20.03.2007 · „Donum vitae“ ist dem Vatikan schon lange ein Dorn im Auge. Nun hat Rom nachgelegt im Streit mit dem Verein, der Schwangere „katholisch geprägt“ berät, und mahnt in einem Brief an Kardinal Wetter, auf „jegliche Unterstützung“ der Laien-Organisation zu verzichten.
Von Daniel DeckersMit den Worten „Donum vitae“ - Geschenk des Lebens - begann vor 20 Jahren eine „Instruktion“ der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre über Fragen des Lebensschutzes und der Biomedizin.
„Donum vitae“ - so nannte sich im Herbst 1999 ganz und gar nicht devot ein aus dem „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ (ZdK) hervorgegangener Verein, der nach dem Ausstieg der katholischen Bischöfe aus der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung anschickte, Frauen weiterhin eine „katholisch geprägte“ Beratung anzubieten, Schein hin oder Schein her. Seither ist die Kirche um einen Konflikt reicher. Denn sollten Laien guten Gewissens das tun können, was der Papst guten Gewissens den deutschen Bischöfen untersagt hat?
Kein Frieden mit den deutschen Laien
In den letzten Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. nahm sich die Glaubenskongregation des Themas Donum vitae nicht mehr öffentlich an. Auch Papst Benedikt XVI., der als Präfekt der Kongregation 1987 „Donum vitae“ unterzeichnet und sich im September 2000 gegenüber dem bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber (CSU) darüber beschwert hatte, dass die „Beratungsorganisation“ Donum vitae mit Hilfe des Staates auf eine „Abtrennung der Laienchristen von der Hierarchie und insbesondere von Rom“ abziele und damit einen Dualismus von Laienkatholizismus und sogenannter Amtskirche, kam als Papst zunächst nicht mehr auf dieses Thema zurück.
Die Grußbotschaft zum Katholikentag in Saarbrücken im Mai vergangenen Jahres ließ indes erkennen, dass Joseph Ratzinger auch als Papst seinen Frieden mit den deutschen Laien so lange nicht machen wird, bis sie „in Einheit mit dem Papst und den Bischöfen“ handelten und alles vermieden, „was die Klarheit des christlichen Zeugnisses verdunkelt“.
Doch damit Papst oder Glaubenskongregation keinen Anlass mehr hätten, den Finger in die Wunde zu legen, verabschiedeten die deutschen Bischöfe einen Monat nach dem Katholikentag „abschließend“ eine Erklärung zu Donum vitae e.V. Darin bezeichneten sie den Verein als eine Vereinigung außerhalb der katholischen Kirche und ersuchten „alle Gläubigen, die in den kirchlichen Räten und Mitwirkungsgremien sowie den kirchlichen Verbänden und Organisationen Verantwortung übernehmen, zum Zweck der größeren Klarheit des kirchlichen Zeugnisses auf eine leitende Mitarbeit in Donum vitae e.V.“ zu verzichten.
Keine Zweifel an der Position Roms
Der Beschluss war im Blick auf den im Herbst bevorstehenden Ad-limina-Besuch aller deutschen Bischöfe im Vatikan gefasst worden - und schien seine Wirkung nicht zu verfehlen. Nach der Rückkehr berichtete mehr als ein Bischof, der Papst habe ihnen zu verstehen gegeben, die Klarstellung vom Juni reiche. Über Ratzingers Nachfolger an der Spitze der Glaubenskongregation, den aus den Vereinigten Staaten stammenden Kardinal Levada, hieß es gar, er habe bei dem Stichwort Donum vitae zunächst nicht an deutsche Laien gedacht, sondern an die biomedizinische Instruktion gleichen Namens.
