So sind sie eben, die Revolutionäre, und Rosenrevolutionäre erst recht: jung und immer bereit. "Wenn ich aus dem Amt scheide, dann sollen die Leute sagen: Gia war ein ehrlicher Kerl. Die Korruption hat er bekämpft. Und die soziale Lage hat er verbessert."
Gia Getsadse, der 36 Jahre alte Gouverneur von Imeretien, rutscht auf seinem Stuhl hin und her, in der Hand eine Camel light, unter den großen blauen Augen dunkle Ränder. Seine Ungeduld ist Programm. Die Cola-Flasche setzt er direkt an den Mund, schnell muß es gehen, sollen doch die anderen die Gläser benutzen. Groß ist sein Büro - und leer: ein kleines Foto des Präsidenten an der Wand, ein Bildband über die "Rosenrevolution" im Regal, ein leise gedrehter Fernseher, Mobiltelefone, hinter der Tür ein Bett zum Schlafen. Deutsche Kriegsgefangene sollen das Gebäude einst errichtet haben. "Darum die gute Qualität", sagt Gia Getsadse.
Gerade noch hat er mit schwergewichtigen Männern um den Tisch mit den bunten Plänen gestanden: Ein Park soll neu gestaltet werden. Ein Park? Wo es doch wahrhaft wichtigere Aufgaben gibt in der Provinz Imeretien und ihrer Hauptstadt Kutaisi, der zweitgrößten Stadt Georgiens, in der von den etwa 250000 Einwohnern zu Sowjetzeiten wohl kaum mehr 180000 geblieben sind - weil es einfach nicht zum Aushalten war, ohne Arbeit, mit tagelangen Stromausfällen und bestechlichen Beamten. Da tröstet auch der Blick auf die schneebedeckten Hänge des Kaukasus nicht, die kleine Palme im Garten, das Obst auf dem Tisch. Kutaisi ist nicht irgendeine Stadt: Der Sage nach zogen die Argonauten bis hierher, in das Zentrum des antiken Königreichs Kolchis, um das Goldene Vlies zu rauben.
Aufwärts soll es jetzt gehen in Georgien. Die jungen Revolutionäre wollen alles vom Kopf wieder auf die Beine stellen, sogar um die Parks kümmern sie sich. "Generation Mischa" könnte man sie nennen, nach ihrem Präsidenten Michail Saakaschwili, der vor gut einem Jahr, ganz fernsehgerecht, mit einer Rose in der Hand vorne ins Parlament von Tiflis hereingestürmt war und Eduard Schewardnadse hinten hinausgedrängt hatte. Eine ungeheure Kraft hat dieser Präsident, den alle nur als "Mischa" kennen, genauso wie Gia Getsadse. Der Gouverneur ist das Gegenteil von einem Apparatschik, ein Charmeur im schwarzen Pullover, der im Ausland Demokratieunterricht genommen hat - in Greifswald, wo er vor fast zehn Jahren eine Dissertation über die deutsche Verfassungsgerichtsbarkeit schreiben wollte. Grinsend sagt er nur: "Kruzifix-Urteil!" Plötzlich mußte er zurück, Assistent des Vorsitzenden des neuen Verfassungsgerichts in Georgien werden. Das seien Zeiten gewesen wie damals in der Bundesrepublik unter Adenauer, meint er, alles neu, die Regierung und das oberste Gericht im Streit, nur die dicken Gesetzestexte und Kommentare fehlten. Gia Getsadse war in der Regierung Schewardnadse, hat für amerikanische Entwicklungsunternehmen gearbeitet, ließ sich von Saakaschwili begeistern, machte schließlich in dessen Regierung mit, zuletzt sogar als stellvertretender Innenminister. Vor drei Monaten hat Saakaschwili ihn nach Kutaisi geschickt, eine Wahl war nicht nötig. "Gesandter des Präsidenten" ist sein offizieller Titel, ehrlicher wäre wohl: Statthalter.
Alles muß in diesen Tagen so schnell gehen in dem kleinen Land mit den knapp fünf Millionen Einwohnern, zum Lernen bleibt kaum Zeit. Beim Europarat in Straßburg ziehen sie deshalb schon die Stirn kraus: "Die nachrevolutionäre Situation sollte kein Alibi werden für hastige Entscheidungen und das Vernachlässigen von Demokratie- und Menschenrechtsstandards", heißt es in der vor kurzem veröffentlichten Erklärung einer Beobachtergruppe. Auch in Tiflis sind Klagen über die Schattenseiten der permanenten Revolution zu hören. Gia Nodia, der anerkannte Bürgerrechtler, zählt zunächst die Verdienste Saakaschwilis auf: Die Staatseinnahmen hätten sich entscheidend erhöht, seitdem es der Korruption an den Kragen gehe. Bestes Beispiel sind die Straßenpolizisten: Früher standen sie an jeder Ecke und verlangten von den Autofahrern ein Wegegeld nach Lust und Laune. Inzwischen wurden neue Leute eingestellt, die immerhin mindestens 250 Euro im Monat verdienen, sich Patrouillen-Polizei nennen, schicke VW Passat mit der Aufschrift "Police" fahren, für sich auf großen, modernen Plakaten Werbung als Freund und Helfer machen - und das überwältigende Vertrauen der Bevölkerung genießen. "Saakaschwili hat den Staat gestärkt", sagt Gia Nodia. "Georgien ist jetzt kein failing state mehr. Und es gibt auch ein Ziel: die Mitgliedschaft in Nato und EU."
