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Axt-Attacke bei Würzburg : Schemenhafte Konturen eines Attentäters

Bei den IS-Loyalisten handelt es sich meist um frühere Taliban-Kommandeure, die sich aufgrund von ideologischen Differenzen, inneren Machtkämpfen oder Streitigkeiten um Pfründe von den Rebellen losgesagt haben. Mit ihrem Treueschwur für den IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi verfolgen sie vor allem das Ziel, Angst zu verbreiten und sich mächtig darzustellen. Auf dem Schlachtfeld ist der Erfolg dieser Gruppen begrenzt, da sie von den Taliban erbittert bekämpft werden. Unter Jugendlichen in beiden Ländern aber ist die IS-Propaganda erfolgreich, die Gruppe gilt in islamistischen Kreisen als cool. Und in der Bevölkerung verbreiten Greueltaten von vermeintlichen IS-Kämpfern deutlich mehr Schrecken als Angriffe der Taliban, auch wenn diese häufig nicht minder brutal sind.

Zwei Verletzte noch in Lebensgefahr

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) blieb am Mittwoch vorsichtig unbestimmt: Vieles spreche dafür, dass der Würzburger Täter durch die Propaganda des IS „angestachelt“ worden sei. Es gebe aber keine Anhaltspunkte, dass die Tat vom IS angeordnet worden sei. Eine zentrale Rolle bei den weiteren Ermittlungen wird das Mobiltelefon des Täters spielen; möglicherweise gibt es Aufschluss, mit welchen Personen er in den Tagen vor der Tat Kontakt hatte – auch ob IS-Verantwortliche darunter waren.

Mehr Klarheit könnte es dann auch geben, auf welchem Weg das Video an den IS gekommen ist – und ob es eine Aufforderung gab, es vor der Tat aufzunehmen. Möglicherweise gibt es auch Aufschluss, welchen genauen Inhalt die Nachricht über den Tod eines Freundes in Afghanistan hatte, die der Täter wenige Tage vor der Tat erhalten haben soll – ob der Freund etwa bei einer Militäroperation getötet wurde.

Unterdessen sind in Deutschland Angehörige der chinesischen Familie eingetroffen, die der Täter im Zug mit seiner Axt und seinem Messer schwer verletzt hat. Die Familie, die aus Hongkong stammt und Urlaub in Deutschland machte, war auf dem Rückweg von einem Ausflug nach Rothenburg ob der Tauber nach Würzburg gewesen. Die Ärzte des Universitätsklinikums Würzburg kämpften am Mittwoch weiter um das Leben des 62 Jahre alten Vaters der Familie und des 31 Jahre alte Freundes einer Tochter. Die 58 Jahre alte Mutter und eine 27 Jahre alte Tochter waren in einer stabilen Verfassung. Auch die Spaziergängerin, die der Täter nach seiner Flucht aus dem Zug mit Axtschlägen am Kopf schwer verletzt hat, war am Mittwoch außer Lebensgefahr.

Mit Berufung auf IS seelische Gründe verschleiern

Zunehmend Sorge bereitet den Sicherheitsbehörden, dass sich durch die Verbreitung des Videos des Würzburger Täters Nachahmer in Deutschland und anderen europäischen Staaten finden könnten. Die europäische Polizeibehörde Europol veröffentlichte am Mittwoch eine Analyse, dass Anschläge von Einzeltätern wie in Orlando, Magnanville, Nizza und Würzburg eine „bevorzugte Taktik“ des IS seien; auch Al Qaida verfolge sie. Beide Gruppierungen hätten wiederholt Muslime in westlichen Ländern aufgerufen, dort als Einzeltäter Anschläge zu verüben. Anhaltspunkte, dass eine der beiden Terrororganisationen über die Aufrufe hinaus in die Planung der vier Anschläge eingebunden gewesen sei, sah Europol nicht. Es gebe auch keine Hinweise, dass die Attentäter tatsächlich einer IS-Gruppe angehört hätten.

Noch nicht geklärt war am Mittwoch, inwieweit eine psychische Störung bei dem Würzburger Täter, der sich in einen regelrechten Blutrausch versetzt hatte, eine Rolle gespielt haben könnte. De Maizière sprach von einem Fall, „der im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror liegt“. Europol verwies auf wissenschaftliche Untersuchungen, wonach 35 Prozent der Einzeltäter, die zwischen 2000 und 2015 terroristische Verbrechen begangen haben, an einer psychischen Störung gelitten hätten.

Die Berufung auf islamistische Ideologien könne genutzt werden, um tieferliegende seelische Gründe für solche Taten zu verschleiern. Das ändere aber nichts an der Anziehungskraft, die islamistische Ideologien ausübten. In diesen Ideologien würden alle „Ungläubigen“ zu Unterstützern einer globalen Kampagne gegen den Islam erklärt – und damit werde Angriffen auf westliche Bürger der Anschein einer Legitimität gegeben.

Das Videobekenntnis des Attentäters

Im Names des allmächtigen Gottes: Ich bin ein Gotteskrieger (mujahed) des Islamischen Staates und heute werde ich einen Selbstmordanschlag in Deutschland verüben. Die Zeiten sind vorüber, in denen Nicht-Muslime in unsere Länder kamen, unsere Frauen und Kinder töteten und niemand Fragen stellte und diese Marionettenführer darüber schwiegen und Muslime Angst hatten, ihren Mund aufzumachen. Diese Zeiten sind vorbei. Nun ist der Islamische Staat in Irak, Syrien und Jemen errichtet worden.

Jeder Mujahed wird zu euch kommen und euch in euren eigenen Häusern töten. Die Mujahedin werden in euren Ländern und Flüchtlingsheimen leben, sie werden Unterschlüpfe errichten und euch auf euren Straßen und in euren Häusern, in den Provinzen und überall angreifen. Der Islamische Staat ist mächtig genug, um dies zu tun. Gott hat uns so viel Kraft gegeben, dass wir euch sogar in euren Parlamenten angreifen können. Wie ihr seht, habe ich in eurem Land gelebt. Ich habe in euren Häusern meinen Plan gemacht und werde euch in euren Häusern und auf der Straße töten, so dass ihr Frankreich vergessen werdet.

Ich werde euch so lange bekämpfen, so lange noch ein Tropfen Blut in meinem Körper ist. Ich werde euch mit meinem Messer töten und eure Köpfe mit meiner Axt spalten, so Gott will. Ich rufe alle Muslime auf, sich dem Islamischen Staat anzuschließen und den Kalifen Abu Bakr al Bagdadi anzuerkennen. In jedem Land findet ihr Stellen, wo ihr euch dem Islamischen Staat anschließen könnt. Wenn ihr nicht nach Irak oder Syrien gehen könnt, tötet zumindest Polizisten und Soldaten in euren Regionen. (F.A.Z.)

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