27.01.2005 · Kein „Aufstand der Anständigen“ kann mit lautem Schreien erzwingen, daß der Mord an den Juden Europas nicht vergessen wird. Am ehesten vergißt der nicht, der Scham empfinden kann. FAZ.NET-Spezial zum Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 60 Jahren.
Von Thomas SchmidAls für die verbliebenen Gefangenen von Auschwitz am 27. Januar 1945 die Stunde der Freiheit kam, „schlug sie“, so der Häftling Primo Levi, „für uns ernst und lastend und erfüllte unsere Seelen mit Freude und zugleich einem schmerzlichen Schamgefühl“.
Warum Scham? Levi: „Es war die gleiche wohlbekannte Scham, die uns nach den Selektionen und immer dann befiel, wenn wir Zeuge einer Mißhandlung sein oder sie selbst erdulden mußten: jene Scham, die die Deutschen nicht kannten, die der Gerechte empfindet vor einer Schuld, die ein anderer auf sich lädt, und die ihn quält, weil sie existiert, weil sie unwiderruflich in die Welt der existenten Dinge eingebracht ist.“
Auschwitz steht für den ersten Versuch in der Geschichte, mit industriellen Vernichtungsmethoden ein ganzes Volk, das jüdische, auszurotten. Dieses schon weit fortgeschrittene Vorhaben und die riesige Schuld, die damit aufgehäuft wurde, sind unwiderruflich in der Welt.
Alles menschliche Maß übersteigend
Zwar scheint mörderische Gewalt seit jeher eine Konstante menschlichen Handelns zu sein; doch ist der Holocaust von solcher Ungeheuerlichkeit, daß Verstand und Sinne sich nicht aus schlechtem Grund allein sträuben, ihn als Faktum zu erkennen. Auch deswegen hat es - obwohl spätestens seit 1945 der verbrecherische Charakter des Nazi-Regimes bekannt, dokumentiert und unumstritten war - Jahrzehnte gedauert, bis der Mord an den Juden Europas von einer nennenswerten Öffentlichkeit als das besondere Merkmal von Hitlers Herrschaft anerkannt wurde. Die Scheu, den alles menschliche Maß übersteigenden Holocaust wahrzunehmen, war vielleicht nicht nur Ausdruck von Verstocktheit - sie enthielt vielleicht auch ein Quentchen Auflehnung dagegen, dieses Verbrechen für möglich zu halten.
Wird man den Holocaust bald vergessen?
Wenn an diesem Tage des sechzigsten Jahrestages der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers im polnischen Oswiecim (Auschwitz) gedacht wird, ist es wohl der letzte runde Gedenktag, an dem noch Überlebende der Lagerwelt teilnehmen und bezeugen können. Ist zu befürchten, daß mit ihrem Tod der Holocaust dem Vergessen anheimfallen wird?
Wird er über kurz oder lang derart historisiert werden, daß er nur noch eine mörderische Bizarrerie aus undenklicher Vorzeit ist? - Das wird dann geschehen, wenn er allzu direkt benutzt wird, um in der Gegenwart um politische oder kulturelle Terraingewinne zu streiten. Es gibt den Versuch, den Holocaust zum - negativen - Gründungsmythos des Reichsnachfolgers Bundesrepublik Deutschland und, darüber hinaus, sogar Europas im allgemeinen und der Europäischen Union im besonderen zu machen.
Die Idee von einer „Stunde Null“
Dahinter steht ein edles Motiv: Nach diesem furchtbaren Zivilisationsbruch der Deutschen - in den, von Dänen und Bulgaren abgesehen, fast alle Völker Europas durch Kollaboration verwickelt waren - sollte eine neue gesellschaftliche und politische Welt entstehen, deren moralisches Movens der unbedingte Wille sein sollte, sich von diesem Tiefpunkt auf immer abzustoßen. Daher die Idee von einer „Stunde Null“, daher auch die Gewohnheit, Europas Sinn fast ausschließlich aus dem Fluchtpunkt Holocaust zu beziehen.
Doch dieses edle Motiv sollte nicht tragen. Es sollte nicht tragen, weil wir so von Hitler nicht loskommen: Der Urheber des Holocausts würde zum schwarzen Gründungsvater eines hellen Europas - eine Ehre, die dieser Verbrecher nicht verdient hat. Wir sollten uns - auch aus Respekt vor den Opfern, die jeder für sich eine unwiederholbare Welt darstellten - hüten, den Holocaust zum Sinnstifter zu machen: Es wäre eine Indienstnahme und damit letztlich eine - wenn auch gutgemeinte - Verhöhnung der Toten.
Unwürdiger Aufrechnungsstreit
Und man sollte Europa nicht auf den Holocaust gründen. Denn das triebe den Kontinent in einen unwürdigen Aufrechnungsstreit. Während Auschwitz für das vor dem Ende des Sowjetreichs vereinte Europa durchaus als verbindlicher negativer Fluchtpunkt denkbar ist, ist dies für das nun erweiterte und erst recht für das kommende Europa kaum mehr denkbar.
Es treten dann - wie schon zu beobachten war - zwei Opfergeschichten in eine häßliche Konkurrenz, welche die Holocaust-Leugner mit großer Freude verfolgen würden: Holocaust gegen Kulakenmord, Nationalsozialismus gegen Stalinismus. Wenn denn Europa, mit gutem Grund ost-erweitert, einen Gründungsmythos braucht, dann müßte es einer sein, in dem, ohne irgend etwas am Holocaust zu schmälern, das zweite europäische Großverbrechen des 20. Jahrhunderts angemessen gewürdigt würde. Daß dem noch nicht so ist, wird etwa daran sichtbar, daß am kommenden Montag der 75. Jahrestag des Beginns der Kulakenenteignung, dem der Massenmord an ihnen folgte, nur wenig Erwähnung und Gedenken finden wird.
Scham gegen das Vergessen
In einer würdigen Rede im Deutschen Theater in Berlin hat Bundeskanzler Schröder das Richtige gesagt: „Ich bekunde meine Scham angesichts der Ermordeten.“ Dann aber hat er etwas Waghalsiges hinzugefügt. „Die Erinnerung an Krieg und Völkermord im Nationalsozialismus ist Teil unserer gelebten Verfassung.“ Auch das war, als Bekenntnis zum deutschen Neuanfang, gut gemeint. Es stimmt nur nicht. Erinnerung setzt persönliche, unmittelbare Erfahrung voraus: Die Überlebenden erinnern sich an den Völkermord, die Nachgeborenen nicht.
Es war bitter nötig, den Holocaust ins öffentliche Bewußtsein zu stellen. Wer das aber tut, der erinnert nicht, der gedenkt. Wer die Rolle der Erinnernden usurpiert, drängt sich auf im Grunde unanständige Weise nach vorne. Auf die Kultur des Verschweigens und Beschweigens folgte seit Mitte der sechziger Jahre eine Kultur des Beschwörens und des möglichst lauten Aussprechens. Sie mag ihre Verdienste haben. Nun aber sollte sie abdanken. Kein „Aufstand der Anständigen“ kann mit lautem Schreien erzwingen, daß der Mord an den Juden Europas nicht vergessen wird. Am ehesten vergißt der nicht, der Scham empfinden kann. Scham ist selten laut.