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Veröffentlicht: 30.07.2016, 20:00 Uhr

Attentat in Nordfrankreich Er wollte noch mit seinen Mördern reden

Es herrscht Angst, Wut und Trauer in Frankreich: Der von Islamisten getötete französische Priester forderte mehr Menschlichkeit – und wurde Opfer von blindem Hass. Doch wer war Jacques Hamel?

von Martin Franke
© dpa Bleibendes Vermächtnis: Bis zum Schluss setzte sich Jacques Hamel für ein friedliches Miteinander ein.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Jacques Hamel wohl nie aufgehört. Der katholische Priester aus der Normandie, weit im Norden Frankreichs, war mit 85 Jahren immer noch im Dienst. Längst hätte er den Ruhestand genießen können – doch das wollte er nicht. Stattdessen hat er Kinder getauft, Messen gelesen und sich um die Menschen in seiner Gemeinde gekümmert.

Jetzt ist er tot, umgebracht durch den blinden Hass selbsternannter IS-Kämpfer. Am Dienstagmorgen stürmten zwei mit Messern bewaffnete Teenager, beide 19 Jahre alt, die Kirche im historischen Ortskern von Saint-Étienne-du-Rouvray. Fünf Gläubige waren im Gottesdienst. Sie mussten zusehen, wie die Attentäter den Priester in die Knie zwangen und ihm die Kehle durchschnitten.

Symbol einer verwundbaren Gesellschaft

Schwester Danièle, die über eine Seitentür in die Sakristei flüchtete, hielt auf der Straße das erste Auto an. Der Fahrer habe die Polizei gerufen, berichtete die Nonne im französischen Fernsehen. „Dann ging alles ganz schnell.“ Für Jacques Hamel jedoch kam jede Hilfe zu spät. Die Spezialkräfte der Polizei erschossen die zwei jungen Männer, den Leichnam des Geistlichen fanden sie in einer Blutlache liegend.

Der Priester ist zum Symbol für die Verwundbarkeit der französischen Gesellschaft geworden. Dabei war er derjenige, der den Dialog zwischen den Religionen suchte, auf die Kraft des Glaubens setzte. Mit Muslimen aus der Gemeinde traf er sich regelmäßig, auch um der Radikalisierung junger Männer vorzubeugen. Für den Vorsitzenden des Rats der Muslime in der Normandie, Mohammed Karabila, war der katholische Priester mehr als ein Kollege: „ein Mensch des Friedens, der Religion und mit einem gewissen Charisma – jemand, der sein gesamtes Leben für andere geopfert hat“. Wie Karabila berichtete, trafen sich die Religionsgemeinschaften seit achtzehn Monaten, seit den ersten Attentaten in Frankreich, in einer interkonfessionellen Gruppe. „Wir hatten uns viel mitzuteilen.“

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Der junge Priester Auguste Moanda-Phuati, den Jacques Hamel zur Zeit des Attentats im Urlaub vertrat, sagte der Zeitung „Le Figaro“, dass es vorher nie Drohungen gegen den getöteten Priester oder ihn selbst gegeben habe. „Es hätte auch mich treffen können“, sagte der Mann aus Kongo. „Er war ein beherzter Priester. Sehr beliebt, ein guter Mensch, anspruchslos und ohne Extravaganzen. Wir haben viel von seiner Erfahrung und seiner Weisheit profitiert.“ Wenn Hamel sich für längere Zeit nicht blicken ließ, machten sie sich Sorgen. Schließlich habe er fast sein gesamtes Leben im Dienste der Kirche verbracht.

Ruhig, spirituell und diskret soll der etwas hagere Mann gewesen sein – und ein guter Zuhörer, berichteten Weggefährten. Bis zuletzt wohnte er im Pfarrhaus. Ein Video auf Youtube zeigt ihn an Weihnachten 2009 in fröhlicher Verfassung. Er singt munter, hält eine Predigt und drückt seinen Gemeindemitgliedern zum Fest persönlich die Hände.

„Hast du jemals einen Pfarrer in Ruhestand gesehen?“

Noch vor einem Monat wünschte Hamel in einem Kirchenblatt angenehme Sommerferien und appellierte an seine Gemeinde, die Welt wieder zu einem menschlicheren Ort zu machen. „Auf dass wir in diesen Momenten die Einladung Gottes verstehen können, für diese Welt zu sorgen, da wo wir leben, sie wärmer, menschlicher und geschwisterlicher zu gestalten. Euch allen schöne Ferien!“ Auch er wollte Urlaub machen und seine zwei Schwestern besuchen, sobald Moanda-Phuati zurückgekommen wäre.

© afp Trauer und Wut nach Attentat auf Kirche in Frankreich

Hamel kam 1930 im Arbeiterstädtchen Darnétal zur Welt, wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er starb. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebte er als Kind und Jugendlicher. Wie viele junge Männer seiner Generation suchte Hamel Halt im Priesterseminar. Die Erzdiözese schreibt auf ihrer Internetseite, dass er mit 28 Jahren die Priesterweihe in Rouen erhielt. Anschließend war er Vikar in verschiedenen Gemeinden, von 1975 an leitete er seine eigene Pfarrei. Von 2005 an übernahm Hamel Hilfsaufgaben in der Pfarrkirche in Saint-Étienne-du-Rouvray, wenn Auguste Moanda-Phuati zu vertreten war. „Hast du jemals einen Pfarrer in Ruhestand gesehen?“, soll er einmal gefragt haben. Mit 75 Jahren wollte er sich jedenfalls noch nicht zurückziehen, auch, weil es so wenige Priester in der Gegend gab.

Am Dienstag, als die Dschihadisten die Kirche überfielen, soll er noch versucht haben, mit den Terroristen zu sprechen, sie zu besänftigen. Aber seine Barmherzigkeit konnte dem Terror nicht trotzen. Am Donnerstagabend gedachten Hunderte Menschen in Saint-Étienne-du-Rouvray Hamels. Auf einer Bühne wurde sein Bild aufgestellt. „Einzig Worte und Friedensbekundungen, jeden Tag, in unseren Straßen, auf unseren Plätzen, werden zur Brüderlichkeit und zum Zusammenhalt der Familien beitragen“, sagte der Bürgermeister.

Für diesen Sonntag hat der französische Rat der Muslime Imame und islamische Gläubige dazu aufgerufen, an einer Messe in ihrer Nähe teilzunehmen. Sie sollen ihren christlichen Brüdern und Schwestern mit dieser Geste „Solidarität und Mitgefühl“ zeigen. Möglicherweise sind dann im ganzen Land jene Worte Jacques Hamels zu hören, die er vor wenigen Wochen für die Gemeinde in der Normandie schrieb. Am Dienstag wird er im Kreis seiner Familie begraben.

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Quelle: wahlrecht.de
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