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Kommentar Deutscher Nachdenktag

03.10.2004 ·  Eigentlich wäre der 3. Oktober der Tag für kritische Selbstbesinnung, die unterscheidend herauszuarbeiten hätte, welcher Anteil der Defizite beim Prozeß der deutschen Wiedervereinigung und beim Aufbau Ost unvermeidbar war, und was aufs Konto politischer Fehler zu schreiben wäre.

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Eigentlich wäre der 3. Oktober der Tag für kritische Selbstbesinnung, die unterscheidend herauszuarbeiten hätte, welcher Anteil der Defizite beim Prozeß der deutschen Wiedervereinigung und beim Aufbau Ost angesichts der Ausgangslage und der Weltentwicklung unvermeidbar war, und was aufs Konto vermeidbarer politischer Fehler zu schreiben wäre.

Doch die inzwischen recht weitverbreitete Mißstimmung und Einheitsverdrossenheit - im Osten eine auch aus objektiven Befunden wie vor allem der hohen Arbeitslosigkeit herleitbare Unzufriedenheit mit dem Erreichten, im Westen Ärger darüber, daß die den Sozialstaat zum Knirschen bringenden Transfer-Opfer nicht die gehörige dankbare Zufriedenheit hervorgebracht haben - legt es nahe, dagegenzuhalten und an diesem Tag vor allem das Positive zu betonen.

Das heißt einmal die Würdigung des in gemeinsamer Leistung Geschaffenen, vor allem aber die aufmunternde Ermahnung, Zuversicht und Solidarität zu bewahren. Angesichts des "Berges von Aufgaben", vor dem Deutschland stehe, insistierte der Bundespräsident: Bei gemeinsamer Anstrengung "werden wir es schaffen".

Übertriebene Erwartungen

Die Unzufriedenheit mit der Bilanz resultiert in hohem Maße aus dem Kontrast zu einstigen übertriebenen Erwartungen. Doch die sind nur zum Teil übertriebenen Politikerversprechen wie dem von den "blühenden Landschaften" anzulasten; zu einem großen Teil waren sie fühl-notwendig in der damaligen Situation, und die Politiker kamen diesem psychischen Bedürfnis entgegen.

Woran, wenn nicht an gleißenden Zukunftshoffnungen hätten sich die Ostdeutschen festhalten sollen, als sie den Eindruck haben mußten, der Gang der Geschichte und seine Interpretation durch die Brüder im Westen dementiere ihnen Anstrengung und Lebensleistung von über vier Jahrzehnten als Fehlinvestition, während die Westdeutschen sich am Stolz auf das Wirtschaftswunder erbauen konnten?

Die heutigen Probleme Ostdeutschlands sind immer noch zum Teil aus der zunächst nicht voll ermessenen enormen systembedingten Zurückgebliebenheit als Ausgangslage zu erklären. Aber heute ist es Westdeutschland darin voraus, daß hier schon deutlicher geworden ist, was dort noch schmerzhaft zu lernen ist: die positiven Einflußmöglichkeiten der Politik auf Wirtschafts- und Wohlstandsentwicklung sind enttäuschend eng begrenzt.

Quelle: ba., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2004, Nr. 231 / Seite 1
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