Kann es verwundern, daß die jungen, unerfahrenen Reformer manchmal allzu übermütig werden? So stark fühlten sie sich, daß sie es mit den Gesetzen nicht so genau nähmen, sagt Gia Nodia, ohne aus seinem grundsätzlichen Wohlwollen gegenüber der Regierung Saakaschwili ein Hehl zu machen. Von Folterungen in den Gefängnissen berichtet er, von Richtern, die die Regierung nicht verärgern wollen, von Journalisten, die das Gefühl haben, unter staatlichem Druck zu stehen. In Frage stellt er das schief aus Amerika übernommene System des plea-bargaining, nach dem sich festgenommene Diebe von Staatsgeldern ihre Freiheit erkaufen können, wenn sie nur genug wieder in die Staatskasse zurückzahlen - wofür aber eine ausreichende Rechtsgrundlage fehle. Und die Verfassungsänderung, mit der Saakaschwili gleich nach dem Amtsantritt seine Macht als Präsident stärkte, ist für Gia Nodia "auf lange Sicht eine Gefahr für die Demokratie" - hoffentlich werde sie wie versprochen in sieben Jahren "auf europäisches Niveau" zurückgeführt. Sorgen bereitet Gia Nodia nicht zuletzt die stagnierende Wirtschaft: "Die Leute haben noch nicht das Gefühl, daß es ihnen jetzt bessergeht als früher."
Aber sie können sicher sein: Der Präsident arbeitet daran. Im elften Stock des Kanzleramts im Herzen der malerischen Hauptstadt brennt auch spätabends noch Licht - das ist wohl das einzige, was der Demokrat Saakaschwili mit seinem Landsmann, dem Diktator Stalin, gemein hat, mal abgesehen davon, daß beide an einem 21. Dezember geboren wurden. Auf demselben Flur saß einst Schewardnadse, allerdings in einem anderen Raum - zuviel Kontinuität darf nicht sein. Wäre es nicht Zeit für eine Atempause, Herr Präsident? Gar nicht müde und in einem ungeheuren Stakkato erklärt er seinem späten Gast: "Das Fenster der Möglichkeiten wird nicht immer offenbleiben. Wir müssen es jetzt nutzen." Die Zweifel des Europarats nehme er ernst. "Aber wir können doch nicht über Nacht zu Deutschland werden." Und ob er zuviel Macht habe - na, das sei eine "Frage des Geschmacks". Jedenfalls habe er noch nie sein Veto gegen ein Gesetz eingelegt, das das Parlament passiert habe, kein anderes europäisches Staatsoberhaupt verbringe soviel Zeit im Gespräch mit den Abgeordneten wie er. Auch die vierte Gewalt erfülle ihre Aufgabe: "Die Zeitungen sind so kritisch, man könnte fast meinen, die Regierung sei in der Minderheit." Kurzum: "Georgien ist eine funktionierende Demokratie - neben den baltischen Staaten die einzige auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion." Dann geht er, ein tolpatschiger Hüne, zu seinem riesigen Schreibtisch und zieht unter einem Papierstapel stolz ein Album hervor - mit Fotos aus dem Skiurlaub, den er gerade zusammen mit dem neuen ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko in den Karpaten verbracht hat, samt Ehefrauen. Saakaschwilis Blick geht über Georgien hinaus, seine Rosenrevolution ist zum Exportschlager geworden.
Das macht auch die Leute in Kutaisi stolz, obwohl sie wie früher nach Sonnenuntergang im Dunkeln sitzen - es sei denn, sie zünden Kerzen an oder haben ein Notstromaggregat. "Bei uns in Kutaisi hat sich seit dem Machtwechsel nichts geändert", meint denn auch Nodar Jikia von einer der zahlreichen Nichtregierungsorganisationen. Die Selbstverwaltung der Stadt funktioniere nicht, das Steuersystem zwischen Tiflis und den Regionen sei nach wie vor uneffektiv und intransparent. Und keiner wisse, welche Kompetenzen der junge Gouverneur hier eigentlich habe; offenbar besitze er noch mehr Macht als sein Vorgänger zu Schewardnadses Zeiten.
Gia Getsadse, der Mann des Präsidenten, weiß das natürlich alles. Aber irgendwie scheint auch er der Ansicht zu sein, man könne sich um diese Dinge später noch kümmern, jetzt müsse man zupacken, um das Momentum der Revolution nicht zu verlieren. Schnell sagt er: "Georgien muß eines Tages ein föderaler Staat sein. Dann werden auch die Gouverneure gewählt."
Nun lacht er laut auf, wie so oft, und läßt sich durch die Stadt fahren. Sie könnte so reich sein: Ruhig strömt der Rioni-Fluß durch sein Felsbett, die Ruine der Bagrat-Kathedrale thront majestätisch auf ihrem Hügel, und hie und da galoppiert ein Pferd über den Bürgersteig - oder ein Schwein. Am Stadtrand aber grüßen die grauen Industrieruinen, und die Plattenbauten sehen kaputter aus als anderswo. Inzwischen leben in Kutaisi die meisten davon, daß sie auf dem großen Markt in der Innenstadt ihr Hab und Gut verkaufen oder auch nur ein paar Granatäpfel. Im Slalom fährt der Wagen um die Schlaglöcher, der Gouverneur zeigt nach links und rechts: Die Straße? Ist bis zum Sommer geteert. Die Häuser? Werden gestrichen. Das Gefängnis? Ist im Mai fertig. Die Fabrik? Da werden hoffentlich schon bald wieder Traktoren zusammengebaut. Das viele neue Geld in der Staatskasse macht's möglich und - Gia Getsadse kneift ein Auge zu - seine guten Kontakte zum Präsidenten. "Kommen Sie doch nächstes Jahr wieder!"