29.05.2005 · Ein bißchen Wahlkampf, viel Spiritualität, Hoffnung auf Ökumene: Über 100.000 Gläubige beendeten an diesem Sonntag mit einem Abschlußgottesdienst das 30. Treffen der Protestanten in Hannover.
Nach der Selbstsäkularisierung dürfe die evangelische Kirche nicht auch noch die Selbstdemoralisierung zulassen, forderte Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, auf dem Kirchentag, der an diesem Sonntag mit einem festlichen Gottesdienst zu Ende ging.
Und mehr als 105.000 Dauerteilnehmer zeigten in und außerhalb der Diskussionsrunden des bisher umfangreichsten Veranstaltungsprogramms, daß sie sich der von Huber so beschriebenen Gefahr entgegenstellen wollen. Schon am ersten Tag hatte Bundespräsident Horst Köhler viel Beifall dafür erhalten, daß er seinen beim Amtsantritt ausgesprochenen Segenswunsch für Deutschland verteidigte, indem er sagte: "Mit Gottes Segen geht es uns besser."
„Wie mutig ist die Politik?“
Der 30. Evangelische Kirchentag in Hannover ist nicht zu der Wahlkampfveranstaltung geworden, die manche nach der Ankündigung von vorgezogenen Bundestagswahlen befürchtet hatten. Gleichwohl fanden die politischen Themen ihr Publikum. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach mit der Friedensnobelpreisträgerin Wangari M. Maathai aus Kenia über Entwicklungspolitik und Globalisierung.
Er forderte ein stärkeres deutsches Engagement bei der Hilfe für die ärmeren Länder der Erde: "Wir können und wir müssen da noch besser werden." Unter starkem Applaus sagte er: "Was könnte man mit dem Geld, das für den Irak-Krieg ausgegeben wird, alles tun." Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) sprach zum Thema "Zwischen Sicherheit und Freiheit: Wie mutig ist die Politik?"
Merkel: „Stärkerer Gottes-Bezug in der EU-Verfassung“
Die CDU-Chefin und mutmaßliche Schröder-Herausforderin Angela Merkel forderte abermals einen stärkeren Gottesbezug in der EU-Verfassung und kritisierte die mit der Türkei aufgenommenen Beitrittsverhandlungen. "Wir müssen aufpassen, daß die Bürger Europa eines Tages nicht mehr verstehen", gab Merkel zu bedenken. Demgegenüber stellte der SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering klar: "Wenn die Türkei alle Bedingungen erfüllt, dann soll sie in absehbarer Zeit auch voll dabeisein."
Der Kirchentag selbst setzte in diesem Jahr das Thema Klimaschutz in den Mittelpunkt. Statt der lila Schals vom letzten Kirchentag in Hannover 1983 gab es blaue, die das Engagement für Umweltschutz und nachhaltige Politik symbolisieren sollten.
„Wenn dein Kind dich morgen fragt...“
Aber gerade auch vor dem Hintergrund von Schlagworten wie "demographische Entwicklung" und "Generationenkonflikt" wurde das Losungswort des Kirchentags "Wenn dein Kind dich morgen fragt ..." diskutiert. Familienministerin Renate Schmidt machte sich um einer höheren Geburtenrate willen für Kleinkindbetreuung und Elterngeld stark: "Wir müssen dazu kommen, daß es normal ist, daß Menschen sowohl Kinder haben als auch berufstätig sind." Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, kommentierte: "Vielleicht hätte das Motto lauten sollen: Wenn kein Kind dich morgen fragt." Die Grünen-Politikerin Anna Lührmann, mit 22 Jahren jüngste Bundestagsabgeordnete, forderte mehr Chancen für die kommenden Generationen. Altbundespräsident Johannes Rau - ein Veteran des Kirchentages - warnte aber davor, "die entscheidenden Fragen allein am Verhältnis der Generationen festzumachen". Natürlich sei eine gerechte Verteilung der Aufgaben und Lasten zwischen den Generationen erforderlich. Diese sei jedoch ebenso gefragt zwischen Starken und Schwachen, Gesunden und Kranken, Kinderlosen und Familien sowie Erwerbstätigen und Arbeitslosen.
Gleichermaßen präsent waren in Hannover die Fragen, wie die evangelische Kirche auf den Abbruch kirchlicher Bindungen reagieren soll. Nicht zuletzt die Turbulenzen, in die die Kirche aufgrund der zurückgehenden Steuereinnahmen gerät, hinterlassen Spuren. Zwar wurde eine Selbstverständigung darüber, was von Christen in diesem Land auch in Zukunft unbedingt zu leisten ist, nur in Ansätzen erreicht. Die traditionellen Bibelarbeiten, die Halle der Spiritualität und andere Angebote zu Stille und Meditation allerdings fanden in Hannover regen Zuspruch.
Fliege warb für die „tröstende“ Kirche
Während Fernsehpfarrer Jürgen Fliege mit seinem Plädoyer für eine "tröstende" anstelle einer "predigenden" Kirche nur auf mäßiges Interesse stieß, waren die Veranstaltungen mit Theologen wie Fulbert Steffensky oder Eberhard Jüngel gut besucht. Gerade die Beschäftigung mit Texten mache den Wert des Kirchentags aus, sagte Jüngel.
Der sogenannte "Abend der Begegnung" am Beginn hatte mit gemeinsamen Gebet, Kerzenschein und Glockengeläut bereits davon gezeugt, daß Protestanten in der Demonstration ihres Glaubens neue Akzente setzen. Der Erfolg des Kirchentags gründe auf eben- dieser Verbindung von Mitmachen, Mitdenken und Mitfeiern, zeigte sich Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann überzeugt.
„Dichter und ein Stück ernster“
Schließlich kam auch die Ökumene einige Schrittchen voran; beide Kirchen rechnen mit weiteren Schritten der Annäherung in absehbarer Zeit. Huber regte einen dritten Ökumenischen Kirchentag nach 2003 und 2010 für 2017 an. In diesem Jahr jährt sich der Thesenanschlag Martin Luthers zum 500. Mal. Er hoffe, daß es bereits 2010 eine Abendmahlsgemeinschaft geben werde, so Huber.
Der Bischofskonferenz-Vorsitzende Karl Kardinal Lehmann lehnte ein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwar ab. Doch er hoffe, daß Katholiken und Protestanten bis zum Ökumenischen Kirchentag 2010 "ein Stück weit weiter zusammengewachsen sind"; die Ökumene werde bis dahin "dichter und ein Stück weit auch ernster" sein. Es gebe "keine Alternative" zur Ökumene.