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Kommentar Beslan, Bagdad, Paris

04.09.2004 ·  Siegt am Ende doch die Barbarei? Die vergangene Woche hat gleich zweimal bewiesen, wie vital der mörderische Terrorismus ist: mit den angedrohten und zum Teil vollzogenen Geiseltötungen im Irak und mit dem Überfall tschetschenischer und anderer Geiselnehmer auf eine Schule im ossetischen Beslan.

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Von Thomas Schmid

Siegt am Ende doch die Barbarei? Die vergangene Woche hat gleich zweimal bewiesen, wie vital der mörderische Terrorismus ist: mit den angedrohten und zum Teil vollzogenen Geiseltötungen im Irak und mit dem Überfall tschetschenischer und anderer Geiselnehmer auf eine Schule im ossetischen Beslan. Beide Beispiele scheinen zu lehren, daß der Terrorismus heute eine Kraft darstellt, die nicht zu brechen ist. Verhält es sich wirklich so?
Entsetzlich und tragisch ist, was in der Schule von Beslan geschah. Seit Jelzins Tagen betreibt Moskau, in schlechter zaristischer Tradition, eine rüde Gewaltpolitik gegenüber dem nichtrussischen Nachbarvolk der Tschetschenen. Es hat - von einer kurzen Ausnahme abgesehen - nie den geringsten Versuch gegeben, das Land mit Angeboten, mit Entgegenkommen, mit Hilfe zu gewinnen. Die Kehrseite dieser bloßen Unterdrückungspolitik ist ein Terrorismus, der nichts mit Freiheitskampf zu tun hat, der bewußt den Massenmord anstrebt. Diesmal aber hat Präsident Putin wohl versucht, einen anderen Weg zu gehen: den der Einhegung, der möglichst gewaltlosen Lösung. Hatte er früher in schlimmer sprachlicher Entgleisung Terroristen mit Ungeziefer verglichen, das vernichtet gehört - so hat er diesmal die Parole ausgegeben, es müsse alles getan werden, um das Leben der Kinder zu retten. Ein neuer Ton.
Das ganze Elend aber liegt im desaströsen Scheitern dieses Bemühens - nicht aus Absicht, sondern aus mangelnder Erfahrung und fehlender Vorbereitung, wegen Unprofessionalität und schlechter Ausrüstung. Einmal endlich will der Präsident, einmal endlich will der Staat Menschen retten - und da weiß er nicht, wie er das tun soll. Es fehlten ihm mental und praktisch die Instrumente, um in einer hilflos verworrenen Situation entschlossen und flexibel zugleich zu operieren. Schlagartig wurde sichtbar, daß das autokratische Rußland keine Übung hat in der Kunst des Menschenschonens und daß der Staat am Ende doch nicht fähig ist, seine Bürger zu schützen. Putin wollte zivil sein und war am Ende doch wieder nur wehrhaft - was auch ein Zeichen von Schwäche ist. Anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur ist Rußland nicht einmal annähernd ein innerlich gefestigter Staat. Und noch immer fehlt demLand, an dessen Rändern es sichtlich bröckelt, das politische, zivile Werkzeug, um mit Widerspruch und Konflikten umzugehen. Die Täter von Beslan sind Massenmörder, nichts sonst. Putin aber hat es hartnäckig versäumt, Land und Institutionen für den klugen Umgang mit dieser Art von Gewalt zu rüsten.
Barbarische Enthauptungen, die grausame Hinrichtung hinduistischer Arbeitsmigranten und der Versuch, mit Morddrohungen Frankreichs Innenpolitik zu beeinflussen: der Irak scheint es auf den ersten Blick auch nicht besser getroffen zu haben. In der Tat, hier hat das Ende einer Diktatur ebenfalls gewaltige Kräfte der Zerstörung freigesetzt. Und doch sieht es ein wenig so aus, als seien sie hier allmählich auf dem Rückzug: nicht aus Einsicht, sondern dank eines beharrlichen Drucks, der auf sie ausgeübt wird. Dem Bandenführer al Sadr ist es nicht gelungen, eine ganze "heilige" Stadt zur Geisel zu nehmen. Es genügte am Ende ein Wort aus der Ferne, um dem mörderischen Spuk vorerst ein Ende zu machen: Großajatollah al Sistani rief die Gläubigen auf, mit der sanften Macht ihrer demonstrierenden Körper die Entweihung der heiligen Stätte zu beenden. Das garantiert noch nichts, es könnte aber zeigen: Dem posttotalitären Irak kommt vielleicht zugute, daß hier die traditionelle Kraft der Religion nicht derart konsequent zerstört oder verstaatlicht wurde wie in Rußland.
Ganz anderes wiederum geschah in Frankreich. War es dem islamistisch motivierten Terrorismus mit den Anschlägen von Madrid im März gelungen, spanische Innenpolitik zu betreiben, versuchte er es diesmal noch offener: Der französische Staat sollte ein beschlossenes Gesetz - das Kopftuchverbot - umgehend außer Kraft setzen. Doch es trat gerade das nicht ein, was die Terroristen wollten: die Spaltung zwischen laizistischem Staat und Muslimen in Frankreich. Eindeutig wie nie zuvor bekannten sich Muslime und ihre Organisationen zur laizite ihres Staates. Das ist um so bemerkenswerter, als vielen Muslimen hier die herrschende Kraft des Laizismus im Staat keineswegs genehm ist. Der Versuch, ein europäisches Gemeinwesen von innen zu zersetzen, ist gescheitert.
Muslime haben hier mit einer Eindeutigkeit westliche Werte verteidigt, die neu ist. Die hier sichtbar gewordene Kraft könnte vielleicht helfen, viele Konflikte in den multiethnischen Gesellschaften Europas zu befrieden. Ebendiese Kraft würde dringend auch am kaukasischen Rand Rußlands gebraucht, wo eines als sicher gelten kann: Gewalt allein wird ein großes kulturelles, soziales und terroristisches Problem nicht lösen können. Von der muslimischen Welt könnten befriedende Impulse ausgehen, wenn sie das endlich entschieden auch täte, wovon ihre Gelehrten bisher nur reden: in Konflikten vermitteln.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.09.2004, Nr. 36 / Seite 12
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