01.12.2006 · Das Desaster im Irak hat Amerikas Führungskraft nachhaltig geschwächt. Das Land steht am Rande eines Bürgerkrieges und damit am Abgrund. Das tägliche Blutbad hat ein Ausmaß angenommen, das weit über einen Aufstand gegen fremde Besatzer hinausgeht.
Von Nikolas BusseDer Irak steht am Abgrund, da gibt es nichts zu beschönigen. Das tägliche Blutbad hat ein Ausmaß angenommen, das weit über einen Aufstand gegen fremde Besatzer hinausgeht. Nur ein Teil der Angriffe richtet sich noch gegen die ausländischen Truppen. Heute kämpfen die Iraker vor allem gegeneinander - Sunniten gegen Schiiten, Sunniten gegen Kurden, Sunniten gegen Sunniten, Schiiten gegen Schiiten. So etwas nennt man Bürgerkrieg, auch wenn Präsident Bush dieses Wort nicht mag.
Sein treuester Verbündeter ist da ehrlicher: Blair hat die Lage im Irak kürzlich als Desaster bezeichnet. Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis des eigenen Scheiterns, auch wenn die Presseabteilung hinterher verbreitete, der Premierminister habe es nicht wirklich so gemeint. In der Tat stehen die beiden Feldherren vor einem Scherbenhaufen. Aus einem Bürgerkrieg gibt es nie einen einfachen Ausweg; im Irak mit seinen drei religiös-ethnischen Hauptgruppen und vielfältigen strategischen Interessen der Nachbarschaft wird er besonders schwer zu finden sein.
Zur Zeit läßt sich nicht einmal sagen, ob das Land mehr oder weniger amerikanische Soldaten braucht. Ein Abzug könnte von den Irakern als Startschuß für den Endkampf um die Machtverteilung verstanden werden, eine (massive) Aufstockung als eine versteckte Neuauflage der amerikanischen Direktverwaltung. Allzu viel sollte man sich auch nicht davon versprechen, daß in Washington und London jetzt ernsthaft darüber nachgedacht wird, mit Iran und Syrien zu reden. Die beiden Regionalmächte werden für eine etwaige Hilfe im Irak Zugeständnisse verlangen - Damaskus im Libanon, Teheran im Atomstreit. Eine iranische Atombombe wäre aber ein sehr hoher Preis für die Befriedung des Iraks. Hoffnung macht im Augenblick eigentlich nur, daß es unter den führenden irakischen Politikern immer noch etliche gibt, die für die Einheit des Landes eintreten.
Das ist die bittere Bilanz eines Feldzugs, der dem gesamten Nahen und Mittleren Osten eine neue, eine bessere politische Ordnung bringen sollte. Dreieinhalb Jahre nach dem Einmarsch kann sich Bush nicht mehr zugute halten, als daß er einen Diktator gestürzt hat. Alle anderen Kriegsziele wurden verfehlt, in manchen Fällen ist sogar das Gegenteil des Gewollten eingetreten. Das fängt damit an, daß der Irak nicht wie erhofft zum regionalen Leuchtturm der Demokratie wurde, der andere Regime zu einer politischen Öffnung veranlaßt. Selbst die Emire, Könige und autoritären Präsidenten, die eine Lockerung wollen, werden aus den Ereignissen im Irak die Lehre ziehen, daß die Demokratisierung zum Aufbrechen von konfessionellen Konflikten führen kann, zu Chaos und Gewalt.
Auch die Erwartung, daß sich mit der Beseitigung Saddam Husseins der Knoten im Palästina-Konflikt lockern würde, hat sich nicht erfüllt. Israelis und Palästinenser sind einem Friedensschluß heute nicht näher als 2003. Vielmehr ist die Stimmung inzwischen so schlecht, daß ein Haßredner wie der iranische Präsident Ahmadineschad mit seinen Vernichtungsphantasien gegen Israel zu einem ernsthaften Anwärter auf die regionale Meinungsführerschaft werden konnte.
Schließlich hat der Einmarsch im Irak auch im Kampf gegen den Terrorismus, dem anderen Großprojekt der Bush-Administration, nichts gebracht, im Gegenteil: Mit der Befreiung Afghanistans hatte der Westen der Al Qaida die wichtigste Operationsbasis genommen; die Zahl ihrer Kämpfer wurde deutlich verringert, viele Anführer wurden gefaßt oder getötet. Dieser Erfolg wurde im Irak wieder geschmälert, weil das Land - unter anderem durch militärische Fehler bei der Besatzung - zum neuen Aufmarschgebiet der Dschihadisten wurde. Bisher sind die vor allem mit Anschlägen im Inland beschäftigt. Sollten sie aber eines Tages ihren Aktionsradius ausweiten, dann wird das auch der Westen zu spüren bekommen.
Die schlimmste Folge des verfehlten Irak-Krieges ist aber eine ganz andere, eine, die nicht nur den arabischen Raum betrifft: Es besteht die Gefahr, daß die Vereinigten Staaten als globale Ordnungsmacht gelähmt werden, auf einzelnen Gebieten über Jahre hinweg ausfallen. Ihre großen und kleinen Rivalen vertrauen darauf, daß die Amerikaner auf absehbare Zeit weder genug Soldaten noch den politischen Mut für ähnliche Invasionen haben. Deshalb spielen Länder wie Iran oder Nordkorea derzeit ihre Spielchen mit Washington.
Am längsten dürfte diese Niederlage auf dem sensiblen Feld der öffentlichen Meinung nachwirken. Nicht nur im arabisch-muslimischen Kulturkreis wird das Bild Amerikas für eine oder zwei Generationen stärker vom Foltergefängnis Abu Ghraib geprägt sein als von der Freiheitsstatue. Das beraubt Amerika der "soft power", jener oft unterschätzten kulturellen und ideellen Anziehungskraft, ohne die im Medien- und Diskurszeitalter militärische Kraft erstaunlich wenig wert sein kann. So hat der Irak-Krieg, der eine Machtdemonstration sein sollte, zur ärgsten Beschneidung des amerikanischen Handlungsspielraums seit Vietnam geführt.
Für Europa kann all das kein Grund zum Feiern sein, selbst für französische Multipolaristen nicht. Die Schwächung der Führungsmacht trifft den Westen insgesamt. Die Europäer sind heute weder materiell noch intellektuell in der Lage, Löcher zu stopfen, die Amerika auf der Krisenkarte der Welt hinterläßt. Das hat das Gezeter in der Nato über den Afghanistan-Einsatz gerade wieder gezeigt. Die Amerikaner kochen, die Europäer machen den Abwasch, lautet eine verbreitete Beschreibung der transatlantischen Arbeitsteilung. Im Irak aber wird Amerika noch eine ganze Weile selbst mit dem Abwasch beschäftigt sein. Europa wird kochen lernen müssen.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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