In wenigen Wochen wird der italienische Ministerpräsident Berlusconi auf die ihm eigene selbstgefällige Art einen neuen Rekord verkünden: Zwei Jahre und elf Monate - so lange wie kein anderer Ministerpräsident der Nachkriegszeit - wird er dann ein und demselben Kabinett vorstehen. Die bisherige Langzeitmarke hatte der Sozialistenführer Craxi gesetzt, der sich zwischen August 1983 und Juni 1986 ohne Koalitionsbruch hielt, später aber unrühmlich im Sumpf von Korruptionsskandalen, Amtsmißbrauch und illegaler Parteienfinanzierung unterging. Sehr viel länger regiert als Berlusconi haben neben Craxi etwa Andreotti (mit sieben Kabinetten) und De Gasperi (mit acht). Aber in der Stabilität einer einzigen Regierung und Koalition wird nun der 67 Jahre alte Berlusconi die Führung übernehmen.
Das kann nur die überraschen, die in dem "Niederstieg" des Mailänder Medien-Millardärs in die Politik eine flüchtige Erscheinung mit raschem Verfallsdatum sahen oder sehen wollten. Vor zehn Jahren, als Berlusconi mit seinem Bündnis der rechten Mitte die Parlamentswahlen gewann, dann jedoch schon nach sieben Monaten im Dezember als Regierungschef zurücktreten mußte, schienen sich solche Erwartungen auch zu bewahrheiten. Doch dann stand der erfolgsverwöhnte Unternehmer, längst der reichste Mann Italiens, auch noch mehr als sechs Jahre als Oppositionsführer durch, also eine politische Existenz ohne Gestaltungsmöglichkeiten, ohne Macht gegenüber den regierenden Bündnissen der linken Mitte.
Es waren doppelt dürre und vielfach lehrreiche Jahre für einen, der Erfolge und Siege gepachtet zu haben schien. Dabei wurde aus einem Condottiere der Mediengesellschaft ein Politiker, dem nach Ansicht vieler zwar noch alle Makel eines übermäßigen wirtschaftlichen Einflusses und zahlloser offener Konflikte mit der Justiz anhaften, dem jedoch, wie die langplanenden Parteiführer der Opposition eingesehen haben, mit dem ewigen Hinweis auf diese Erbsünden nicht beizukommen ist. Verteufelung, geben sie zu bedenken, habe weder die Regierung Berlusconi weggebracht noch die Mitte-rechts-Koalition erschüttert.
Die "rechte Mitte" ist nach wie vor Berlusconis Erfolgsformel. So wie die Democrazia Cristiana, die christlich-demokratische Regierungspartei für Jahrzehnte, einst mit der "Apertura a sinistra", der Öffnung nach links, die Sozialisten (und bald auch die Kommunisten) regierungsfähig machte und sich zugleich ihre eigene Macht sicherte, schloß Berlusconi vor zehn Jahren einen historischen Kompromiß mit den bis dahin geächteten Rechten der postfaschistischen Sozialbewegung (MSI). Aus deren Duce-Mussolini-Verschnitt wurden unter dem Parteichef Fini, dem heutigen stellvertretenden Ministerpräsidenten, weithin geachtete Rechtsnationale (AN), die das Verlangen der Wähler nach Recht und Ordnung, nach der Berücksichtigung des Nationalen in akzeptablen Bahnen halten. Die Beziehungen zwischen Berlusconi und diesem größten Koalitionspartner - neben den Christlichen Demokraten des Zentrums und der Lega Nord (gegenwärtig ohne ihren todkranken Führer Bossi) - sind besser, als es die zwischen Democrazia Cristiana und Partito Socialista je waren; sie bilden das feste Rückgrat der Regierung.
Oft unterschätzt wurde jedoch Berlusconis eigentliche Machtbasis: nicht Reichtum und Medienmacht, sondern eine 1994 fast aus dem Nichts geschaffene "postpolitische" Bewegung namens Forza Italia. "Italien voran" - der Schlachtruf für die Fußball-Nationalmannschaft - ist zugleich das Programm. Forza Italia ist weniger eine Partei von Funktionären, sondern meist von Frauen und Männern mit nützlichen Erfahrungen und häufig überdurchschnittlichen Leistungen in einem "ordentlichen" Beruf. Die Wähler der Forza Italia - bei den letzten Parlamentswahlen rund 30 Prozent der Stimmen - sind Bürger der Mitte, die es im Leben zu etwas gebracht haben und Politik bestenfalls als Mittel für sachgerechte Lösungen betreiben. Sie hängen keiner bestimmten Ideologie an und sind weit davon entfernt, die Gesellschaft beglücken zu wollen. Es reicht ihnen schon, wenn die Politik der anstehenden Probleme einigermaßen Herr wird, ohne neue zu schaffen.
Sosehr es seine Widersacher schmerzt und aufbringt - Berlusconis drittes Erfolgsfundament ist seine erklärte Abneigung gegen links. (Umgekehrt kann die Linke nichts gegen die Mitte sagen und gewinnt "gegen rechts" nur mehr wenig.) Deshalb wirken die zeitweiligen Ausfälle gegen "Linke und andere Kommunisten" in Italien gar nicht so anachronistisch. Sie entsprechen einem Mißtrauen gegen überholte ideologische Phrasen, gegen eine verklemmte Einstellung zur Wirklichkeit und eine unprofessionelle Haltung gegenüber Arbeit und Leistung, die schon vor dem Ertrag alles verteilen will.
Die Parteien der Linken wissen um diese Vorbehalte bei einer Mehrheit der Italiener. Deshalb umwerben sie jetzt wieder den EU-Kommissionspräsidenten Prodi, einen links-katholisch, also nur sozial freundlich geprägten Mann, der ein Bündnis der Linken im April 1996 schon einmal zum parlamentarischen Sieg geführt hat. Der Wirtschaftsprofessor und ewige politische Rivale Berlusconis soll schon bei Europawahlen im Juni Stimmen für die Linke sammeln und bei den nächsten italienischen Parlamentswahlen, voraussichtlich im Frühjahr 2006, für das Amt des Ministerpräsidenten kandidieren. Bis dahin könnte sich auch das Urteil der Wähler über Berlusconis Erfolgskonstruktion ändern. Auf Dauer werden sie nicht mehr nur nach Links-rechts-Präferenzen entscheiden, sondern kühl messen, was die Mitte-rechts-Koalition unter Berlusconis Forza Italia geleistet hat: ob Italien nicht nur eine stabile und selbstsichere Regierung hatte, sondern auch wirklich vorangekommen ist.