06.02.2010 · Die Abgründe, die sich mit der Aufdeckung zahlreicher Fälle sexuellen Missbrauchs an Jesuitenschulen aufgetan haben, machen schaudern. Selbst guten Katholiken fällt es in diesen Tagen schwer, sich so zur Kirche zu bekennen, wie sie es gewohnt sind.
Von Richard WagnerSelbst guten Katholiken fällt es in diesen Tagen schwer, sich so zur Kirche zu bekennen, wie sie das im Credo zu tun gewohnt sind. Die Abgründe, die sich mit der Aufdeckung zahlreicher Fälle sexuellen Missbrauchs von Jungen an Jesuitenschulen aufgetan haben, machen schaudern. Und es sind nicht nur die Schandtaten allein, es ist auch das jahrelange Vertuschen, die Verhöhnung der Opfer, die einen sprachlos macht.
Natürlich ist die Kirche, die „Braut Christi“, auch ein Spiegel unserer Gesellschaft, ihr Personal von den gleichen Nöten geplagt wie wir alle. Aber es hilft wenig, wenn man sich klarmacht, dass Kinder und Jugendliche auch in Familien, Vereinen, gewöhnlichen Schulen missbraucht, gequält werden.
Offenheit reicht nicht
Ein Jesuit hat den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Das war überfällig. Das Tabu scheint damit gebrochen, und die bekanntgemachten Fälle waren wohl wirklich nur die „Spitze des Eisberges“, wie der Rektor des Canisius-Kollegs sagte, denn beinahe täglich kommen neue Fälle aus der Vergangenheit ans Licht. Dass man endlich darüber spricht, wird den Opfern eine späte Genugtuung sein, auch wenn eine strafrechtliche Verfolgung wegen der Verjährung nicht mehr in Frage kommt. Hoffentlich könnten nun auch die seelischen Wunden heilen.
Aber Offenheit reicht nicht. Die Kirche muss den Willen zur Ehrlichkeit haben. Sexualität ist allgegenwärtig, niemand kann ihr ausweichen, auch Kinder nicht. Die Kirche hat dagegen ihr Verständnis von Sexualität als verantwortlicher Liebe gesetzt. Glaubhaft kann sie darin aber nur sein, wenn sie sich selbst reinigt, dabei noch genauer schaut, wen sie für reif hält, seelsorgerische Verantwortung zu tragen, und auch den strukturellen Gründen der Misere beikommt. Auch über den verpflichtenden Zölibat muss man unter diesem Gesichtspunkt nachdenken.