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Kinder Wenn Armut die Hoffnung besiegt

20.09.2007 ·  In Deutschland leben mehr als zwei Millionen Kinder in Armut. Besonders alleinerziehende Mütter müssen zusehen, wie sie ihre Kinder durchfüttern. So auch Frau L.. Sie ist seit 16 Jahren arbeitslos und kämpft für die Zukunft ihrer drei Kinder.

Von Philip Eppelsheim
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Das letzte Mal glücklich war Frau L. mit ihrem zweiten Ehemann. Schon damals wohnte sie zusammen mit ihrem ältesten Sohn Thomas* in der 73 Quadratmeter großen Dreizimmerwohnung im Münchener Stadtteil Laim mit der kleinen Grünanlage und dem Spielplatz vor der Tür. Schon damals lebte ihre Tochter Saskia in einem Heim.

Ihr zweiter Ehemann war die große Liebe von Frau L. Es war nicht so wie bei dem Vater von Thomas und Saskia. Mit dem Vater von Sebastian konnte Frau L. vergessen, dass sie wenig Geld hat, so wenig, dass sie manchmal kein Essen mehr kaufen konnte. Sie konnte vergessen, dass sie die Hoffnung aufgegeben hat, ihr Leben ändern zu können.

Sie konnte vergessen, dass ihre Kinder zu den 2,6 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland gehören, deren Eltern Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe beziehen und denen Erziehungswissenschaftler vorhersagen, dass sie wahrscheinlich ihr Leben lang arm bleiben werden.

Monatelang für ein Geschenk gespart

Das letzte Mal glücklich war Frau L. vor mehr als zwei Jahren. Jetzt lebt sie für die Momente, in denen sie ihre Kinder lachen sieht. Momente, die so sind, wie die Einschulung von Sebastian. Als der Sechsjährige stolz im Klassenraum saß, erwartungsvoll mit großen Augen seine Schultüte öffnete und freudestrahlend rief: „Oh, das habe ich mir so gewünscht.“

In solchen Momenten weiß Frau L., dass es sich gelohnt hat, monatelang für die Geschenke zu sparen. Und sie weiß gleichzeitig, dass sie die Schultüte nur füllen konnte, weil Sebastians Vater die geforderten Schulsachen besorgt hatte, Verwandte ein wenig Geld dazugaben und auch der Kindergarten sich mit einer Brotdose beteiligte.

Sein Sohn kommt nur wegen des Geldes

Frau L. ist seit 16 Jahren arbeitslos. Seit sie mit Thomas schwanger war. Es sind 16 Jahre, die bei der zerbrechlichen 37 Jahre alten Frau tiefe Spuren hinterlassen haben. Ein halbes Jahr vor Thomas' Geburt bekam die gelernte Kinderpflegerin die Kündigung, und sie wurde Hausfrau.

Ihr Mann war Möbelpacker. Ein Jahr nach Thomas' Geburt kam Saskia zur Welt. „Sie war ein Unfallkind“, sagt Frau L. Doch sie habe sich immer ein Mädchen gewünscht. „Ich liebe Kinder über alles“, fügt sie hinzu, und es klingt fast entschuldigend. Wie auch die Begründung für ihre erste Scheidung: Für ihre Kinder tue sie alles.

Seit der Scheidung hat der Vater von Thomas und Saskia keinen Unterhalt gezahlt. Oft schickt Frau L. deshalb Thomas zu seinem Vater. Der steckt dem Jungen dann einen Zehner oder einen Zwanziger zu. Jedenfalls war das bislang so. Doch mittlerweile hat er mitbekommen, dass sein Sohn nur wegen des Geldes zu ihm kommt. Frau L. macht ihrem ersten Ehemann keine Vorwürfe. „Er ist doch auch nur Möbelpacker und kommt gerade so über die Runden.“

Auch in München gibt es Armut

Nachdem sie ihren ersten Ehemann verlassen hatte, lernte Frau L. einen neuen Mann kennen. Es gab Probleme mit ihm und Saskia. Frau L. trennte sich von dem Mann, doch da war es schon zu spät. Saskia wurde in ein Heim gebracht, und Frau L., die im dritten Monat schwanger war, verlor ihr Kind. Saskia kann sie seitdem nur einmal im Monat sehen und auch nur, wenn Klaus Loy, ihr Betreuer von der flexiblen Jugendhilfe München, dabei ist.

Acht Jahre ist Saskia jetzt schon in dem Heim. Klaus Loy betreut Frau L. seit drei Jahren. Drei Stunden und mehr verbringt er in der Woche mit ihr. Auch Thomas hat der Sozialpädagoge unterstützt, bis der keine Lust mehr hatte. Loy ist Ansprechpartner für Probleme aller Art. Für Frau L. ist er so etwas wie ein guter Freund.

Loy kennt viele Schicksale, die dem von Frau L. ähneln. Armut ist auch im wohlhabenden München keine Ausnahme. „Kinderreichtum ist auch eine Armutsfalle“, sagt Loy. Viele alleinerziehende Mütter suchten Hilfe bei ihm. „Es gibt Kinder, die tagsüber hungern.“ Loy hat mit Kindern zu tun, die kein Frühstück kennen und deren Eltern sich selbst das Mittagessen, das die Jugendhilfe für ein oder zwei Euro anbietet, nicht leisten können.

