23.06.2009 · Mit dem forcierten Krippenausbau hat die Bundesregierung den zweiten vor dem ersten Schritt getan. Mit den Kita-Streiks, die nun schon in die sechste Woche gehen, erhält sie dafür die Quittung.
Von Stefan DietrichDie Streiks an Kindertagesstätten gehen in die sechste Woche. Nach dem Abbruch der Tarifverhandlungen am Freitag wurden sie am Montag in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt fortgesetzt. Eltern, die auf diese Einrichtungen angewiesen sind, müssen weitere Urlaubstage opfern; Erzieherinnen, die Notdienste aufrechterhalten, gehen auf dem Zahnfleisch, und an den Kindern gehen solche Ausnahmesituationen auch nicht spurlos vorüber. Und was lernen wir daraus?
Tarifpolitisch betrachtet, ist es den gewerkschaftlich organisierten Erzieherinnen nicht zu verdenken, dass sie mit Arbeitsverweigerung auf ihre soziale Lage aufmerksam machen. Für einen Vollzeitjob in einer Kindertagesstätte, der acht Stunden täglich vollen Einsatz verlangt, sind Durchschnittsvergütungen von etwa 2000 Euro brutto wahrlich kein üppiges Entgelt. Andererseits würde das ohnehin fragile Tarifgefüge im öffentlichen Dienst vollends aus den Fugen geraten, wenn die kommunalen Arbeitgeber den Forderungen der Gewerkschaft Verdi nach 200 bis 1200 Euro mehr Lohn nachgäben. Denn mehr als die Hälfte der in der Kleinkindbetreuung Beschäftigten ist dafür nicht ausgebildet oder hat allenfalls einen kurzen Lehrgang absolviert. Ganze zwölf Prozent haben einen Fachhochschulabschluss für ihren Beruf vorzuweisen.
Seit langem entspricht das allerdings auch der vorherrschenden Einstellung zu dieser Tätigkeit: Das bisschen Windelwechseln, Waschen und Füttern - das kann doch jeder, oder? Insbesondere gut ausgebildeten Frauen wurde eingeredet, dass sie für solche niederen Handreichungen überqualifiziert seien und dass ihre Kinder besser gefördert würden, wenn sie möglichst früh in „professionelle Hände“ gegeben würden. Die Bindungsforschung, die einmütig die Bedeutung stabiler Beziehungen in den ersten drei Lebensjahren hervorhebt, ließ man souverän außer Acht. Die Geringschätzung, die den bezahlten Kräften in der Kleinkindbetreuung entgegengebracht wird, ist nur die Kehrseite der Missachtung, die der häuslichen Erziehungsarbeit zuteil wird.
„Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ war das Zauberwort, mit dem die Familienministerin für ihre Politik warb. Von einer höheren Betreuungsquote für Kleinkinder versprach sie sich nicht nur eine höhere Geburtenrate, sondern auch eine volkswirtschaftliche Rendite, weil den Mehrausgaben für die Krippen Mehreinnahmen in den Sozialsystemen gegenüberstünden. So rechnen Sozialingenieure. Die Bedürfnisse von Kleinkindern sind in solchen Kalkulationen nicht enthalten. Auch an den Wünschen der Eltern geht diese Politik oft vorbei.
Quantität vor Qualität
Im Mittelpunkt der Krippenoffensive, mit der Frau von der Leyen ihre sozialdemokratische Vorgängerin Renate Schmidt übertrumpfte, stand der quantitative Ausbau der Infrastruktur. Die Zahl der von der rot-grünen Vorgängerregierung geplanten und finanzierten zusätzlichen Krippenplätze steigerte sie um das Doppelte auf 750.000. Statt erst einmal dafür zu sorgen, dass dem von Rot-Grün initiierten Angebotszuwachs auch ein entsprechend ausgebildetes Personal gegenüberstünde, nötigte sie Ländern und Kommunen ein forciertes Ausbauprogramm auf. Zwar sprach sie gern davon, dass dem nun auch eine „Qualitätsoffensive“ folgen müsse, doch willigte sie nur widerstrebend ein, den Vier-Milliarden-Euro-Zuschuss des Bundes auch zur Deckung der Betriebskosten zur Verfügung zu stellen.
Die Rechnung konnte nie aufgehen. Denn um das Plansoll bis 2013 zu erfüllen, müsste auch die Zahl der heute 220.000 Betreuerinnen - männliches Personal wird dort auch künftig die Ausnahme sein - mindestens verdoppelt werden, wofür es nicht einmal genügend Ausbildungsplätze, geschweige denn Bewerber gibt. Ganz abgesehen davon, dass auch die heute noch Unterqualifizierten der Nachschulung bedürften.
Wie es den gar nicht so „professionellen Kräften“ in kommunalen Einrichtungen geht, in deren Hände Zehntausende von Kleinkindern gegeben werden, war an vielen Plakaten abzulesen, die in den vergangenen Wochen auf Demonstrationen hochgehalten wurden: Sie fühlen sich unterbezahlt, ausgebeutet und überfordert. Ihre Kundgebungen sind ein Hohn auf die hohen Töne, in denen die Ministerin ihre Politik preist. Die aber schlägt sich flugs auf die Seite des protestierenden Kita-Personals. Auf der Großkundgebung in Köln zeigte sie Verständnis für die Forderungen ihrer Gewerkschaft. Kommunalpolitiker, denen sie damit in den Rücken fiel, ballten die Faust in der Tasche.
Zweifellos gibt es bei jungen Familien einen starken Wunsch, zumindest zeitweise von der Sorge um die Kleinsten entlastet zu werden. Viele können auch nur durch Teilzeitjobs einen Lebensunterhalt über dem Sozialhilfeniveau erreichen. Doch auch bei ihnen steht nicht im Vordergrund, ihre Kinder irgendwie loszuwerden, sondern sie in guten Händen zu wissen. Dieser Erwartung wird das Krippenprogramm nicht gerecht. Die Bundesregierung hat den zweiten vor dem ersten Schritt getan und mit den Streiks die Quittung dafür erhalten.