23.03.2005 · Der Kampf Papst Johannes Pauls II. zwischen Leben und Tod findet in der Weltöffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Aber was interessiert die Menschen in aller Welt so sehr an dem Schicksal des Pontifex?
Von Heinz-Joachim FischerNie zuvor hat das Geschick eines einzelnen Menschen in der Weltöffentlichkeit soviel Aufmerksamkeit gefunden wie jetzt der Kampf Papst Johannes Pauls II. zwischen Leben und Tod. Das ist nicht allein ein Interesse für einen internationalen "Superstar", dem seit bald einer ganzen Menschengeneration, seit dem Beginn seines Pontifikats im Oktober 1978, aus dem einzigartigen Amt des Oberhaupts der katholischen Kirche unvergleichliche Bekanntheit zufällt.
Kein politischer Führer kann es darin mit ihm aufnehmen. Dabei konfrontiert der Papst die Menschheit seit Jahren keineswegs ausschließlich mit den schönen Seiten des Lebens. Standen über viele Jahre die feierlichen Erhöhungen menschlicher Existenz aus religiöser Tradition und die christlichen Ansprüche einer universalen Heils- und Sittenlehre im Vordergrund, so sind es - in letzter Zeit beinahe ausschließlich - seine ganz persönlichen Gebrechen.
Das fing schon vor 24 Jahren an, als ein jugendlich wirkender Papst, der umjubelt die Welt durcheilte und auf Skiern Berghänge hinunterglitt, durch ein Attentat (am 13. Mai 1981) zum Kampf gegen den Tod gezwungen wurde. Das verstärkte sich vor zehn Jahren, als Karol Wojtyla, am 18. Mai 1920 geboren, die in der Kirche übliche Altersgrenze zum Ruhestand von 75 Jahren überschritt, doch nichts von Ruhe wissen wollte. Da kamen zu den Anstrengungen eines kräftezehrenden Amtes und den üblichen Folgen des Alterns lastendere Leiden, wie sie in den entwickelten Gesellschaften mit hoher Lebenserwartung zunehmend die Krankheitsgeschichten ausmachen.
Es traf den Papst in Rom, wie es jeden gewöhnlichen Sterblichen behelligen kann. Er mußte wegen eines Tumors operiert werden; ein Sturz in der Öffentlichkeit zog die Schulter in Mitleidenschaft, ein Ausrutscher in den Privaträumen den Oberschenkelhals - gefürchtete Altersfallen. Dann mußte "Parkinson", eine der heimtückischsten Krankheiten, weggedrängt werden. Was die Kirche am Aschermittwoch den Gläubigen mit dem Aschenkreuz zuflüstert: "Bedenke, o Mensch: Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück!", erfuhr der Pontifex maximus am eigenen Leib. Ihm, der wegen seiner physischen Vitalität sogar "Athlet Gottes" genannt worden war, versagte der Körper den Dienst; ihm, dem Papst, nicht anders als Millionen anderen in der Methusalem-Zivilisation.
Das aber war anders und wurde von der nun weltweit vernetzten Kommunikationsgemeinde auch anders wahrgenommen als bei seinen Vorgängern. Alte Päpste sind Kirche und Menschheit gewöhnt. Johannes Paul I. starb überraschend nach nur 33 Tagen im Amt im Alter von 66 Jahren (September 1978) - dies wurde als eine Ausnahme empfunden. Doch Paul VI. starb mit 81 (August 1978), Johannes XXIII. mit 82 (1963), Pius XII. mit 83 (1958) und Leo XIII. mit 93 Jahren (1903). Auch bei ihnen zeigten sich die Gebrechen von Alter und Krankheit. Doch ihre Leidenszeit war wegen der geringeren medizinischen Möglichkeiten kürzer und wegen der viel schwächeren Medienneugier weniger auffällig.
Doch die seit Jahren gespannte Aufmerksamkeit der Zeitungen, Magazine, Hörfunkstationen und Fernsehgesellschaften für den Gesundheitszustand Johannes Pauls II., die Heerscharen von Journalisten, Fotoreportern oder Kameramännern vor dem römischen Großklinikum und gegenüber den Fenstern des päpstlichen Palastes sind nicht nur Sensationshascherei. Die Aufmerksamkeit gilt dem exemplarischen Sterben eines religiösen Menschen, der den Abschied von dieser Welt, den "Übergang auf die andere Seite" nicht fürchten muß - und wir nehmen daran teil, weil es unser aller Schicksal ist.
Schon von Anfang an hat sich Johannes Paul II. auf Alter und Krankheit, auf alte, kranke, behinderte und lebensgefährdete Menschen eingelassen. Nun löst er seine Worte dazu vor aller Welt ein. Der noch kraftstrotzende Papst fühlte sich während seines ersten Besuchs in Deutschland im November 1980 bei einer Predigt im Münchner Liebfrauendom in die Kümmernisse älterer Menschen ein: "Ihr seid eine notwendige Ergänzung in einer Welt, die sich für den Schwung der Jugend und für die Kraft der sogenannten besten Jahre begeistert. Ihr erinnert sie daran, daß auch sie eines Tages ihr Werk in jüngere Hände legen wird. In euch wird sichtbar der Sinn des Lebens, daß in allem äußeren Tun zugleich etwas Inneres reifen soll und in allem Zeitlichen etwas Ewiges." So symbolisiert Johannes Paul II. in seinem Zustand, daß Krankheit und Hilflosigkeit zur menschlichen Existenz gehören, daß sie selbst zu ertragen und von anderen anzunehmen sind.
Zugleich wird demonstriert, wie behutsam die Kirche, die erfahrenste Begleiterin der Menschheit seit zwei Jahrtausenden, mit ihrem obersten Amtsträger umgeht. Obwohl er alt und gebrechlich ist. Obwohl er nicht mehr den ursprünglichen Anforderungen seines Amtes gewachsen ist. Der Papst und die wichtigsten Kardinäle der römischen Kurie nehmen in Kauf, daß die Kirche eine Weile nach dem Maß des Menschen, auch eines nicht mehr leistungsfähigen, regiert wird.
Ganz bewußt hat Johannes Paul II. am "Passionssonntag", zwei Wochen vor Ostern, gegen den Rat der behandelnden Ärzte entschieden, das Krankenhaus zu verlassen und in den Vatikan, "nach Hause", zurückzukehren. Vor drei Jahren hatte der Papst - auch aus Anlaß der Diskussion über Euthanasie und Sterbehilfe - Medizinern und Gesundheitsfachleuten aus aller Welt in Rom eingeschärft: "Eine Intensivmedizin um jeden Preis bis zum Letzten würde sich schließlich nicht nur als unnütz erweisen. Sie würde auch nicht völlig den Kranken respektieren, der nun an sein Ende gelangt ist." Diese Botschaft wird jetzt durch das persönliche Beispiel beglaubigt.