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Veröffentlicht: 23.11.2011, 16:45 Uhr

Karl-Theodor zu Guttenberg Vor der Rückkehr aus dem Exil

Zufall? Der Advent naht - und Karl-Theodor zu Guttenberg pirscht sich an ein politisches Comeback heran.

von , München
© dpa Der ehemalige Verteidigungsminister auf der Sicherheitskonferenz im November im kanadischen Halifax

Eine adventliche Hochstimmung ist in Bayern ausgebrochen. Aus mehreren untrüglichen Zeichen wird geschlossen, dass die Ankunft des Herrn, genauer gesagt des Freiherrn, noch genauer Karl-Theodor zu Guttenbergs, KT genannt, unmittelbar bevorsteht. Der Auftritt des früheren Verteidigungsministers auf einer Konferenz in Kanada, die Einstellung des strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens gegen den früheren Doktor, das angekündigte Gesprächsbuch des früheren CSU-Heros mit dem vielsagenden Titel „Vorerst gescheitert“ - was sollte das anderes bedeuten, als dass die Finsternis, die sich über das Land gelegt hat, mag sie nun Seehofer oder Söder heißen, weichen wird. Manche arbeiten schon an einer neuen Zeitrechnung: Für sie beginnt im Januar das Jahr 1 KT.

Albert Schäffer Folgen:

Eine unerquickliche Periode der bayerischen Geschichte könnte damit zu Ende gehen - mit Guttenbergs Fall hatte für den gesamten Freistaat ein Höllensturz begonnen, der nicht einmal Universitätsprofessoren und andere biedere Staatsbeamte verschonte. Schlimmes wusste am Mittwoch die Staatsanwaltschaft Hof zu berichten, die 199 Strafanzeigen gegen Guttenberg zu bearbeiten hatte, von - es kann nicht anders sein - preußischen Unruhestiftern (oder preußisch beeinflussten), die nicht verstehen wollten, dass die vielbeschworene „Liberalitas Bavariae“ gerade auch auf freiherrliche Quellenarbeit bezogen werden muss.

„In aufwändiger Recherchearbeit“ hätten sie „die gesamte Doktorarbeit“ Guttenbergs untersucht, teilten die Staatsanwälte in mitleidheischendem Duktus mit: 475 Seiten Guttenbergsche Prosa zu studieren, noch dazu in Hof, dürfte der Höchststrafe gleichkommen - für Staatsanwälte. Am Ende ihrer Lektüre stand das Ergebnis, dass „jedenfalls 23 Textpassagen“ gegen den strafrechtlichen Urheberschutz verstießen, sprich nicht dem Genius Guttenbergs, sondern anderer Autoren entsprungen sind, ohne dass sie als Zitate gekennzeichnet wurden.

© reuters Ermittlungen gegen Guttenberg eingestellt

„Jedenfalls 23 Textpassagen“ - herrlicher hätte es auch nicht Heimito von Doderer, der seine eigene Adventsgeschichte mit der „Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal“ geschrieben hat, formulieren können. Keine Frage: Die besten Kenner des Guttenbergschen Werks „Verfassung und Verfassungsvertrag“, das in gehobenem Kanzleistil bester Dodererscher Provenienz verfasst ist, finden sich nicht mehr an der Universität Bayreuth, die einst den Freiherrn mit Bestnote promovierte, sondern bei der Staatsanwaltschaft Hof.

Wie sie zu der Summe von 20.000 Euro gekommen ist, gegen deren Zahlung an die Kinderkrebshilfe das Verfahren gegen Guttenberg eingestellt wurde, befeuert jetzt manche Phantasien; je inkriminierter Textpassage sind das etwa 870 Euro, je Textseite der Dissertation, durch die sich die Staatsanwälte gequält haben, etwa 42 Euro. 490 Euro wiederum mussten am Mittwoch antiquarisch für das Guttenbergsche Werk erübrigt werden; glücklich, wer sich beizeiten einen Vorrat zugelegt hat.

„Guttenbergs Zweite“ ist ungewiss

Genussvoll wird in der CSU geraunt, Guttenberg arbeite schon wieder an einer Dissertation, dieses Mal beschränkt auf seine eigene Gedankenwelt; ob es schon Vorbestellungen gibt, ob gar findige Banker erwägen, Kaufoptionen als Wertpapiere in den Handel zu bringen - Kurzbezeichnung „Guttenbergs Zweite“ -, ist allerdings ungewiss.

Mit schnöden Zahlen haben sich die Bayern bei ihren Heroen aber noch nie lange aufgehalten, diese Traditionslinie reicht von Ludwig II. bis zu Guttenberg. Sie verlangt es gerade in Krisenzeiten nach Ästhetik und Grandezza. Sie erregen weniger die hoheitsvollen Worte, die Guttenberg in Kanada zu den Turbulenzen des Euro fand, unter besonderer Berücksichtigung der Klasse der europäischen Politiker, die während der Zeit seines amerikanischen Exils ohne ihn auskommen muss.

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Auch die Verlagsankündigung, dass er in seinem Gesprächsbuch mit einem Hamburger Fachmann für die Überführung des gesprochenen in das geschriebene Politikerwort über „den schlechten Zustand der deutschen Politik und Parteien“ plaudert, bewegt sie kaum.

Viel heftiger wird über die neue Fasson disputiert, die der Freiherr seinem Haupthaar gegeben hat - und dass er anscheinend beherzigt, dass Bayern keine Krischperln, sprich einen personifizieren Mangel an ihrer Spitze haben wollen, wie Franz Josef Strauß nachdrücklich demonstrierte; zu Edmund Stoibers Vertreibung aus seinen Ämtern dürfte letztlich seine habituelle Dürre geführt haben, die den Bayern suggerierte, bald sähen sie auch so aus. Diese schätzen vielmehr, um noch einmal Doderer zu bemühen, auch wenn der sich mehr auf die Weiblichkeit bezog, Persönlichkeiten, die „nach allen Seiten“ explodieren und den Raum um sich vernichten. Trotz aller freiherrlichen Leiblichkeit könnte es allerdings auch sein, dass die Fülle dieses Advents - und auch der nächsten Advente - in eine Leere mündet.

Die Bayern wird freilich auch nicht verdrießen, ohne Guttenberg zu bleiben. Diesem ihrem existentialistischen Umgang mit jeder Form von Erwartung kann bei Gerhard Polt, dem großen Erforscher des Advents, nachgespürt werden. Wer es eilig hat, kann sich aber auch mit einem Blick auf die Mimik Horst Seehofers begnügen, wenn der Name des Freiherrn fällt. Sollten die Heiligen Drei Könige auf den verwegenen Gedanken verfallen, sich auf den Weg zum Schloss Guttenberg zu machen, dürften in Bayern genügend Umleitungsschilder aufgestellt sein, damit sie in Ingolstadt ankommen.

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Quelle: wahlrecht.de
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