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Kinder und Karriere Wir werden keine Wahl mehr haben

11.05.2006 ·  Es ist keine Frage mehr, ob Frauen arbeiten müssen - sie haben keine andere Wahl, denn es ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Man muß ihnen deshalb die Entscheidung für Nachwuchs erleichtern.

Von Sandra Kegel
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Nie zuvor haben so viele Frauen studiert, gearbeitet und so viel verdient wie heute. Frauen sind im Berufsleben erfolgreicher denn je - und das ist nicht allein einem höflichen Entgegenkommen der Männer zu verdanken, es ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Daß sich daran so bald nichts ändern wird, belegen demographische Berechnungen, wonach in Deutschland bis zum Jahr 2020 vier Millionen Arbeitskräfte fehlen sollen. Deshalb werden berufstätige Frauen hierzulande dringend gebraucht.

Wissenschaftler, Wirtschaftsführer und Politiker sind sich darin einig, daß Wohlstand und das Überleben der Sozialsysteme westlicher Industrienationen in hohem Maße von den Frauen abhängen werden: Von ihrer (Mit-) Entscheidung, eine Familie zu gründen ebenso wie von ihrer Bereitschaft, einen Beruf auszuüben. Weil eine Gesellschaft ohne Kinder die Zukunft verspielt.

Überholte Ansichten werden salonfähig

Und weil die weibliche Präsenz am Arbeitsmarkt zu Wachstum führt und Fachkräfte und Beitragszahler bringt. Was immer schon bekannt war, aber gern heruntergespielt wurde, daß nämlich Frauen die besseren Zeugnisse und Studienabschlüsse vorlegen können, zeitigt schon jetzt erstmals Konsequenzen in der Wirtschaft: Frauen sind innovativ und übernehmen gern und mit immer größerem Erfolg Führungspositionen - nicht nur als Kanzlerin.

Daß Frauen heute „die wichtigste Antriebskraft der globalen Wirtschaft“ sind, wie der „Economist“ schrieb, und weibliche Fähigkeiten insbesondere in der Wissensgesellschaft gefragt sind, damit tut man sich in Deutschland offenbar schwer, nicht zuletzt, weil Frauen in zwei Diktaturen, in die eine wie in die andere Richtung vor einen ideologischen Karren gespannt worden waren.

Heute, da mit Ursula von der Leyen eine CDU-Familienministerin angetreten ist, es berufstätigen Frauen zu erleichtern, auch Mutter zu sein, wird nun heftig bei uns debattiert. Da werden Vollzeitmütter gegen berufstätige Mütter ins Feld geführt, Singles gegen Familien, Frauen gegen Männer, Fortschritt gegen Tradition. Sogar eine längst überholt geglaubte Ansicht wird wieder salonfähig: daß die Emanzipation den Frauen ein Leben aufgedrängt habe, das sie von ihrer natürlichen Bestimmung, Kinder zu bekommen, entferne.

Fortschrittliche Länder haben höchste Kinderzahlen

Hat es die westliche Welt übertrieben mit der Emanzipation? Ist die Forderung nach einem Ende der Benachteiligung von Frauen zur Gleichmacherei verkommen, welche die biologischen Unterschiede zwischen Frau und Mann ignoriert, wie es die vatikanische Glaubenskongregation darlegt?

Tatsache ist, daß eine Gesellschaft, die vergreist, nicht überlebensfähig ist. Die daraus folgenden Probleme wiegen schwer. Durch eine Rückkehr in alte Zeiten allerdings lassen sie sich nicht lösen. Neuere Untersuchungen des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung belegen, daß es keineswegs, wie man früher glaubte, die schiere Emanzipation ist, die die moralische und demographische Ordnung der westlichen Welt bedroht. Es verhält sich umgekehrt. Es sind gerade nicht die besonders fortschrittlichen Länder in Europa, welche die niedrigsten Kinderzahlen verzeichnen, sondern jene, in denen das klassische Familienmodell vorherrscht.

In Gesellschaften, die moderneren Formen des Zusammenlebens gegenüber aufgeschlossener sind und berufstätige Mütter vielfältig unterstützen, wo Mütter viel häufiger arbeiten, insbesondere auch in Führungspositionen, und sich mehr Väter um den Nachwuchs kümmern, in Ländern also wie Frankreich, Schweden oder Island, kommen wesentlich mehr Kinder zur Welt als in Italien, Spanien oder Deutschland. Sicherlich fördern Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst und die Anforderungen einer gesteigerten Leistungsgesellschaft die Kinderlosigkeit - aber damit haben auch andere Länder zu kämpfen.

Viele Gründe sprechen gegen Nachwuchs

Ob Frauen arbeiten werden oder nicht, diese Frage stellt sich gar nicht mehr. Sie werden arbeiten. Die Frage muß vielmehr lauten, ob sie Kinder haben werden oder nicht, wie Frau von der Leyen es treffend zuspitzt. Wenn wir das Leitbild Familie in unserer Gesellschaft aufrechterhalten wollen, müssen wir hierauf Antworten finden.

Denn in Deutschland hat der Anteil kinderloser Frauen dreißig Prozent erreicht. Das ist der höchste Stand weltweit. Dabei wünschen sich heute noch die meisten jungen Frauen auch hier mindestens zwei Kinder. Gründe, sich gegen Nachwuchs zu entscheiden, gibt es freilich immer: Da steht die Beförderung an, da nutzt man die Freizeit lieber für extravagante Leidenschaften, oder es paßt einfach gerade nicht. Daß wir Nachholbedarf haben, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht, führt jedoch ganz offensichtlich in besonderem Maße bei Frauen zu jener Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die bedeutet, daß jährlich mehr als zweihunderttausend Babys nicht geboren werden.

Frauen werden arbeiten müssen

Natürlich kann keine Krabbelstube und kein Kindergarten die Liebe und Zuwendung der Eltern ersetzen. Doch für immer mehr Einzelkinder sind das oft die einzigen Orte, wo sie unter Gleichaltrige kommen. Daß die wirtschaftlichen Gegebenheiten und der Freiheitsdrang junger Frauen nun dasselbe Ziel verfolgen, erhöht die Chancen auf Veränderung.

Diese sollten wir nicht damit vertun, strittige Transferleistungen zu erfinden wie etwa das neue Elterngeld, sondern statt dessen die Infrastruktur für die Kinder verbessern: So daß die Zuteilung eines Krippenplatzes nicht mehr einem Lottogewinn gleichkommt, die Kindergärten nicht noch teurer werden und man Grundschülern nicht durch häufigen Stundenausfall ihr Recht auf Bildung vorenthält.

Geschieht all das nicht, zwingen wir unsere Nachkommen gleich mit in die Kinderlosigkeit. Schon heute spricht vieles dafür, daß die meisten Frauen der nächsten Generationen keine Wahl mehr haben: Sie werden arbeiten müssen. Ob sie auch Familie haben, liegt in unserer Hand.

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