Manchmal gibt es auch Blumen

Zweimal im Monat, wenn sie Geld bekommt, geht Frau L. einkaufen, füllt den Kühlschrank und das Gefrierfach auf. Mehr ist nicht drin. Nur die Gänge zur Ausgabestelle der Münchner Tafel. Jeden Donnerstag reiht sich Frau L. in die Menschenschlange ein, zeigt ihren Berechtigungsschein vor, den sie nach Vorlage ihres Sozialhilfebescheids bekommen hat, und steckt das von Händlern gespendete Obst und Gemüse in ihre Tüten.

Manchmal gibt es auch Blumen. Dann nimmt Frau L. rote Rosen mit und stellt sie auf den Wohnzimmertisch, neben dem abgewetzten Sofa, das ihr auch als Bett dient. Ein wenig Farbe im tristen Alltag.

Er freut sich auf die Schule

Auch Spielzeug für Sebastian bringt sie ab und an von ihren Gängen zur Tafel mit. Frau L. ist stolz auf ihren Jüngsten, stolz, weil er sich so über die Schule freut und nachmittags in einen ganz normalen Hort gehen kann. 43 Euro kostet Frau L. der Hort, 48,50 Euro die Monatskarte, damit sie Sebastian mit öffentlichen Verkehrsmitteln abholen kann. Am Freitag vor der Einschulung war Frau L. mit ihrem Jüngsten im Kino.

Die „Simpsons“ haben sie sich angesehen und sind hinterher zu McDonald's gegangen. „Eigentlich machen wir so etwas nicht.“ Zweimal war Frau L. mit ihrem Sebastian bislang in einem Restaurant, damit er weiß, wie man sich zu benehmen hat. Und nun ausnahmsweise bei McDonald's. Weil sie so stolz auf Sebastian ist und er immer Einsen schreiben will.

In sechs Jahren könnte sie schuldenfrei sein

Nach den Scheidungen hatten beide Männer Frau L. mit Schulden sitzenlassen, 45.000 Euro. Irgendwann öffnete sie die Rechnungen nicht mehr, legte die Briefe einfach in eine Schublade. Man stellte ihr den Strom ab.

Der Gerichtsvollzieher kam, doch zu holen war in der Wohnung nichts. Im Januar hat Frau L. Privatinsolvenz angemeldet. In sechs Jahren könnte sie schuldenfrei sein. „Das ist ein großes Problem bei Hartz IV“, sagt Loy. Das Geld reiche gerade, um so über die Runden zu kommen.

Aber nur, wenn man bei null anfange, nicht noch Schulden habe. Immer wieder musste Frau L. neue Rechnungen abbezahlen. Weil Thomas wieder kein Geld hatte, sich eine Fahrkarte zu kaufen, und beim Schwarzfahren erwischt wurde, weil Thomas von zu Hause aus zu oft seine Freunde angerufen hat, weil sie sich von ihrem Zahnarzt zwei Kronen machen lassen musste und nun die Kosten in Raten abstottert: 15 Monate jeweils 50 Euro.

Thomas wirft ihr Geiz vor

Thomas, der Älteste, hat gerade eine Ausbildung als Elektriker angefangen. Frau L. ist stolz auf seinen Hauptschulabschluss und den Ausbildungsplatz. Und doch bereitet ihr pubertierender Sohn, der sein Zimmer mit Fotos von deutschen Rappern und leicht bekleideten amerikanischen Popsängerinnen verziert hat, ihr Sorgen. Einige seiner Freunde nehmen Drogen. Und die Armut versteckt er hinter Kleidungsstücken.

Die Marke Picaldi ist bei den Jugendlichen angesagt: Rund 60 Euro kostet eine Hose. Zu viel für Frau L., die die alten Kleider ihrer Nachbarn trägt und von diesen häufig auch Anziehsachen für die Kinder bekommt. Einmal hat sie sich durchgerungen und Thomas Kleidergeld gegeben, damit er sich eine der begehrten Hosen kaufen kann. Weil er sowieso nicht das anziehe, was sie ihm mitbringe. Dennoch wirft Thomas ihr Geiz vor.

X-Box zum Geburtstag: „Wahnwitzige Idee“

Thomas weiß nicht, dass seine Mutter wegen seiner Ausbildung weniger Geld bekommen wird, er eigentlich Geld für den Haushalt beisteuern müsste. Zu seinem Geburtstag wollte Thomas eine X-Box haben. „Wahnwitzige Idee“, sagt Loy.

Und das, obwohl Frau L. monatelang spart, um ihren Kindern einen schönen Geburtstag zu ermöglichen. Damit Sebastian und Thomas zwei oder drei Freunde einladen und vielleicht sogar abends ins Kino gehen können. Sebastian hat sie zum Geburtstag ein Winnie-the-Pooh-Spiel für 69 Euro geschenkt. „Ich denke dann, ich mache das, auch wenn ich eigentlich kein Geld habe.“

Sie hätte vieles anders machen müssen

Frau L. sagt, sie habe schon oft versucht, ihr Leben zu ändern. Doch nie habe es geklappt. Bei Vorstellungsgesprächen sagte man ihr, man könne eine alleinerziehende Mutter nicht gebrauchen. Und wenn dann doch mal ein Job in Aussicht war, dann gingen die Kinder für Frau L. vor.

Wenn die Kinder schlafen, denkt Frau L. an die Zeit, in der sie glücklich war. Sie denkt darüber nach, dass sie vieles hätte anders machen müssen. Und über die nächste Möglichkeit, ihren Kindern etwas zu bieten. Damit sie es einmal besser haben als ihre Mutter. Damit sie nicht sagen müssen: Glücklich war ich das letzte Mal vor mehr als zwei Jahren.

*) Vornamen geändert

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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