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Katholische Kirche Strukturen der Sünde

Ein Symposium als historisches Ereignis: Der Papst und seine engsten Mitarbeiter haben verstanden, welche Zerstörungskraft dem sexuellen Fehlverhalten des Klerus innewohnt.

© AFP Vergrößern Begleitgottesdienst zum Symposium „Auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung“

Wo sollte der Gedanke ferner liegen, von einem historischen Ereignis zu sprechen, wenn nicht im Blick auf die katholische Kirche, in deren kulturellem Langzeitgedächtnis die Erfahrungen der Menschheit seit zweitausend Jahren gespeichert sind? Und doch drängt sich diese Kategorie in diesen Tagen auf. Denn das Symposion „Auf dem Weg zu Heilung und Erneuerung“, das am Donnerstag in der Päpstlichen Jesuitenuniversität Gregoriana in Rom zu Ende ging, sprengte in Form und Inhalt alles, was sich seit Menschengedenken im Schatten des Vatikans abgespielt hat: Annähernd zweihundert Kardinäle, Bischöfe, Ordensobere, Theologen und Wissenschaftler aus mehr als hundert Ländern gingen fast vier Tage lang miteinander darüber zu Rate, was weltweit aus dem Skandal sexueller Übergriffe von Geistlichen auf Minderjährige und Schutzbefohlene zu lernen sei.

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Im siebten Jahr des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass der Papst und seine engsten Mitarbeiter verstanden haben, welche Zerstörungskraft dem sexuellen Fehlverhalten des Klerus innewohnt. So ist das Kirchenrecht auf Veranlassung des Papstes so modifiziert und mit Sanktionsmöglichkeiten versehen worden, dass die Hoffnung nicht unbegründet ist, es möge eine generalpräventive Wirkung entfalten. Alle Bischofskonferenzen sind außerdem dazu aufgerufen, Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs einschließlich eines Präventionskonzeptes zu erarbeiten.

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus

Doch wird es auch in der Kirche nicht damit getan sein, dass alle guten Vorsätze zu Papier gebracht werden. Wo es am Willen und der Energie fehlt, diese auch kompromisslos in die Tat umzusetzen und sich an die Regeln und Normen zu halten, werden sich Kinderschänder und andere Gewalttäter im Raum der Kirche auch weiterhin relativ sicher fühlen können.

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Deshalb führt kein Weg an der Einsicht vorbei, dass die fast unbeschränkte Autonomie des einzelnen Bischofs, wie sie sich unter dem Eindruck des Zweiten Vatikanischen Konzils herausgebildet hat, auch ihre Schattenseiten hat. Wenn, wie nicht nur in Irland geschehen, einzelne Bischöfe Selbstverpflichtungen der Bischofskonferenz ignorieren, oder wie in den Niederlanden und in Deutschland bis in die jüngste Zeit vorgekommen, Kandidaten, die in dem einen Bistum aus guten Gründen nicht zur Weihe zugelassen werden, in einem anderen umstandslos akzeptiert werden, dann muss in der katholischen Kirche die Verfassungsfrage gestellt werden.

Allzu oft ist in Fällen wie diesen nach dem Motto verfahren worden, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Doch so kann es nicht weitergehen. Auch Bischöfe müssen für ihr Tun und Lassen intern wie öffentlich stärker Rechenschaft ablegen und zur Rechenschaft gezogen werden können, als es das Kirchenrecht bislang vorsieht - und zwar auch ohne den Druck der Öffentlichkeit. Wie das geschehen soll, steht jedoch auch nach der römischen Tagung in den Sternen.

Ordensfrauen besonders gefährdet

Auf weitgehend unerforschtes Terrain begibt sich die Kirche aber auch mit dem Bestreben, in die „Lernkurve“, die in den Kirchen in Nordamerika und Westeuropa mit dem Begriff „sexueller Missbrauch“ verbunden ist, alle Kirchen weltweit einzubeziehen. In vatikanischen Statistiken tauchen kulturelle oder historische Variablen nur umrisshaft auf. So ist Pädophilie im strengen Sinn - sexuelles Verlangen nach präpubertären Kindern - wohl überall eine äußerst seltene Krankheitsform. Die meisten Priester und Ordensleute, die wegen sexueller Gewalt belangt wurden, haben sich an pubertären und postpubertären Jugendlichen vergangen. In etwa zwei Drittel der Fälle waren die Opfer Männer. Dieser Befund wiederum verweist auf eine mehr oder weniger ausgeprägte homosexuelle Subkultur innerhalb des katholischen Klerus, allen voran in Männerorden.

Signifikant anders stellt sich die Lage in Afrika, Asien und auch in Lateinamerika dar. Nach allem, was man weiß, sind die meisten Opfer sexueller Gewalt auf diesen Kontinenten Mädchen, denen von Familienangehörigen Gewalt angetan wird. Missbrauchsmuster, wie sie sich in der Kirche in Europa und Nordamerika zeigen, sind freilich keineswegs unbekannt. Doch dramatischer noch, da offenbar weit häufiger als sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche, ist in Afrika, Asien und Lateinamerika die Missachtung des Zölibatsversprechens. In manchen Regionen scheinen konkubinatsähnliche Lebensformen die Regel zu sein, nicht die Ausnahme. Besonders gefährdet sind indes Ordensfrauen. In Afrika sind sie im Zeitalter von Aids in einem Maß zu Opfern eines männlichen Klerus geworden, das jede Vorstellungskraft übersteigt.

Auch vor diesem Hintergrund muss das Symposion in Rom ein historisches genannt werden. Denn niemals zuvor wurde so ausführlich, so offen und so ehrlich über Strukturen der Sünde in der Kirche gesprochen wie in den vergangenen Tagen. Doch welche Institution, auch diese Frage muss erlaubt sein, sollte nicht schon um ihrer selbst und ihres Auftrags willen auch den Mut und die Kraft haben, nicht nur den Splitter im Auge des anderen zu sehen, sondern auch den Balken im eigenen?

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.02.2012, 08:54 Uhr

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Von Daniel Deckers

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