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Karzais Bemerkungen Das afghanische Dilemma

06.04.2010 ·  Hat der afghanische Präsident Karzai einfach nur die Nerven verloren oder drückt seine Kritik eine tiefer gehende Krise im Verhältnis zum Westen aus? Viele Afghanen wollen nicht, dass die Taliban wieder an die Macht gelangen. Doch sie wollen auch nicht, dass Fremde sich wie Herren gebärden.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Hat Hamid Karzai einfach nur die Nerven verloren, oder sind seine jüngsten Worte Ausdruck einer tiefergehenden Krise im Verhältnis zwischen Afghanistan und jenen, die ihm im Auftrag der Vereinten Nationen helfen wollen, stabile Verhältnisse am Hindukusch zu schaffen? Unlängst nannte der afghanische Präsident die fremden Truppen „Eindringlinge“; dann sah er bei den wegen Fälschungen umstrittenen Wahlen im vorigen Jahr das Ausland am Werk. Nun drohte er in Kandahar mit einem Veto gegen die geplante Frühjahrsoffensive der Nato gegen die Taliban – es sei denn, die Bevölkerung dort wünsche sie ausdrücklich.

Dass er das im Beisein des obersten Befehlshabers General McChrystal sagte, muss aufhorchen lassen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Karzai angesichts der Schwere seines Amtes und der geringen Fortschritte Anzeichen von Nervosität zu erkennen gibt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er auf das Dilemma hinweisen möchte, das diesen Konflikt von seinem Beginn an kennzeichnet: Die Mehrheit der Afghanen möchte nicht, dass die Taliban wieder an die Macht gelangen. Doch sie wollen auch nicht, dass die Fremden in ihrer stolzen, traditionalistisch geprägten Stammesgesellschaft allzu viel kaputtmachen, sich hier und da wie Herren gebärden. Auch die große Zahl ziviler Opfer zeigt Wirkung.

Karzai bedarf des Einverständnisses der Provinzfürsten und Stammesältesten. Die kulturellen und gesellschaftlichen Aspekte dieses Einsatzes werden, neben der Strategie und völkerrechtlichen Erwägungen, oft genug vernachlässigt. So wird schon seit Jahren darüber geklagt, wie auftrumpfend bisweilen die Amerikaner gegenüber den Afghanen auftreten. Angesichts der westlichen Verluste – gerade erst hat Deutschland wieder drei Soldaten verloren – mag Karzais Kritik an „westlicher Bevormundung“ freilich als ungerecht empfunden werden.

Afghanistan darf nicht mehr zum Hort und Ausgangspunkt islamistischer Terrorakte werden, gleichgültig, an welchem Ort der Welt. Das ist der allein gültige Grund für das dortige Engagement. Auch die Nachbarstaaten wollen das nicht, allen voran das leidgeprüfte, zudem wenig stabile Pakistan. Doch auch Iran lehnt die Taliban ab, sind diese doch der religiöse Antipode zu den afghanischen Schiiten. Natürlich teilt auch Hamid Karzai noch immer dieses Ziel. So sollte man am Ende wieder zusammenfinden.

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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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