09.02.2006 · Zweideutigkeit und Grenzen der Globalisierung im Karikaturenstreit: Der Westen muß sich eingestehen, daß sein politisch-ideelles Modell nicht nur von Terroristen bestritten wird. Viele Muslime folgen einem anderen Entwurf und gehen trotzdem ins Fast-Food-Restaurant.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerVor zehn Jahren hat der amerikanische Politologe Benjamin Barber ein Buch geschrieben, dessen englischer Titel sich wie ein vorweggenommener Kommentar zu dem Geschehen um die Mohammed-Karikaturen liest: „Jihad versus McWorld“ - der Heilige Krieg gegen eine (Wirtschafts-)Welt, in der große, vorzugsweise amerikanische Unternehmen den Ton angäben und in der die Demokratie auf der Strecke bleibe. Das sei der „grundlegende Konflikt unserer Zeit“, schrieb Barber.
Der Aufruhr in der islamischen Welt richtet sich nun nicht gegen, sagen wir, Coca-Cola; er richtet sich vordergründig gegen als blasphemisch und beleidigend empfundene Karikaturen, die in europäischen Zeitungen erschienen sind. Womit wir schon beim Hintergrund wären: dem Gegensatz zwischen einem westlich-europäischen freiheitlichen Pluralismus, historisch herangewachsen in Konflikten und Katastrophen, und kollektiven religiösen und politischen Mentalitäten, die offenkundig mehr in der Vormoderne verhaftet sind als in einer Gegenwart, die - Gegensätze verniedlichend - als globales Dorf beschrieben wird.
Ferne Teile der Welt rücken einander näher
Der Globalisierung - verstanden als wachsende gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit, als globaler Markt von Gütern und Produktionsstandorten - ist oft eine gleichmacherische Wirkung zugeschrieben worden; Konsumvorlieben, Lebensstile und politische Einstellungen glichen sich einander an. In gewisser Weise stimmt das auch: Einkaufsstraßen sind verwechselbar geworden, Aufmachung und Waren sehen in Tokio nicht anders aus als in Wien. Und wer heute von Wien nach Tokio will, der ist binnen eines halben Tages am Ziel; die Nachrichten von dort nach hier haben eine Fließgeschwindigkeit von Sekundenbruchteilen.
Die Umwälzungen der Telekommunikation haben zu einer ungeheuren Vernetzung und Transparenz geführt: Die Karikaturen in Jütland werden zum Gegenstand der Abendnachrichten - und der politischen Mobilisierung - in Pakistan. Ferne Teile der Welt rücken mindestens virtuell einander näher. Aber werden sie auch in einem ideenpolitischen Sinn einander ähnlicher?
Arabisch-muslimische Welt nicht abgeschnitten
Die Globalisierung ist nur zum Teil der große Vereinheitlicher. Ein glitzerndes Einkaufszentrum in Abu Dhabi, ein typisch westlicher Import, läßt kaum Rückschlüsse zu auf die politischen Einstellungen der Kunden und die am Ort vorherrschende Ordnung. Zwar läßt sich von der Globalisierung sagen: Wer sich ihr entzieht, der verordnet sich wirtschaftliche Isolation und damit Stagnation. Wer „mitmacht“, der leidet vielleicht an den Folgen der Anpassung, gewinnt jedoch unter dem Strich mehr Wohlstand. Doch auch in der globalen, unverschlüsselten Welt von heute werden kulturelle Besonderheiten und politische Traditionen nicht automatisch weggehobelt. Man braucht da wieder nur den Fernseher einzuschalten, um die Belege zu finden.
Die arabisch-muslimische Welt ist, anders als große Teile Afrikas, von den (meisten) großen Strömen unserer Zeit und ihren technischen und kommunikativen Leitungen nicht abgeschnitten; das gilt sogar für Modernisierungsimpulse. Auf die auch politische, alltagswirkliche Zentralität ihres religiösen Wert- und Ordnungssystems hatte die Globalisierung aber bislang wenig Einfluß. Im Gegenteil. Die Virulenz des Islamischen fällt mindestens so auf wie die modernen Mittel, die zur Agitation eingesetzt werden.
Eine Kultur der Liberalität
Der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen führt die Zweideutigkeit und die Grenzen der Globalisierung ebenso vor Augen wie die Widerstände, die sie provoziert. Coca-Cola und Handy gibt es überall; diese Art der Modernisierung - manche sprechen von: Amerikanisierung - hat die tradierten Zeichensysteme der muslimischen Welt zwar berührt, aber, symbolisch gemeint, nicht wirklich erschüttert. Und die politische Liberalisierung steht erst noch am Anfang. Gobalisierung bedeutet Wandel - rasender Wandel. Aber sie kann historische Epochen weder im Zeitraffer nachholen noch ganz überspringen - schon gar nicht in einem politisch-religiösen Raum wie dem des Islams, in dem an Tradition so leidenschaftlich festgehalten wird und dessen Identität oft genug mit einer antiwestlichen Militanz verteidigt wird.
Das ist ja eine Erfahrung, welche die Vereinigten Staaten gegenwärtig machen bei dem Versuch, den Nahen und Mittleren Osten mit Demokratie zu versöhnen: Wahlen sind wesentlich, aber der demokratische Republikanismus bedarf eines Untergrundes, einer Kultur der Liberalität, die zu bilden andere Jahrhunderte gebraucht haben. Der Gegensatz zwischen amerikanischer Demokratisierungsbegeisterung und islamischem Traditionalismus - religiös, ethnisch, sozial - ist nicht aufgelöst.
Arabischen Opfermythos befeuern
Die globalisierte Welt befindet sich in einem Zustand großer Unsicherheit. Manche Konflikte scheinen erst jetzt richtig „reif“ zu werden, vom (islamistischen) Terrorismus geht dabei eine große Gefahr aus. Er verfolgt politisch-totalitäre Ziele, die wenig mit dem Aufbegehren von Entrechteten und Marginalisierten zu tun haben; allenfalls werden sie so verbrämt. Seine Feinde sind Amerika, Israel, der Westen - und auch jene Muslime, die den großen Kampf für eine Perversion ihres Glaubens halten.
Dieser Westen, der einen Dialog der Kulturen als Gegenmittel predigt, der sich bisher als unergiebig erwiesen hat, muß sich eingestehen: Seine Legitimität, sein politisch-ideelles Modell, sein Lebensstilpluralismus, sein Ordnungsanspruch - das alles wird nicht nur von den Terroristen und jenen bestritten, die den arabischen Opfermythos befeuern. Zwischen Marokko und Indonesien gibt es viele Muslime, die einem anderen Entwurf und anderen Autoritäten folgen (und die trotzdem ins Hamburger-Lokal gehen). Daß die meisten von ihnen in Staaten leben, die im günstigsten Fall autoritär regiert werden, gibt diesem Grundkonflikt nur eine zusätzliche machtpolitische Dimension.
Zu kurz gesprungen
Hans Reinhard Seeliger (HRSeeliger)
- 09.02.2006, 10:39 Uhr
Woher so viel Information?
Angela Mirna (Angela.Mirna)
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Werner Eickhoff (WernerEickhoff)
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Die Konfliktlinie
gisbert heimes (gisbert4)
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Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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