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Kommentar Chaos im Altmühltal

29.04.2008 ·  Deutschlands einzige katholische Universität sucht nach den Beweisen ihrer Einzigartigkeit. Im Konzert der deutschen Hochschulen spielt sie ziemlich die letzte Geige.

Von Daniel Deckers
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Katholische Universitäten in Deutschland standen noch nie unter einem guten Stern. Die erste dieser Art, von Kurfürst Albrecht von Brandenburg 1531 in Halle an der Saale in der Absicht errichtet, nach dem Vorbild von Bologna die modernste deutsche Universität zu werden, versank nach wenigen Jahren im Strudel der Reformation.

1862 begeisterte sich der Aachener Katholikentag für die Idee, im Geiste Humboldts eine spendenfinanzierte freie Universität zu gründen. Doch im preußisch-protestantischen Berlin bissen die Katholiken auf Granit, der Kulturkampf bedeutete das Ende der hochfliegenden Pläne. Wiederum 150 Jahre später sind weltweit mehrere hundert Universitäten und Hochschulen von der Kirche als „katholisch“ anerkannt, darunter die Universität im oberbayerischen Eichstätt. Die Frage ist nur, wie lange noch.

Die Reform des bayerischen Hochschulwesens zu Beginn der siebziger Jahre hatte es mit sich gebracht, dass in Eichstätt eine Lehrerbildungsstätte und eine Philosophisch-Theologische Hochschule zu einer Gesamthochschule zusammengelegt wurden. 1980 wurde die von den sieben bayerischen Bistümern getragene Hochschule mit Zustimmung des Münchner Kardinals Ratzinger in Katholische Universität umbenannt.

Doch wer sich von der hierzulande ersten Hochschule in nichtstaatlicher Trägerschaft eine Belebung der Universitätslandschaft und von der ersten Katholischen Universität im deutschen Sprachraum einen neuen Ort für das Gespräch zwischen Glaube und Vernunft erhofft hatte, der sah sich schnell enttäuscht. Schon 1984 stellte ein namhafter Wissenschaftspolitiker unwidersprochen fest, Eichstätt spiele im Konzert der deutschen Hochschulen ziemlich die letzte Geige. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Von Beginn an ausgezeichnet war nur das Verhältnis von Lehrkräften und Studenten an der niemals als Massenuniversität geplanten Hochschule. Das blieb auch so, als die Universität um eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät im 40 Kilometer entfernten Ingolstadt erweitert wurde. Größere Sprünge ließen der ordentliche Haushalt, der vom Freistaat und der Kirche im Verhältnis 85 zu 15 bestritten wird, die Ausrichtung des kirchlichen Trägers und ein gerüttelt Maß an geistigem Provinzialismus an der Hochschule nicht zu.

Obwohl die Universität als Stiftung gestaltet ist, haben die bayerischen Bischöfe der Universität auch in guten Jahren kein Kapital zur Verfügung gestellt, um angesehene Wissenschaftler zu verpflichten oder Projekte in Forschung und Lehre zu finanzieren, mit der sich die Hochschule im beschaulichen Altmühltal in der Welt der Wissenschaft oder auch nur in der katholischen Kirche jenseits von Main und Donau einen Namen hätte machen können. Als vor wenigen Jahren gespart werden musste, wurden planlos Lehrstühle abgewickelt. Der Ingolstädter Vorzeige-Lehrstuhl „Wirtschaftsethik“ wiederum blieb acht Jahre leer, weil sich die Professoren nicht einigen konnten. Da ist es kein Wunder, dass die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt bis heute nicht einmal Mitglied der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist und die jüngsten hochschulpolitischen Initiativen der Bundesregierung von der Universität nicht im Entferntesten Kenntnis nehmen mussten. Selbst in der katholischen Kirche in Deutschland ist die Universität fast dreißig Jahre nach ihrer Taufe nicht angekommen. Schuld daran tragen in erster Linie die bayerischen Bischöfe, die die Universität immer als ihre ureigene Angelegenheit betrachteten. Selbst in der Gründungsphase hatten sie es nicht für notwendig erachtet, das Warum und Wohin zu erörtern.

Freilich achtete auch die Universität in peinlicher Selbstüberschätzung darauf, nicht in den Ruf zu geraten, eine Denkfabrik der katholischen Kirche zu sein. Dabei fehlt ihr bis heute so ziemlich alles, was eine zeitgemäße katholische universitas auszeichnen müsste: eine ausgewachsene Philosophische Fakultät, Rechts- und Staatswissenschaften, eine hervorragende Theologie, Austauschprogramme mit anderen katholischen Universitäten von Washington bis Delhi, von Paris bis Tokio.

Mittlerweile fehlt der Universität aber noch mehr. Am Donnerstag wurde der Hochschulpräsident feierlich verabschiedet, ohne dass sein gewählter Nachfolger installiert werden konnte. Gegen die Ernennung eines in kirchenrechtlich gültiger dritter Ehe lebenden Professors zum Präsidenten hat sich in der deutschen Kirche wie im Vatikan verbissener Widerstand organisiert.

Das Chaos im Altmühltal hat freilich auch sein Gutes. Kaum einer macht sich noch Illusionen darüber, dass es der Katholischen Universität an Geld, vor allem an Erkennbarkeit und an Köpfen mangelt. Entweder entwickeln Kirche, Freistaat und Universität gemeinsam ein langfristig tragfähiges Konzept, nehmen mit Hilfe von Stiftern und Spendern Geld in die Hand und gründen die Katholische Universität gewissermaßen neu, oder der Ruf wird lauter, den Etikettenschwindel „katholisch“ bald zu beenden. Gescheitert wäre der dritte Versuch namens „Katholische Universität“ dann nicht an der bösen Welt, sondern in erster Linie an um sich greifender Inkompetenz in der katholischen Kirche in Deutschland.

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