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Koffer-Bomber Festnahme um 3.41 Uhr

20.08.2006 ·  Nach der Festnahme des ersten Tatverdächtigen in Kiel lobte die Staatsanwaltschaft den schnellen Fahndungserfolg der Polizei. Videoaufzeichnungen und E-Mails sollen den Durchbruch gebracht haben.

Von Frank Pergande, Kiel
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Am vergangenen Freitag hatte sich das Bundeskriminalamt entschlossen, die Videoaufnahmen von den beiden mutmaßlichen Bombenlegern von Dortmund und Koblenz zu veröffentlichen. Das war knapp drei Wochen nach dem Fund der Bomben in zwei Regionalzügen.

Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung schon, in der Nacht zum Samstag, wurde der erste Verdächtige gefaßt. Um 3.41 Uhr nahmen die Ermittler ihn fest, als er auf dem Kieler Bahnhof in einen Regionalzug nach Hamburg stieg, den ersten, der an diesem Tag fuhr. Zivilfahnder hatten auf ihn gewartet, und zwar offenbar schon seit 22 Uhr. 50.000 Euro hatte das BKA am Freitag ausgelobt für Hinweise auf die Täter.

Daß der erste so schnell gefaßt wurde, gehe aber nicht auf einen Hinweis aus der Bevölkerung zurück. So sagte es der Präsident des BKA, Ziercke, der am Samstag nach Kiel gekommen war, um den Ermittlern zu danken und sie dafür zu loben, daß Landes- und Bundesbehörden so gut zusammengearbeitet hätten.

Unprofessionelle Gruppierung

Zwar kommt Ziercke aus Schleswig-Holstein. Daß er aber am Samstag in Kiel war, deutet auf die außerordentliche Bedeutung des schnellen Fahndungserfolgs hin. Woher wußten die Ermittler so genau, daß der Verdächtige früher oder später auf dem Kieler Bahnhof auftauchen würde? Als die Videobilder veröffentlicht wurden, hätten sie noch keine Ahnung von der Identität des Mannes gehabt, versicherte Ziercke am Samstag abend.

Die Ermittler selbst wollen über ihren erstaunlich schnellen Informationsgewinn nichts sagen. Sie verweisen darauf, daß der zweite Täter noch nicht gefaßt sei, also nach wie vor eine Gefahr bestehe, auch die einer neuen Bombe. Im übrigen könnte ja auch eine größere Gruppe dahinterstehen. Ziercke sprach mehrfach von einer „terroristischen Vereinigung“, sagte aber zugleich, daß ein islamistischer Hintergrund zunächst nicht erkennbar sei.

Auch mangelt es der Gruppe offensichtlich an Professionalität. Die beiden Bomben in den Regionalzügen waren so konstruiert, daß sie nicht hätten explodieren können. Die Ermittler hofften, daß die Veröffentlichung der Videobilder die Täter sozusagen aus der Reserve locken würde. „Fahndungsdruck“ nennt die Polizei das. Dieses Kalkül ging auf. Man darf annehmen, daß es Mitteilungen im Internet waren, welche die Polizei auf die richtige Spur brachten.

Gefahrenminimierung

Die Spur führte zu einem 22 Jahre alten Libanesen, der seit 2004 in Deutschland lebt und Mechatronik in Kiel studiert. Der Mann plante offenbar seine Flucht und tauchte deshalb im Fokus der Fahnder auf. Die waren ohnehin auf einer „libanesischen Spur“, weil sich dafür Anhaltspunkte bei den beiden Bomben gefunden hatten. Auf dem Kieler Bahnhof wurde noch ein zweiter Mann festgenommen. Ein „Beifang“, wie die Polizei scherzhaft vermerkte. Der Mann hatte mit der Sache selbst nichts zu tun. Er war nur unerlaubt in Waffenbesitz. Die Waffe stellte sich als harmlos heraus.

Im Gepäck des Bombenlegers hingegen wurde offenbar weniger Harmloses vermutet. Denn kaum war der Mann verhaftet, wurde der Bahnhof abgesperrt. Mehr als vier Stunden dauerte das. Nicht nur Polizei war dabei, sondern auch der Munitionsbergungsdienst und das Amt für Katastrophenschutz. „Es ging darum, potentielle Gefahren zu minimieren“, sagte der schleswig-holsteinische Innenminister Ralf Stegner (SPD) später. Offenbar wurde also eine Bombe im Gepäck des Libanesen für möglich gehalten.

Sofort war das Gerücht in der Welt, der Libanese habe nicht fliehen wollen, sondern sei zum nächsten Anschlag unterwegs gewesen. Dann aber stellte die Generalbundesanwältin in Karlsruhe, Harms, ein paar Stunden später klar, der Libanese sei auf der Flucht gewesen. Während die Spurensicherung auf dem Bahnhof noch zu tun hatten, war auch schon das Studentenwohnheim im Kieler Stadtteil Progensdorf abgesperrt. Dort gingen die Untersuchungen weiter. Fingerabdrücke, DNA-Spuren, Durchsuchung des Zimmers und vor allem des Computers.

Videoüberwachung war erfolgreich

Der Verdächtige hat sein Zimmer genau über dem Eingang des schmucklosen Backsteingebäudes. Seine Mitbewohner schildern ihn als streng gläubig, dabei nett und unauffällig, jedoch wenig intelligent. Auch ein Teich zwischen dem Studentenwohnheim und der Universität wurde von der Polizei durchsucht, wo der Tatverdächtige möglicherweise belastendes Material hatte verbergen wollen. Bis tief in die Nacht hinein arbeitete die Spurensicherung im Studentenwohnheim, befragten Kriminalbeamte die Mitbewohner.

Am Sonntag wurde der Verdächtige nach Karlsruhe gebracht, wo er dem Ermittlungsrichter vorgeführt wurde. Es war überhaupt das erste Mal, daß eine solche Fahndung dank Videoaufnahmen gelang. Folgerichtig war das Lob von Minister Stegner groß. Es sei „richtig und wichtig, besonders gefährdete Bereiche mit Videokameras zu überwachen“. Man solle das in der politischen Diskussion weniger emotional, sondern rational sehen.

Erst im Juli war ein Deutsch-Marokkaner auf ähnlich spektakuläre Weise wie am Samstag in Kiel auf dem Hamburger Dammtorbahnhof verhaftet worden. Er soll im Dienst von Al Qaida Bote zwischen dem weltweit gesuchten Said Bahaji und seiner in Hamburg lebenden Ehefrau gewesen sein. Bahaji gilt als der Mann, der die Anschläge vom 11. September 2001 logistisch vorbereitet hat. Auch der am Dammtor Verhaftete lebte in Kiel. Dennoch meint BKA-Präsident Ziercke, die Fälle hätten nichts miteinander zu tun. Allerdings ähneln sie sich beim Vorgehen der Ermittler: Überwachung der Person und der elektronischen Post, Verhaftung in dem Augenblick, da der Verdächtige offenbar fliehen will.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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