24.05.2009 · Neben vielen genutzten Chancen wurde in Bremen eine vertan: Drängender als Rezepte für die Zeit nach der Krise wäre doch ein Wort der evangelischen Laienbewegung gewesen, wie der Glaube in der Krise helfen kann.
Von Reinhard Bingener, BremenHerzlichen Glückwunsch, es waren fünf Tage ohne Zynismus. Ausgelassen und mit großer Ernsthaftigkeit zugleich haben hunderttausend evangelische (und auch einige tausend katholische) Christen den 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen begangen. Sie haben in der Hansestadt bewiesen, dass Menschen, auch wenn sie sich zu Massen zusammenfinden, mehr miteinander anfangen können, als sich gegenseitig durch eine Fressmeile zu drücken.
Ganz nach oben hatte das Kirchentagspräsidium – wenig überraschend – das Thema Wirtschaftskrise gesetzt. Bei der vor Ausbruch der Turbulenzen gewählten Losung „Mensch, wo bist du?“ lag es nahe zu ergründen, ob der globalisierte Verschiebebahnhof der Verantwortung, der zum Finanzkollaps führte, vielleicht auch Ausfluss eines geistlichen Defizits ist. Die Stellungnahmen und Verlautbarungen, mit denen sich der Kirchentag zu diesem Thema vernehmen ließ, blieben indes diffus und ließen in ihrer Mehrzahl die theologische Vertiefung vermissen.
Kein Kampf, sondern „neue Nachdenklichkeit“
Für tumultuarische Foren mit hitzigen Debatten, einer Flut von Resolutionen und nicht enden wollenden Anträgen zur Geschäftsordnung wie in der Vergangenheit wären eigentlich alle Voraussetzungen gegeben gewesen: Die Krise brodelt, Treffpunkt war Bremen, der Kirchentag war lange links, und auch die gastgebende bremische Kirche färbt ihr Rot gern ein wenig dunkler. Es kam anders. Auf diejenigen, die insgeheim den Tag der Abrechnung mit dem Kapitalismus herbeisehnten, hörte kaum jemand. Die Kirchentags-Generalsekretärin Ueberschär hat recht, wenn sie sagt, Bremen sei kein „kämpferischer Kirchentag“ gewesen, sondern einer der „neuen Nachdenklichkeit“. Ex negativo wurde in Bremen der Beweis geführt, dass das politische Erbe der Studenten- und Friedensbewegung, das sich der Evangelische Kirchentag als einer der Letzten bewahrt hatte, erloschen ist.
Eine Chance verpasst hat der Kirchentag vielleicht dennoch. Denn drängender als Rezepte für die Zeit nach der Krise, die stets die ersten Opfer eines Aufschwungs sind, wäre doch ein Wort der evangelischen Laienbewegung gewesen, wie der Glaube in der Krise helfen kann.
Intolerant, unverständlich und bedrückend
Im „Fall“ Navid Kermani und dem Eklat um den Hessischen Kulturpreis ließen die Äußerungen der Kirchentagsverantwortlichen hingegen nichts an Deutlichkeit vermissen. Da hat man schon einmal einen satisfaktionsfähigen islamischen Intellektuellen im Land – und dann beteiligt sich ein früherer Kirchenpräsident einer evangelischen Landeskirche an der Hintertreibung der Preisverleihung. Intolerant, unverständlich und bedrückend nannte die Kirchentagspräsidentin, Hamburgs parteilose Kultursenatorin von Welck, diesen Vorgang. Bleibt abzuwarten, ob der Fall Kermani der evangelischen Kirche zum Anlass dient, den Abgrenzungskurs gegenüber dem Islam, auf den man in den vergangenen Jahren eingeschwenkt war, zu hinterfragen. Eine besondere theologische Gewissenhaftigkeit konnte manches, was Vertreter der evangelischen Kirche dem Islam in letzter Zeit vorgehalten haben, jedenfalls nicht für sich in Anspruch nehmen.
Apropos, wo war eigentlich die evangelische Theologie auf dem Kirchentag? Bischöfe und Politiker waren wieder zuhauf gekommen, doch Theologen, die den christlichen Glauben denkend zu durchdringen versuchen, waren wenig zu hören. Stattdessen verhedderte sich mancher Theologe vor dem auf Papphockern versammelten Publikum in seinen eigenen Sprachspielen. Es gab Kirchentage, da überragte der akademische, gelehrte Diskurs die kirchliche Theologie, die in den Bibelarbeiten am Morgen geboten wird, um Längen. Das Verhältnis hat sich mittlerweile umgekehrt. Es ist zu hoffen, dass die kostbaren Schätze der akademischen Theologie den Besuchern in Bremen nur vorenthalten wurden.
Urlaub für altgediente Kirchentagsbarden
Die kulturpessimistische Klage, Kirchentage seien deshalb von Übel, weil sie den Glauben zum Event machten, hat sich abgenutzt. Die Kirche sollte froh sein, dass es ein solches Event gibt, das nicht nur Gewerkschaftstage, Parteitage und Chaostage in den Schatten stellt, sondern sich auch als überaus stabil erweist. Der Kirchentag könnte in der gegenwärtigen Form noch Jahre weitermachen, ohne an Resonanz einzubüßen. Denn die Mechanismen haben sich eingespielt; die Besucher kommen gerne zu den vielen Politikern, umgekehrt gilt das Gleiche. Eine äußere Notwendigkeit, sich neu zu erfinden, besteht nicht. Aber eine innere: In der Vergangenheit bestand die Leistung eines Kirchentages darin, gegenwartsnahe Ausdrucksformen zu vermitteln. Die Entdeckung des Leibes für den Glauben, das Neue Geistliche Lied und eine Vielzahl liturgischer Formen waren zunächst für Evangelische Kirchentage erarbeitet worden. Ernst danach fanden sie ihren Weg in die kirchliche Praxis. Die Formensprache des Evangelischen Kirchentages erstarrt indes seit einigen Jahren. Abermals waberten die gewohnten Sakropop-Klangmatten durch die Bremer Messehallen, und wieder gab es viele neue Lieder, aber wenig neue Musik. Wie wäre es damit, beim nächsten Kirchentag 2011 in Dresden den altgedienten Kirchentagsbarden fünf Tage Urlaub in Norwegen zu schenken und auf Sakropop zu verzichten?
Vor den Evangelischen Kirchentag an der Elbe hat freilich der Herr der Zeit den zweiten Ökumenischen Kirchentag an der Isar gesetzt. Er fällt im nächsten Jahr auf ein gerades Jahr, und deshalb muss das Kirchentagsbüro in Fulda drei Kirchentage hintereinander stemmen: 2009 Bremen, 2010 München, 2011 Dresden. Auch deshalb hielt man sein Pulver trocken und behandelte das Thema Ökumene von offizieller Seite aus in Bremen eher als Randaspekt. Man täusche sich aber nicht: Mehr als kirchenoffizielles Floskel-Pingpong und erwartbare Provokationen aus den gewohnten Ecken gibt es zurzeit nicht. Der Ökumene ist der Horizont der Hoffnung abhandengekommen, den vor dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 noch viele zu sehen meinten. Die Veranstalter rechnen für das Großereignis in München dennoch mit 100.000 Besuchern plus einer sehr großen Menge x.