft, gehen nicht zusammen. In den vergangenen zwei Wochen haben zwei bedeutende Länder der muslimischen Welt - das größte und das reichste - in freien Wahlen ihre neuen Parlamente bestimmt und dabei jene Kräfte abgestraft, die einem Gottesstaat den Vorzug vor einer offenen, säkularen Gesellschaft geben. Während in Indonesien die fundamentalistischen Parteien - trotz Teilerfolgen - in der Minderheit bleiben, wurde die radikalreligiöse PAS in Malaysia geradezu marginalisiert. Beide Länder werden auch in den kommenden Jahren von Kabinetten regiert werden, deren muslimische Mehrheit für Toleranz, Pluralismus und individuelle Entfaltung einsteht.
Musterdemokratien sind weder in Kuala Lumpur noch in Jakarta zu Hause. Solange Regierungskritiker wie der frühere Finanzminister Anwar Ibrahim aus fadenscheinigen Gründen im Gefängnis sitzen, fällt es schwer, Malaysia das Gütesiegel Rechtsstaat zu verleihen. Auch der von Premierminister Badawi verfügte Zwei-Wochen-Wahlkampf entspricht nicht westlichen Fairneß-Maßstäben. Indonesien wiederum ist derart tief von Korruption durchsetzt, daß eine Parteispendenaffäre, wie sie Deutschland nach dem Ende der Kohl-Ära erlebte, in den Zeitungen des Inselreichs kaum einer Notiz wert wäre.
Bei allen Unzulänglichkeiten gewähren beide Länder ihren Bürgern Freiheiten, die in vielen Staaten der arabischen Welt unvorstellbar wären. Keine Frau ist gezwungen, ein Kopftuch zu tragen, weder vom Gesetz noch von der Nachbarschaft. Christen und Hindus sind in allen Sphären der Gesellschaft aktiv, auch in führender Position. Der Jugend beider Länder werden weder Kinofilme noch Bücher vorenthalten; sie darf in den Bars, Technoclubs und Lounges der großen Städte nachleben, was sie in MTV oder auf Reisen in den Westen gesehen hat.
Warum in Kuala Lumpur und Jakarta geht, was in Riad, Teheran oder Islamabad unmöglich ist, scheint sich auf den ersten Blick über die Geographie zu erschließen. Südostasien ist weit weg von Mekka und den politischen Gravitationszentren der islamischen Welt. Andererseits hält die räumliche Distanz Extremisten vom Schlage der Jemaah Islamiah nicht im geringsten davon ab, ihre Terroraktivitäten mit der sechs Flugstunden entfernt operierenden Al Qaida abzustimmen.
Eine größere Rolle als die Landkarte spielt die Geschichte. Erst spät, sechshundert Jahre nach der Islamisierung des Nahen Ostens, ist die Lehre Allahs in die malaiische Welt vorgedrungen. Dort vermischte sie sich mit dem, was bis dahin den Ton angegeben hatte: Buddhismus, Hinduismus, Animismus. Obwohl sich heute fast neunzig Prozent der Indonesier und mehr als sechzig Prozent der Malaysier zum Islam bekennen, ist ein Verständnis für "das andere" geblieben. In Malaysia ist es sichtbar, weil die chinesischen und die indischen Minderheiten das öffentliche Bild mitprägen. Indonesien hat es festgeschrieben. In der "Pancasila", den fünf Grundsätzen mit Verfassungsrang, wird das Land als ein Staat definiert, für den der "Glaube an einen Gott" konstitutiv ist. Welcher Gott, das ist Nebensache.
Absoluten Schutz gegen religiösen Fanatismus garantiert das noch nicht. Als die Indonesier 1955 - zehn Jahre nach Inkrafttreten ihrer semisäkularen Verfassung - wählten, stimmten noch vierzig Prozent für Parteien, die das Land in einen islamischen Staat verwandeln wollten. Davon abgebracht hat sie erst die genuin südostasiatische Politikmischung aus Kontrolle und Perspektive. Unter Suharto in Indonesien und unter der Einparteienherrschaft der Umno in Malaysia war radikalreligiösen Gruppierungen der Weg in die Politik versperrt. Zugleich investierten beide Regime in die wirtschaftliche und soziale Entwicklung, zunächst mit hauseigenen Mitteln, später mit der Hilfe internationaler Investoren. Die damit verbundene Öffnung der Länder hat den Bürgern die Vorzüge des Westens nähergebracht. Die stetig wachsenden Mittelschichten treffen sich gern in "Pastries" bei Croissants und Cappuccino, sie sammeln Blockbuster-Filme aus Hollywood und träumen von deutschen Autos. Auch wenn die Armen nicht in gleicher Weise vom Wachstum profitierten, so können auch sie sich den Verlockungen des Fernsehens und der Konsumwelt nicht entziehen.
Mit dem Wohlstand wuchs auch die Sehnsucht nach den politischen Freiheiten des Westens und dessen ethischen Standards. Der malaysische Regierungschef verdankt sein überwältigendes Wahlergebnis vor allem dem Versprechen, mit der Vetternwirtschaft aufzuräumen und den Behörden Transparenz und Rechenschaftspflichten aufzuerlegen. Auch der indonesische Wahlkampf drehte sich um das Thema Korruption. Nur dort, wo islamistische Parteien wie die PKS sich nicht als religiöse, sondern als "saubere" Alternativen präsentierten, konnten sie leicht zulegen.
Unkritisch gegenüber dem Westen sind Malaysier und Indonesier deswegen nicht. Dort, wo die materiellen und ideellen Importe als Bedrohung der eigenen Identität empfunden werden, versuchen sie gegenzusteuern. Das beginnt bei Kapitalkontrollen, mit denen Malaysia dem westlichen IWF-Paradigma politisch die Stirn geboten hat, und endet noch nicht bei der hausgemachten "Dangdut"-Musik, mit der Indonesien erfolgreich der Schwemme westlicher Pop-Klänge trotzt. Vereint mit der islamischen Welt sind die beiden Länder in ihrer Verurteilung der amerikanischen Irak- und Palästina-Politik. Nie war der Antiamerikanismus stärker als heute. Die Antwort darauf suchen die Muslime Indonesiens und Malaysias aber nicht in religiösem Fanatismus, sondern in einer Demokratie nach ihrem Geschmack.