14.12.2003 · Er wurde im April gestürzt, das Bild des umgestoßenen Monuments in Bagdad ist noch in Erinnerung. Jetzt, nach acht Monaten, in denen die Nachrichten aus dem Irak alles anderes als zuversichtlich stimmten, ist Saddam Hussein gefaßt worden.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerEr wurde im April gestürzt, das Bild des umgestoßenen Monuments in Bagdad ist noch in Erinnerung. Jetzt, nach acht Monaten, in denen die Nachrichten aus dem Irak alles anderes als zuversichtlich stimmten, ist Saddam Hussein gefaßt worden. Vielleicht war es tatsächlich nur eine Frage der Zeit, daß der irakische Despot, der in seinem Land eine verlorene Generation - und nicht nur die - auf dem Gewissen hat, aufgespürt werden würde. Für die Besatzungsmächte, für die Regierungen in Washington und London, war es jedenfalls höchste Zeit. Die Berichte von jubelnden Irakern geben ihnen das Gefühl einer verspäteten Rechtfertigung ihres Vorgehens, dessen Folgen das Wort "kontrovers" auch im nachhinein nur unzureichend beschreibt.
Saddam Hussein in Gewahrsam: der Albtraum, er könne wiederkehren, wird die Iraker nicht mehr befallen, nicht die Schiiten, Kurden, Turkomanen und selbst die Sunniten nicht, die es unter seiner Herrschaft weniger schlecht hatten als andere. Die "Republik der Angst" hat nach der Festnahme desjenigen, der die Ermordung Hunderttausender anordnete und dessen Aggressivität die Nachbarn des Iraks zu spüren bekamen, ihr Gesicht verloren; wiedererstehen wird sie so nicht mehr. Deswegen eröffnet das "Wir haben ihn", so typisch amerikanisch Washingtons Statthalter diesen Satz auch gesagt hat, dem von Zerfall und Anarchie bedrohten Land nun möglicherweise wirklich die versprochene bessere Zukunft. Weil das Gespenst der alten Zeit niemanden mehr heimsuchen wird, kann jetzt die Versöhnung beginnen.
Natürlich ist damit erst einmal eine Hoffnung verbunden: daß die Reste des alten Regimes, deren terroristische Anschläge die Kosten der Besatzung in die Höhe getrieben hatten, nun, da sie ihren Führer endgültig verloren haben, nicht mehr den Willen und die Ressourcen für fortgesetzten Widerstand aufbringen können. Sie waren vermutlich nie eine strategische Gefahr, aber sie waren gefährlich und bedrohlich genug, um die Vereinten Nationen in die Flucht zu schlagen, die Interventionsmächte in Zugzwang zu bringen und ihre Moral zu beschädigen. Es werden auch künftig Bomben gelegt und Besatzungssoldaten angegriffen werden; aber immer weniger Iraker werden das als legitimen Widerstand verklären, immer mehr werden erkennen, daß es den Aufbau des Landes untergräbt. Immerhin: Die Entwicklung in Afghanistan und der Kampfeswille versprengter Taliban und islamistischer Terroristen dort sind eine Mahnung, den Tag nicht vor dem Abend zu loben.
Daß insbesondere Bush und Blair es jetzt etwas leichter haben werden, sich ihrer Kritiker zu erwehren, ist sicherlich ein Effekt der Gefangennahme Saddams. Aber das ist zweitrangig. Gespannt darf man dagegen sein, wie die skeptisch-ablehnenden (arabischen) Nachbarn darauf reagieren werden, daß dem ehemaligen Diktator von Bagdad nun nicht mehr irgendein Mythos angedichtet werden kann. Sie werden sich auf die neuen Realitäten einzustellen haben.
Gespannt wird man außerdem darauf sein, was Saddam zu sagen hat - wenn er aussagt und wenn seine Aussagen, es ist von einem Tribunal die Rede, öffentlich gemacht werden. Warum hat er seinen Militärs nicht den Befehl gegeben, sich den Invasionstruppen ernsthaft in den Weg zu stellen? Was war sein Kalkül? Welche Signale glaubte er empfangen zu haben? Und dann die "Mutter aller Fragen": Was hatte es mit den Massenvernichtungswaffen, deren angebliche Existenz zumindest für Blair das Motiv der Intervention war, wirklich auf sich? Gibt es sie noch, oder gab es sie? Und wenn sie nicht früher in dem von der amerikanischen Regierung behaupteten Umfang existiert haben sollten: Warum riskierte Saddam Hussein lieber seinen Sturz, als sich den Vereinten Nationen zu unterwerfen? Von diesen Antworten könnte abhängen, was in den Geschichtsbüchern über den Irak-Konflik dereinst zu lesen sein wird. Daß der Gestürzte nicht mehr auf freiem Fuß ist, gibt schon jetzt den Aufbauwilligen das Signal, daß die Erneuerung des Iraks und darüber hinaus möglich ist.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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