Das hat es noch nicht gegeben: Zuerst spricht Innenminister Schily dem designierten IG-Metall-Vorsitzenden Peters die Führungskompetenz ab. Jetzt verurteilt derselbe Bundeskanzler, der noch vor Tagen davor gewarnt hatte, die Gewerkschaften zu demütigen, offen deren gesamte Politik und ruft die IG Metall auf, sie solle sich an der Chemiegewerkschaft ein Beispiel nehmen. Daß ein solcher Stimmungswechsel, ein solcher Affront inzwischen gefahrlos möglich ist, verrät, wie schlimm es um die größte Industriegewerkschaft der Welt bestellt ist: Sie liegt am Boden, und jeder kann sie mit Füßen treten.
Den K.-o.-Schlag hat sich die Gewerkschaftsspitze durch ihre halsstarrige Weigerung, aus der Führungskrise personelle Konsequenzen zu ziehen, selbst zugefügt. In der IG Metall gärt der Richtungsstreit schon seit langem. Doch weder der Vorsitzende Zwickel noch sein Stellvertreter Peters waren in der Lage, die unterschiedlichen Strömungen zu integrieren und zu kanalisieren. Solange beide wie ein Korken den Flaschenhals verstopfen, kann sich der Druck in der Organisation nicht entladen. Die Folge ist ein noch nicht dagewesener Aderlaß: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres hat die IG Metall mehr Mitglieder verloren als im gesamten Vorjahr. Und das ist erst der Anfang.
Beide Vorsitzenden tragen Verantwortung für den desolaten Zustand ihrer Organisation. Zwickel steht nach zehn Jahren Amtszeit mit leeren Händen da. Er ist nicht nur mit allen großen tarif- und gesellschaftspolitischen Themen wie der 32-Stunden-Woche und dem Bündnis für Arbeit, sondern auch personalpolitisch gescheitert: Dreimal hat er versucht, seinen Stellvertreter Peters zu verhindern, dreimal erfolglos. In den Strippen, die er ziehen wollte, hat er sich am Ende selbst verheddert. Seine Autorität ist dahin. Er sollte gehen.
Peters wiederum hätte die Niederlage im Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche wittern, den geballten Widerstand auch der sozialdemokratischen Politiker vorhersehen, die galligen Reaktionen in der eigenen Organisation ahnen müssen. Die Chuzpe, mit der er seine Kandidatur dennoch aufrechterhält, ist beispiellos und nur dadurch zu erklären, daß die IG Metall nicht die Kraft hat, ihn zu stürzen.
Damit aber tut sie sich keinen Gefallen. So wie Peters in der Tarifpolitik die Branchenverträge aufkündigt und zum "Häuserkampf" bereit ist, will er in der Parteipolitik die traditionelle Bindung der Gewerkschaften an die Sozialdemokratie kappen. Anders als Zwickel sieht er die rot-grüne Regierung nicht länger als Erfüllungsgehilfen der IG Metall und umgekehrt die IG Metall nicht mehr als Steigbügelhalter für die Sozialdemokraten. Die sanfte Abnabelung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten wegen gewandelter Biographien beinahe zwangsläufig vollziehen mußte, will Peters sogar noch forcieren. Er will das Band zwischen den historischen Verbündeten endgültig zerschneiden, der IG Metall ihre Angst vor dem Alleinsein austreiben und sie als moderne gesellschaftliche Gegenmacht aufstellen, die mit Kirchen, Globalisierungsgegnern oder Umweltschützern Zweckbündnisse eingeht: die IG Metall als Attac oder Greenpeace für Arbeitnehmer.
Auf den "dritten Weg", der den Gesellschaften gerade so viel Modernisierung abverlangt, wie für eine sozialdemokratische Regierung und ihre gewerkschaftlich organisierte Klientel noch erträglich ist, wird Peters sich nicht begeben. Er wird in die entgegengesetzte Richtung marschieren. Wo dieser Pfad enden wird, ist abzusehen. Schon die Aktionen gegen die Agenda 2010 haben nur ein paar tausend Protestierende auf die Straße gebracht. Wie reuige Sünder mußten die Gewerkschaftsführer, die vorher jeden Reformdialog verweigert hatten, unlängst vor dem Kanzler zu Kreuze kriechen. Die Blamage hätten sie sich ersparen können.
Ein Blick ins Ausland hätte genügt, um die IG Metall und mit ihr die übrigen Gewerkschaften von ihrem Konfliktkurs abzubringen. Der britische Gewerkschaftsführer Monks hat es seinen deutschen Kollegen unlängst noch einmal ins Stammbuch geschrieben: Nur ein kooperativer Kurs, nicht aber eine Blockadehaltung kann den Niedergang der Gewerkschaften noch aufhalten. Sonst drohen ihnen Verhältnisse wie in Frankreich, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten. Dort haben die Arbeitnehmerorganisationen dramatisch an Bedeutung eingebüßt, sind sie zersplittert und untereinander verfeindet. Allein der öffentliche Dienst ist ein letztes Reservoir für kollektive Regelungen geblieben. Der aber kann angesichts der globalen Haushaltsnöte und des verkrusteten Dienstrechts auf lange Zeit keine Schrittmacherrolle übernehmen.
Die deutschen Gewerkschaften kommen nicht umhin, ihren Frieden mit den veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu machen. Es geht längst nicht mehr um die Verteilung von Zuwächsen, nicht einmal mehr um die Besitzstandssicherung für Rentner und Arbeitslose, sondern um eine Neujustierung der sozialen Sicherungssysteme. Unter deren Last ächzen nicht die Millionäre, sondern Facharbeiter, Verkäuferinnen und Krankenschwestern. Den Gewerkschaften böte sich ein weites Handlungsfeld, um sich als echte Treuhänder der Arbeitnehmerbeiträge zu profilieren. Sie müßten mithelfen, das Gesundheitswesen transparenter zu machen, Wettbewerb zu ermöglichen, ineffektive Beschäftigungsprogramme abzuschaffen und die Beitragsfinanzierung sozialpolitischer Aufgaben zu beenden. Sie könnten werben für einen neuen gesellschaftspolitischen Konsens, der Eigenverantwortung ermöglicht, Leistungsbereitschaft belohnt und die Bevormundung, bisweilen gar Entmündigung durch Staat und Tarifkartell beendet. Nur mit einem solchen Programm ließe sich der Mitgliederschwund noch stoppen. Doch wer die Realität "gestalten" will, muß erst einmal in ihr ankommen. Der vom Kanzler gelobten Chemiegewerkschaft ist dies gelungen. Die IG Metall hat es noch vor sich.