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Kommentar Das globale Stammzellprojekt

20.12.2004 ·  Von Christian Schwägerl

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Warum gibt es für die Entschlüsselung der Kräfte, die aus dem Einzeller Embryo den Billionenzeller Mensch entstehen lassen, noch kein großes internationales Gemeinschaftsunternehmen, vergleichbar dem Humangenomprojekt? Das Interesse an der Freilegung dieser Kräfte ist auf der ganzen Welt riesig, und das nicht nur aus wissenschaftlicher Neugierde. Das Wissen, wie aus einer einzigen Zelle die Vielfalt des Körpers mit seinen Herz-, Haut- und Nervenzellen heranreift, soll in den Dienst der Gewebezucht und damit der körperlichen Regeneration alternder Gesellschaften gestellt werden. Das ist eine globale Gemeinschaftsanstrengung wert. Doch derzeit stellt sich die Entschlüsselung als unwürdiges Rennen dar. Ein Wettbewerb um die niedrigsten ethischen Standards hat eingesetzt, Forscher horten embryonale Stammzellinien, Forschung wird durch ungerechtfertigte Patentrechte behindert. Das wertvolle Wissen wird für den Aufbau einer Embryonenindustrie eingesetzt.

Neugierde und Hoffnung brechen sich immer machtvoller Bahn - notfalls auch zu Lasten konkreter Embryonen, wie sich gerade in diesem Jahr gezeigt hat. Frankreich hat die Nutzung von Embryonen erlaubt, die bei künstlichen Befruchtungen "überschüssig" entstehen. In China, Singapur, Südkorea und Großbritannien sind auch Stammzellen aus eigens geklonten Embryonen erwünscht. Selbst George W. Bush brüstet sich damit, als erster Präsident die Forschung an embryonalen Stammzellen finanziert zu haben. Die UN-Verhandlungen über ein Klonverbot sind kollabiert. Sechzig Prozent der kalifornischen Wähler haben befürwortet, bis 2015 drei Milliarden Dollar öffentlicher Gelder für die Embryonenforschung auszugeben. Zuletzt haben die Schweizer, ein schwer entflammbares, christlich geprägtes Volk, zu 66 Prozent ja gesagt. Sogar in den konservativsten Kantonen gab es Mehrheiten für die Embryonennutzung.

Warnungen, die Menschenwürde der vernutzten Embryonen werde verletzt, der Respekt vor dem Leben könne Schaden nehmen, die Embryo-Forschung werde zum gezüchteten Menschen führen, finden Gehör, aber keine große Gefolgschaft mehr. Viele empfinden ein Unbehagen, denken aber an diesen oder jenen Schwerkranken, dem vielleicht mit frischen Herzzellen oder funktionierendem Nervengewebe geholfen werden könnte. Und wenn nicht ihm, so einem ähnlich Leidenden der Zukunft. Doch ist es wirklich unumgänglich, daß - um Millionen von Menschen regenerative Kräfte zur Verfügung zu stellen - nach der Forschungsphase eine Embryonenindustrie entsteht, die zuerst die tiefgefrorenen Reserven aus der künstlichen Befruchtung aufbraucht und dann zur Synthese von geklontem Rohstoff übergeht? Die ersten internationalen Projekte, wie die UK Biobank, weisen in diese Richtung. Viele, auch Vertreter der Bundesregierung, setzen darauf, daß die ersten Therapieangebote mit embryonalen Stammzellen die Kritik verstummen lassen werden. Das ist gut möglich.

Die Wissenschaft hat aber längst bessere Ziele formuliert. Der Stammzellforscher Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin ist überzeugt, daß es mit dem Wissen um die Stammzellkräfte möglich sein wird, jede beliebige Zelle in jedes beliebige Gewebe zu transformieren. Diese "Reprogrammierung" kommt ohne die Zwischenstufe Embryo aus. Max-Planck-Präsident Gruss, ebenfalls Stammzellfachmann, sieht es als realistisches Ziel an, die im Erwachsenen schlummernden Stammzellen durch neuartige Medikamente gezielt zu aktivieren. So würden Selbstheilungskräfte des Körpers ohne Rückgriff auf Embryonen stimuliert.

Statt passiv auf eine schleichende Erosion des Embryonenschutzes zu warten, wäre es besser, gestaltend zu wirken und die avantgardistische Wissenschaft, die Schöler und Gruss umreißen, voranzutreiben. Die Bundesregierung sollte ihr Gewicht dafür auch in der internationalen Forschungspolitik einsetzen. In einem "Human-Stammzellen-Projekt" könnten alle Länder ihre Ressourcen und ihr Wissen teilen, Biobanken einrichten und ein planvolles Vorgehen verabreden, schon um Doppelanstrengungen und überflüssige Experimente zu vermeiden. Jedes Land könnte sich nach Maßgabe seiner ethischen Grenzen einbringen - vom Tierversuch bis zur Arbeit mit menschlichen Zellen.

So könnte auch den Egoismen und der Wildweststimmung auf dem sensibelsten Gebiet der Bioforschung ein Ende bereitet werden. Daß jedes Land und jede Forschergruppe möglichst viele eigene "Stammzellinien" will, hat weniger wissenschaftliche als kommerzielle Gründe. Es geht dabei um den Versuch, unabhängig von den langjährigen Monopolisten der Universität Wisconsin zu werden, die Stammzellen nur gegen knebelnde Auflagen liefert. Nur die Regierungen der Industriestaaten haben die Kraft, das forschungsfeindliche Schlüsselpatent der Universität Wisconsin zu bändigen und die Arbeit an wenigen standardisierten Stammzellinien zu ermöglichen. Das Europäische Patentamt hat das Wisconsin-Patent, mit dem die Bildungskräfte des Lebens monopolisiert würden, erstinstanzlich ebenso zurückgewiesen wie andere Embryo-Patente.

Die Mission des Stammzellprojekts wäre es, die Reprogrammierung von Zellen und die Selbstheilung des Körpers zu ermöglichen. Dieses große Ziel kann die junge Forschergeneration inspirieren, sie könnte mit ihrer Arbeit alternden Nationen frische Energie geben. Eine globale Kooperation mit diesem Ziel würde die Entstehung einer Embryonenindustrie zumindest erschweren und den Embryonenverbrauch für die Forschung minimieren - mehr als das läßt sich nicht mehr erreichen. Die Kraft des Embryos, der Ehrgeiz Tausender Forscher und die Hoffnung von Millionen Menschen sind freigesetzt. Man kann sie nicht einsperren, nur in eine bessere Richtung lenken. Noch kann es gelingen, die Hoffnungen einzulösen, ohne die früheste Erscheinungsform des Menschen zu industrialisieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2004, Nr. 298 / Seite 1
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