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Finanzskandal : Wie das Bistum Eichstätt in Amerika Geld verloren hat

Der Dom zu Eichstätt Bild: Picture-Alliance

Die katholische Kirche hat einen neuen Finanzskandal: Geld des Bistums Eichstätt wurde in Florida und Texas angelegt – und nicht abgesichert. 60 Millionen Dollar sind wohl verloren.

          Die katholische Kirche in Deutschland ist um einen Finanzskandal reicher. Wie das Bistum Eichstätt am Montag bekannt gab, wurden externe Fachleute im Zuge der Umstellung der Finanz- und Vermögensverwaltung der Diözese Eichstätt auf Vorgänge aufmerksam, die den Verdacht rechtswidriger Praktiken bei der Anlage des Bistumsvermögens nahelegten. Bischof Gregor Maria Hanke beauftragte daraufhin eine Münchner Anwaltskanzlei, Anzeige gegen zwei Verdächtige zu erstatten. Die beiden Männer – es handelt sich um einen früheren stellvertretenden Finanzdirektor und eine weitere, als Projektentwickler im Immobilienbereich tätige Person – befinden sie sich seit einer Woche in Untersuchungshaft. Vorgeworfen wird ihnen Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Im Herbst 2015 hatte Bischof Hanke entschieden, dass sein Bistum im Zuge der von den deutschen Diözesen vereinbarten Transparenzoffensive eine Bilanz erarbeiten sollte, die strikt den Vorgaben des Handelsgesetzbuchs (HGB) folgt. Zu diesem Zweck sollte das Vermögen nach professionellen Standards erfasst und nach den Regeln des HGB bewertet werden. Bei dieser Arbeit fiel externen Fachleuten auf, dass der stellvertretende Finanzdirektor Stefan W. umfangreiche Beträge in einer Gesamthöhe von fast 70 Millionen Dollar in die amerikanischen Bundesstaaten Texas und Florida ausgereicht hatte, und das als weitgehend ungesicherte Darlehen an Immobilienentwickler. Eine eingehende Bewertung dieser Geldanlagen hat inzwischen ergeben, dass wohl etwa 60 Millionen Dollar oder fast zehn Prozent des Bistumsvermögens unwiederbringlich verloren sind.

          Mehrere Interessenkollisionen

          Mit dem Mitarbeiter, der vor seiner Zeit in Eichstätt in der Immobilienberatung tätig war, hat das Bistum vor einiger Zeit einen Aufhebungsvertrag geschlossen. W. kam dabei zugute, dass die Darlehensverträge mit der Unterschrift des Finanzdirektors, also mit Zustimmung des Vermögensverwaltungrates geschlossen wurden. Zweifelhaft ist indes, ob sein Vorgesetzter, der damalige Domdekan Willibald Harrer, sowie der dreiköpfige, als Kontroll- und Aufsichtsgremium fungierende Vermögensverwaltungsrat sich der Tragweite dieser Entscheidungen und der damit einhergehenden Risiken bewusst waren. Nach Informationen der F.A.Z. jedenfalls nicht im Bild waren diese Personen darüber, dass der stellvertretende Finanzdirektor an einigen Gesellschaften beteiligt war, an die das Bistum Darlehen ausreichte.

          Unter dem Eindruck erster Erkenntnisse über Art und Ausmaß des Kontrollversagens trat Harrer mit Wirkung zum 31. Dezember 2015 als Leitender Finanz- und Baudirektor der Diözese Eichstätt zurück. Beide Ämter hatte er seit dem Jahr 2010 innegehabt. Ihm oblag in dieser Zeit freilich nicht nur die Verantwortung für die Finanzkammer des Bistums. Er kontrollierte sich in diesen Jahren auch insofern selbst, als er gleichzeitig an der Spitze des Domkapitels stand. Dieses wiederum nahm die Aufgabe des Konsultorenkollegiums war, das den Bischof bei der Leitung der Diözese berät und bei einigen Bereichen der Vermögensverwaltung ein Beispruchsrecht hat.

          Nach dem Rücktritt Harrers hieß es vor mehr als zwei Jahren, die Finanz- und Vermögensverwaltung müsse neu strukturiert werden. Künftig sollten die operativen Arbeitsbereiche strikt von der Funktion der Aufsicht und Steuerung getrennt werden. Deshalb würden die Aufgaben des Finanzdirektors und Diözesanökonomen nicht mehr von einem Mitglied des Domkapitels wahrgenommen werden. Seit mehr als zwei Jahren leitet Generalvikar Isidor Vollnhals interimistisch den Verantwortungsbereich des Leitenden Finanz- und Baudirektors. Das Amt des Finanzdirektors ist noch nicht wieder besetzt. Die Eröffnungsbilanz des Bistums soll im zweiten Quartal dieses Jahres veröffentlicht werden.

          Die katholische Kirche in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von Finanzskandalen erschüttert. Im Bistum Trier musste vor fast zwanzig Jahren die Caritas-Trägergesellschaft gerettet werden. Ein Manager, der das besondere Vertrauen des Bischofs genossen hatte, erhielt wegen Betrugs und Untreue eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Im Jahr 2013 machte der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst unter anderem deswegen Schlagzeilen, weil er Kirchenvermögen widerrechtlich zum Bau seines Bischofshauses verwendet hatte. Juristische Folgen hatte dieses Vorgehen nicht. Im Erzbistum Freiburg wird derzeit untersucht, wie und warum über viele Jahre hinweg Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung hinterzogen werden konnten. 160 Millionen Euro wurden vorsorglich zurückgestellt. Das Erzbistum Hamburg ist seit neuestem mit mehr als etwa 70 Millionen Euro bilanziell überschuldet.

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