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Kirchentag Verdrießliche Tage

15.05.2010 ·  Die Stimmung auf dem Zweiten Ökumenischen Kirchentag in München hätte besser sein können: Über allem schwebte die Missbrauchsdebatte. Sie betrifft auch die evangelische Kirche mehr, als ihr lieb sein kann.

Von Reinhard Bingener
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Es sind lichtarme Tage in München. Wer gegen Mittag am Odeonsplatz steht, hat bereits Mühe, durch den Regendunst die beiden Türme der Frauenkirche auszumachen. Aber nicht nur das Wetter, auch die Stimmung könnte besser sein auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag. Statt wie in Berlin im Jahr 2003 eine Stadt mit Heiterkeit zu füllen, verläuft sich der Kirchentag in den Straßen, und viele der 130.000 Kirchentagsbesucher schauen verdrießlich drein. Sie ahnen, dass es um das Christentum im Land derzeit nicht gut bestellt ist. Selbst wo nicht über den Missbrauch gesprochen wird, liegt die Debatte wie eine Kuppel aus Schlieren über der Veranstaltung.

Darunter leiden nicht nur die katholischen Teilnehmer, sondern auch die evangelischen, die dazu doch eigentlich wenig Grund haben. Zwar gab es auch in der evangelischen Kirche Missbrauchsfälle. Ihnen fehlte allerdings der spezifische Geruch einer religiösen Organisation.

Verstörende Ablenkungsmanöver

Aber in der Debatte geht es schon sehr lange gar nicht mehr um Missbrauch. Es geht darum, dass sich die katholische Kirche fortwährend ein sehr anderes Bild von sich macht als der Rest der Gesellschaft. Die besonders verstörenden Ablenkungsmanöver, nach denen die übelmeinende Presse oder die Achtundsechziger Schuld tragen, sind dabei noch das geringere Problem, denn sie kommen von Personen, die auch in der Kirche Außenseiter sind. Schwerer wiegen die Verschwiemelungen erster und zweiter Ordnung.

Die Verschwiemelung erster Ordnung lautet: „Nun müssen die Opfer im Mittelpunkt stehen.“ Natürlich müssen dort, wo es Opfer gab, diese auch im Mittelpunkt stehen. Wer auch sonst? Aber der Verweis auf die Opfer dient dazu, den Fragen nach den Konsequenzen aus dem Wege zu gehen, welche die Kirche zu ziehen bereit ist – auch und gerade dort, wo es (noch) keine Opfer gibt.

Die Verschwiemelung zweiter Ordnung besteht in der Auffassung, das Problem des Missbrauchs ließe sich in religiöser Sprache beschreiben – mit der Konsequenz, dass man in Gottesdiensten feierlich Fürbitten zum Thema hält, den Tätern öffentlich Beichtangebote unterbreitet und deren Taten wie der Papst als „Wunden am Leib Christi“ bezeichnet. Da fragt man sich dann, ob das Missbrauchsproblem wirklich ein religiöses ist und somit auch als solches beschrieben werden sollte – oder ob es nicht so ist, dass das Spezifische der Misere gerade damit zu tun hat, dass in der Kirche viel zu oft Vorreligiöses und Nichtreligiöses religiös verbrämt werden.

Diese Frage lässt sich noch einmal verschärfen: Was taugt eine Religion, wenn sie dazu benutzt werden kann, nicht das Gute zu kräftigen, sondern das Böse zu decken? Die Folge des römisch-katholischen Umgangs mit dem Missbrauch ist also eine Abspaltung des Religiösen vom Guten. Viele derer, die auf den Standesämtern am Ende der Reihe vor dem Schild „Kirchenaustritt“ stehen, haben nicht nur mit der katholischen Kirche, sondern gleich mit der Religion abgeschlossen.

Die anderen in der Reihe hängen einem protestantischen Irrglauben an, der sich derzeit im katholischen Milieu ausbreitet. Es ist die Auffassung, man könne Christ bleiben, ohne der Kirche anzugehören. Auf die Person gesehen, mag das stimmen – auf eine Gesellschaft bezogen, ist es unzutreffend: Spätestens in der zweiten Generation lässt mit der Bindung an eine Gemeinschaft auch die Bindung an das Evangelium nach. In Phasen, in denen man nicht glaubt, weniger glaubt, gerade keine Zeit hat oder das Interesse fehlt, ist es die Zugehörigkeit zur Organisation, die trägt und, sobald Sinn und Geschmack für das Göttliche wiedererwachen, ein Wiederanknüpfen ermöglicht.

Mit Kirchenkritik auf Stimmenfang

Aber dieser empirisch gut belegte Zusammenhang lässt sich einem Kirchenmitglied, das gerade in einem Alter ist, in dem alles, was es von der Kirche sieht, der Kirchensteuerabzug auf der Lohnsteuerkarte ist, schwer vermitteln. Eine Volkskirche darf deshalb die Solidarität ihrer Mitglieder nicht überstrapazieren.

Die Protestanten auf dem Kirchentag in München spüren ganz richtig: Eine Erosion der katholischen Kirche schadet auch der evangelischen Kirche. Denn beide Kirchen zehren gemeinsam von dem einen religiösen Grundwasserspiegel im Land. Und die evangelische Kirche könnte noch zur Mitgefangenen unter der Missbrauchsmuff-Kuppel werden. Denn der Vertrauensverlust der katholischen Kirche führt dazu, dass es für Politiker immer lohnender wird, mit Kirchenkritik auf Stimmenfang zu gehen. Solange die Unionsparteien die bestimmenden Kräfte sind, wird das ohne Folgen bleiben.

In einer anderen politischen Konstellation aber, man denke an die Kampagne des spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero, kann so etwas für die Kirchen dann sehr schnell sehr ernst werden. Die Rechnung würde eine ökumenische sein. Die evangelische Kirche muss sich deshalb fragen, ob die Treue zum Evangelium nicht über der Solidarität mit der katholischen Kirchenleitung zu stehen hat. Es ist an der Zeit, die Religion vor den Verschwiemelungen zu schützen.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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