04.04.2010 · An diesem Osterfest ist in der katholischen Kirche wenig so wie es war. Nach den Berichten über Übergriffe von Geistlichen auf Kinder und Schutzbefohlene muss die Heimlichkeit ein Ende haben. Und ohne die Lockerung des Zölibats wären womöglich alle anderen Schritte nichts.
Von Daniel DeckersEs ist Ostern: Feuer in der Nacht, Choräle, die in der Morgendämmerung erklingen, Worte von Befreiung, von Auferstehung, von Erlösung – im Übergang vom Dunkel zum Licht bietet die triumphierendste Liturgie, welche die Kirche kennt, das Mysterium des Glaubens an die Überwindung des Todes so sinnenfällig dar wie an keinem anderen. Und doch dürfte an diesem Osterfest vielen Christen kaum nach österlicher Freude zumute sein. Denn nach den Berichten über nicht selten unbeschreibliche Übergriffe von Geistlichen auf Kinder und Schutzbefohlene ist jedenfalls in der katholischen Kirche wenig noch so, wie es war.
Zwar hat sich das Meiste von dem, was in den vergangenen Wochen ans Licht gekommen ist, vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten zugetragen. Doch hat sich gewissermaßen über Nacht auch die letzte Gewissheit verflüchtigt, dass Kinder in Ministrantengruppen und Chören nicht die Hölle auf Erden erleben können und dass Jugendliche in Internaten und in Ferienlagern nicht Mächten der Finsternis ausgeliefert sind. Sicher, das Risiko von Kindern, im Kreis der Familie und Verwandten sexueller Gewalt ausgesetzt zu sein, ist um ein Vielfaches höher als in der Kirche, die vor lauter Priestermangel nicht mehr weiß, wie sie ihre Seelsorge organisieren kann. Und sicher gibt es auch für Schulen und Sportverbände Anlass, über verbindliche Maßregeln zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs ähnlich denen der Bischofskonferenz nachzudenken. Dennoch dürfte es heute kaum einem Priester einfallen, seine Gemeinde in der Predigt zum Lachen zu bringen, wie es einst guter Brauch war.
Der Blick galt - wenn überhaupt - dem Täter
Erinnern wir uns an den Sommer vor acht Jahren. Die Schlagzeilen dieselben wie in den vergangenen Wochen: Missbrauchsfälle in nahezu allen Bistümern, Priester im Teufelskreis von Zölibat, Homosexualität und Pädophilie, Opfer brachen ihr Schweigen, ein Kardinal schrieb: „Die Kirche ist getroffen.“ Offenbar nicht genug. Zwar beschlossen die Bischöfe Leitlinien für den Fall, dass neuerliche sexuelle Verfehlungen Geistlicher ruchbar wurden. Auch in der Priesterausbildung wurden vielerorts die Gewichtungen zugunsten der Persönlichkeitsbildung verschoben. Aber niemand wagte es, öffentlich an das Tabu einer Vergangenheit zu rühren, in der das Vertuschen die Regel war und die Sorge für die Opfer die Ausnahme. Der Blick galt – wenn überhaupt – dem Täter.
Im diesem Winter nun brach ein Berliner Jesuit das Tabu und lieh den Opfern seine Stimme. Seitdem ist kein Halten mehr. Mag auch die Versuchung in der Kirche immer noch groß sein, sich zum Opfer der Medien oder bizarrerweise zum Opfer der Täter zu stilisieren, so führt am Ende kein Weg an einer Einsicht vorbei, die Papst Benedikt den irischen Katholiken gegenüber in schonungsloser Weise eingestanden hat: Der Verlust des Vertrauens in die Institution wäre nicht so immens, hätten die Bischöfe in der Vergangenheit nicht krampfhaft den guten Ruf ihrer Kirche wahren und jeden Skandal vermeiden wollen, hätten sie sich nicht lange geweigert, mit staatlichen Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten; nicht einmal kirchenrechtlich sanktionierten die Bischöfe das Fehlverhalten Geistlicher.
Hellsichtige Analyse des Papstes
Der Papst hat nicht von Einzelfällen gesprochen. Er hat Reflexe einer Institution und ihrer Repräsentanten mit einer Hellsicht beschrieben, die in der Geschichte der Kirche ohnegleichen ist. Deshalb muss es jetzt darum gehen, der Institution jeden Weg zurück in jenes Dunkel der Heimlichkeit und der nicht selten männerbündisch-homoerotisch aufgeladenen Kumpanei abzuschneiden, in dessen Schutz Perverse über Jahre und Jahrzehnte ihren Neigungen frönen konnten und so das Leben von Kinder und Jugendlichen oft auf Jahrzehnte zum Kreuzweg machten.
Viel wäre gewonnen, würden sich die Bischöfe anders als vor acht Jahren zu einer Aufarbeitung der Vergangenheit durchringen und diese in die Hände unbeteiligter Fachleute legen. Dann würden womöglich sich nicht nur die Opfer ein Herz fassen, denen die Erinnerung an das Geschehen noch immer die Sprache verschlägt – auch die Kirche wüsste endlich, wor-an sie mit sich selbst ist, und müsste nicht länger gewärtigen, in jedem Jahr aufs Neue von ihrer Vergangenheit eingeholt zu werden. Womöglich ließe sich aus der Vergangenheit auch lernen, wie Kinder und Jugendliche in der Kirche besser geschützt wären als bisher – und wie sich die Institution Kirche vor ihren unheilvollen Reflexen selbst schützen kann. Ein Aufbrechen des Männerbündischen durch eine Lockerung des Zölibats – etwa durch die Weihe verheirateter Männer – wäre sicher nicht alles. Aber ohne einen solchen Schritt wären womöglich alle anderen nichts. Im Hymnus der Osternacht heißt es: „Dies ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt.“ Schön wäre es.
Alles ein Brei und kräftig umrühren...
Robert Meldt (Robinhosa)
- 04.04.2010, 14:01 Uhr
Das ist einfach naiv...
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Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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