11.06.2009 · Die Hoffnungen auf ein neues Klimaschutz-Protokoll hängen in der Luft. Beim Vorbereitungstreffen der 192 Staaten in Bonn hakt es an allen Enden. Gleichzeitig sind Verhandlungen in Peking ohne Ergebnis geblieben.
Von Joachim Müller-Jung, BonnIst der Weg zu einem neuen Klimaschutz-Protokoll noch zu schaffen? Beim Vorbereitungstreffen der 192 Staaten in Bonn hakt es an allen Enden. Und die dänische Umweltministerin mahnt aus der Ferne.
Die Hoffnung liegt auf der abschließenden Plenarsitzung an diesem Freitag. Dann werden die Delegierten der 192 Staaten im Maritim-Saal für die zweite Lesung des noch immer arg skizzenhaften Klima-Vertragentwurf zusammensitzen und darüber abstimmen, ob sie sich endlich aus der Gefangenschaft der Massen befreien wollen. Es ist das wichtigste, eigentlich sogar das einzige Verhandlungsziel, das der dänische Delegationsleiter, Thomas Becker, in diesen Stunden verfolgt.
Becker ist sichtlich nervös. Bis Kopenhagen sind es 178 Tage. Nur wenn er es in den Gesprächen hinter den Kulissen schafft, die ganze Versammlung mit 192 Eigeninteressen zur Schaffung von ein paar wenigen Kontaktgruppen mit jeweils zwanzig bis maximal dreißig Verhandelnden und einem jeweils eindeutig formulierten Arbeitsergebnis zu überreden, sieht er überhaupt eine realistische Chance, rechtzeitig vor der Anfang Dezember in Kopenhagen stattfindenden Vertragsstaatenkonferenz den entscheidenden Durchbruch in der Sache zu erzielen.
Ein Nachschlag aus Japan?
Wenn man im August wieder in Bonn zur dritten Lesung zusammensitzt, soll der Textentwurf mit seinen mindestens zweihundert Seiten einigermaßen rund oder wenigstens halbwegs unterschriftsreif sein. Beckers Chefin, die engagierte dänische Umweltministerin Connie Hedegaard, verfolgt die kleinen Schritte aus der Ferne mit Sorge und schickt die eine oder andere mahnende Botschaften nach Bonn. Die ehemalige Fernsehjournalisten, die die Klimaverhandlungen im Dezember leiten soll, spürt, dass vor allem nach dem Vorstoß der japanischen Regierung, die Treibhausgasemissionen seines Landes nach Auslaufen des Kyoto-Protokolls bis zum Jahr 2020 um 15 Prozent - bezogen auf das Basisjahr 2005 - zu senken, die Erwartungen für Kopenhagen weiter gesunken sind. Sie braucht das genaue Gegenteil: Einen neuen Enthusiasmus zum Klimaschutz, damit auch die emissionsstarken Entwicklungsländer wie China und Indien mit ins Boot steigen.
„Ökologische Integrität“ in Gefahr?
„Es ist durchaus positiv, dass Japan konkrete Reduktionsziele genannt hat. Das gibt den Klimaverhandlungen ein neues Momentum“, lässt Ministerin Hedegaard wissen. „Aber ich muss auch daran erinnern, dass die vorliegenden Angebote der Industrieländer noch immer nicht die Vorgaben der Wissenschaftler erfüllen. Die Lücke muss noch geschlossen werden, damit wir in Kopenhagen die ökologische Integrität des Vertrages sichern.“
Die dänische Umweltministerin setzt auf einen Nachschlag aus Japan: „Wenn ich die Regierung richtig verstanden habe, handelt es sich bei den neuen Reduktionsziele lediglich um die Bemühungen im Inland. Wir wissen noch nicht die Beiträge Japans im Ausland.“ Gemeint sind die Beiträge zum Technologietransfer in Entwicklungsländern und Finanzbeihilfen zu Energieeinsparungen und Emissionsminderungen.
Wieviel Geld die Industrieländer für den klimaschonenden Technologieaufbau in ärmeren Ländern zur Verfügung stellen werden, gilt neben den Reduktionszielen der Industrieländer und neuen Zusagen der Entwicklungsländer als die wichtigste noch zu lösende Frage. Dem Exekutivsekretär des Klimasekretariats, Yvo de Boer, zufolge müssen vor Kopenhagen alle drei Aufgaben gelöst werden: „Eine gute Lösung ohne Antworten auf alle drei Fragen wird es in Kopenhagen nicht geben“, sagte de Boer.
Ohne konkrete Antworten sind in dieser Hinsicht auch die viertägigen Verhandlungen des amerikanischen Klimaunterhändlers Todd Stern mit den chinesischen Offiziellen in Peking geblieben.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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