Das wäre verständlich, weil die Glaubenskongregation plant, das 20 Jahre alte Dokument im Licht der neueren biomedizinischen und -ethischen Fragen fortzuschreiben. Merkwürdigerweise findet sich Levadas Unterschrift aber auch unter einem Brief aus dem Herbst vergangenen Jahres, in dem den deutschen Bischöfen unter anderem nahegelegt wurde, „weiterhin klug und entschieden darauf hinzuwirken, dass die Gläubigen, vor allem jene, die in kirchlichen Räten, Verbänden und Organisationen tätig sind, nicht nur auf eine leitende Mitarbeit in Donum vitae e.V., sondern auf jegliche Unterstützung dieses Vereins verzichten“. So weit waren die Bischöfe nicht gegangen. An der Position Roms ließ Levada jedoch keinen Zweifel: „Die Entscheidung von Papst Johannes Paul II., den zweideutigen Beratungsschein nicht mehr auszustellen, gilt nämlich für alle Glieder der Kirche.“
Was aber gilt wirklich: die besänftigenden Worte des Papstes (so die deutschen Bischöfe ihn richtig verstanden haben) - oder die Ermahnungen seines Nachfolgers an der Spitze der Glaubenskongregation (die kaum ohne Wissen und Billigung des deutschen Papstes formuliert worden sein können)? Einstweilen ist die ungemütlichere Lesart zu bevorzugen, gerade weil die deutschen Bischöfe bislang von dem Herbst-Brief kein Aufhebens machten. Denn in einem Brief, der im Vatikan unter dem Datum des 12. Februar an den Münchner Kardinal Wetter ausgefertigt wurde, finden sich in leicht veränderter Wortwahl dieselben Mahnungen, die schon im Herbst an die deutschen Bischöfe ergangen waren. Unterschrift: William Kardinal Levada.
Verflechtung von Donum vitae und kirchlichen Räten
Freilich ist das jüngste Schreiben aus Rom nicht an Kardinal Wetter als Erzbischof von München gerichtet, sondern als Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz. Damit hat die Bayern ein Thema wieder eingeholt, das vor und während des Besuchs von Papst Benedikt in seiner bayerischen Heimat im vergangenen September von allen Seiten sorgsam ausgeklammert worden war: die finanzielle und ideelle Unterstützung von Donum vitae durch große Teile der CSU, dazu die unvermindert starke personelle Verflechtung von Donum vitae und kirchlichen Räten.
Nun sind aber nicht nur die Laien von Donum vitae, sondern auch die kirchlich anerkannten Laienräte manchem bayerischen Bischof schon lange ein Dorn im Auge. Der Regensburger Bischof Müller hat vor mehr als einem Jahr schon die Konsequenz gezogen und unter dem Beifall der vatikanischen Kleruskongregation die Struktur der Räte in seinem Bistum neu geordnet. Alle anderen bayerischen Bischöfe haben diese Notwendigkeit bislang nicht gesehen. Das könnte sich in Verbindung mit dem Thema Donum vitae bald ändern.
Donum vitae gibt sich unbeeindruckt
In der vergangenen Woche indes fassten die bayerischen Bischöfe bei ihren turnusmäßigen Beratungen nur den Beschluss, „eine langfristige und tragfähige Strategie zu entwickeln“, um die unverwechselbare Position der qualifizierten und anerkannten Arbeit der 23 vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und von der Caritas geführten Beratungsstellen der katholischen Schwangerenberatung in Bayern der innerkirchlichen wie auch einer breiten außerkirchlichen Öffentlichkeit“ besser bekannt zu machen. Damit, so der Leiter des Katholischen Büros Bayern, Beer, „können verstärkt die unterscheidenden und abgrenzenden Merkmale zu ,Donum vitae e.V.' deutlich werden“.
Der Verein Donum vitae selbst gibt sich von alldem unbeeindruckt. Die Bundesvorsitzende Waschbüsch ließ sich erbost mit der Erwartung vernehmen, die im Lebensschutz engagierten Katholiken gingen davon aus, dass sie von ihren Bischöfen „in Schutz genommen werden vor ehrabschneiderischen und unwürdigen Verleumdungen, die ihnen Beteiligung an der Tötung Ungeborener und Handeln gegen die Kirche unterstellen“.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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