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Karola Fings/Ulrich F. Opfermann: Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933-1945 Von der Messe in den Tod

Die rassenideologische Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik zielte im „Dritten Reich“ auf die Auslöschung von Leben. Aber auch jegliche Erinnerung an die 1933 rund 800 im Kölner Stadtgebiet ansässigen Sinti und Roma sollte nach dem Zweiten Weltkrieg getilgt werden. Bis in die 1970er Jahre hinein war dies im öffentlichen Bewusstsein tatsächlich der Fall.

© dapd Vergrößern Denkmal für die Im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma

Es geschah in der allerchristlichsten Stadt Köln, einer Metropole der Zigeunerverfolgung im Rheinland. Im Mai 1935 wurde dort das erste deutsche kommunale Zwangslager für Sinti und Roma eingerichtet. Dem sollten im Rahmen der nationalsozialistischen Rassenpolitik bald weitere an anderen Orten folgen. „Juden und Zigeuner“ galten als „artfremd“, wie in Hans Globkes Kommentar zu den „Nürnberger Gesetzen“ zu lesen war. Im Kölner „Zigeunerlager“, das auch von umliegenden Gemeinden genutzt wurde, lebten bewacht und kontrolliert mehrere hundert Personen, die ihrer Freizügigkeit beraubt waren. Zahlreiche Männer wurden schon bald zur Zwangsarbeit verschleppt. Nach Kriegsbeginn 1939 liefen die Planungen für die umfassende Ausweisung an, von der bis Kriegsende 1945 rund drei Viertel der Lagerinsassen betroffen waren. Wer vorerst verschont blieb, musste mit Zwangssterilisation rechnen oder befürchten, doch noch deportiert zu werden. Die Deportierten fanden sich in verschiedenen Konzentrations- und Vernichtungslagern wieder, in denen die meisten an Krankheiten starben oder umgebracht wurden. Nicht nur für die Kölner, sondern auch für die rheinischen Sinti und Roma insgesamt diente das Kölner Messegelände als Sammelplatz, von wo aus sie zur Reise in den Tod gezwungen wurden.

Die rassenideologische Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik zielte zunächst auf die Auslöschung von Leben. Aber auch jegliche Erinnerung an die 1933 rund 800 im Kölner Stadtgebiet ansässigen Sinti und Roma sollte getilgt werden. Bis in die 1970er Jahre hinein war dies im öffentlichen Bewusstsein tatsächlich der Fall. In einer 1974 vom Archiv der Stadt organisierten Ausstellung über Widerstand und Verfolgung fehlte das Thema völlig. Erstes Licht ins Dunkel brachte interessanterweise 1980 eine von Kölner Gymnasiasten angestellte Recherche, die der „Unterdrückung und Verfolgung der Zigeuner in Köln“ nachging und im Schülerwettbewerb der Körber-Stiftung um den Preis des Bundespräsidenten zum Schwerpunkt „Alltag im Nationalsozialismus“ angefertigt wurde. Erst in den 1990er Jahren kam eine breiter angelegte wissenschaftliche Forschung zum „unterschlagenen Völkermord“ an den Sinti und Roma in Gang. Maßgeblich daran beteiligt war die Mitherausgeberin dieses Bandes, die im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln tätig ist und jetzt mit ihrem Kollegen von „Rom e.V. - Verein zur Förderung der Roma in Köln“ ein in jeder Hinsicht wegweisendes Werk regionalgeschichtlicher Forschung vorgelegt hat.

Eingangs wird zunächst über die Geschichte des Neben- und Gegeneinanders von Roma-Minderheit und Mehrheitsbevölkerung informiert. „Wir nennen sie ,Zigeuner’, sie selbst aber nennen sich ,Rom’, das heißt Mann“, schrieb Ende des 19. Jahrhunderts der „Siegerländer Volksfreund“. Die „Zigeunerfrage“ - ebenso wie die „Judenfrage“ - war keine Erfindung der Nationalsozialisten.

So wollte der Deutsche Städtetag 1929 in einer an Städte mit mehr als 25 000 Einwohnern gerichteten Umfrage wissen, ob einzelne Orte unter dem „Zuzug von Zigeunern zu leiden“ hätten und gesetzliche Regelungen für die „Behandlung der Zigeunerfragen“ erforderlich erschienen. Dortmund etwa verspürte keinerlei Handlungsbedarf. Vielmehr seien etliche „Zigeunerfamilien“, die ihre Kinder in die Schule schickten, in der Stadt ansässig. Wie die 18 Lokalstudien von „Aachen bis Wuppertal“ gut erkennen lassen, ergibt sich ein überaus differenziertes Bild über die soziale Lage und kulturelle Ausrichtung der „Zigeuner“. Die breite Skala in den Lebensgewohnheiten und beruflichen Tätigkeiten wird auch anhand des umfangreichen Bildmaterials deutlich. Den Abschluss des Bandes bilden ein Überblick über die „begrenzte strafrechtliche Ahndung des Genozids an den europäischen Roma“ sowie ein äußerst hilfreiches Glossar.

Durchweg wird die Problematik sowohl aus der Täter- als auch aus der Opferperspektive behandelt. Vorrangig analysieren die Autoren die Unerbittlichkeit, mit der Staat und Partei im Zusammenwirken von kommunalen Amtsträgern, Kriminalpolizei, SS und der unter der Leitung des Psychologen und Arztes Robert Ritter stehenden Rassehygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt zu Werke gingen. Dieser „wissenschaftlich-polizeiliche Komplex“ sorgte in systematischer Weise für die Ausgrenzung, Erniedrigung und schließlich weitgehende Vernichtung der Zigeuner, wie sie in der Terminologie der Mehrheitsgesellschaft genannt wurden. In dieser Weise wird der Begriff auch im Titel des Buches verwandt. Darüber hinaus aber wird versucht, den Opfern ein Gesicht zu geben und das gewaltsame und mörderische Geschehen, soweit die Quellenlage es zulässt, aus ihrer Sicht darzustellen. Dies geschieht mit einem Höchstmaß an Empathie, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass der Band ihrem Andenken gewidmet ist.

Karola Fings/Ulrich F. Opfermann (Herausgeber): Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933-1945. Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012. 389 S., 29,90  €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 11.11.2012, 15:50 Uhr

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