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Taktik des Terrors : Der führerlose Dschihad

Zeichen für Europa: Ein Mitglied der Terrorgruppe nach der Eroberung eines Flughafens der syrischen Armee bei Raqqa. Bild: AP

Madrid, Paris, Brüssel: Die Angriffe der islamistischen Terroristen gegen den Westen folgen einer ausgeklügelten Taktik. Das erklärte Ziel ist eine Spirale der Gewalt.

          Von diesem Schlüsseldokument zum Dschihad wird noch viel die Rede sein. Das Werk heißt „Der Ruf zum globalen islamischen Widerstand“. Mit einem Umfang von 1600 Seiten ist es für ein Handbuch zu lang, und doch enthält es die Anleitung zum Terror, der zuletzt Paris, Istanbul und Brüssel heimgesucht hat. Der Autor, Abu Musab al Suri, hat in dem Werk die theoretischen Grundlagen für den globalen Dschihad gelegt und dabei Erfahrungen einfließen lassen, die er in den Kriegen in Afghanistan, dem Irak und Syrien gesammelt hat.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In dem Kapitel, das er selbst als das wichtigste bezeichnet, schreibt der 1958 in Aleppo geborene al Suri, dass der Dschihad zwei Aspekte berücksichtigen müsse: Zum einen müsse er das geheime Werk von Einzelnen in kleinen Zellen sein, die völlig unabhängig voneinander operierten, und zum anderen müsse es an den „offenen Fronten Dschihads“ zu Anschlägen kommen, wann immer es die Umstände erlaubten. Dann würde folgende Situation eintreten: „Der dschihadistische Terror durch Einzelne, der nach Regeln des urbanen Guerillakriegs erfolgt, ist die Grundlage dafür, dass der Feind ermüdet und er in einen Zustand des Zusammenbruchs und Rückzugs getrieben wird, so Allah will.“

          Fünf Jahre ohne Lebenszeichen

          Als strategisches Ziele bezeichnet al Suri die Überwindung aller Grenzen und die Wiederherstellung der „Umma“, der Gemeinschaft der Muslime. Sein Appell wendet sich an alle Muslime, die sich „unterdrückt und gedemütigt“ fühlen. Sie sollen sich mit spektakulären Aktionen gegen die „Feinde Allahs“ erheben. Sein Ziel ist, dass der Terror Gegengewalt gegen Moscheen und Muslime auslöst, womit eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt werde, die dem Dschihad neue Rekruten zuführe.

          Al Suri hat das Werk in den Jahren 2004 und 2005 verfasst. Im November 2005 wurde er in der pakistanischen Stadt Quetta verhaftet. Nachdem ihn die amerikanischen Behörden verhört hatten, lieferten sie ihn an Syrien aus. Er soll in das Zentralgefängnis der syrischen Geheimdienste im Damaszener Stadtteil Kfar Soussa eingeliefert worden sein. Unklar ist, ob er Ende 2011 im Rahmen einer Amnestie aus der Haft entlassen wurde. Dafür spräche, dass unmittelbar danach in Syrien eine Serie von Anschlägen begann, welche die Handschrift al Suris tragen. Von da an riefen die Führer islamistischer Gruppen in Syrien auch zum „bewaffneten Dschihad“ auf. Dagegen spricht, dass es in den vergangenen fünf Jahren kein Lebenszeichen des Mannes gegeben hat, der den heutigen Terror prägt wie wenige andere.

          Die westliche Welt erschüttern

          Der Syrer, dessen bürgerlicher Name Mustafa Setmariam Nasr lautet, hatte erstmals beim islamistischen Aufstand 1982 in Hama, den das syrische Regime brutal niedergeschlagen hatte, eine prominente Rolle gespielt. Danach setzte er sich nach Frankreich und Spanien ab. 1987 schloss er sich im pakistanischen Peschawar dem Kreis um Usama Bin Ladin an. Dort schrieb er sein erstes, 1000 Seiten umfangreiches Werk mit dem Titel „Die syrisch-islamische Dschihad-Revolution“, in dem er die Gründe für das Scheitern des Aufstands von 1982 untersuchte. 1992 kehrte er nach Spanien zurück, wo er mit einer zum Islam konvertierten Frau lebte. In dieser Zeit analysierte er, weshalb die algerische Terrorgruppe „Groupe Islamique Armé“ (GIA) scheiterte. Weitere Erfahrungen, die ihn prägten, sammelte er 2003 in der irakischen Stadt Falludscha, wo er am Beginn des Terrors gegen die westlichen Besatzer beteiligt war. Zurück in Spanien, soll er die Anschläge in Madrid am 11. März 2004 geplant haben.

          Videografik : Die Anschläge von Brüssel

          Im Mittelpunkt steht bei Suri die Erkenntnis, dass Dschihadisten gegen die modernen westlichen Armeen auf verlorenem Posten stehen. Er leitet daraus die Forderung ab, dass es kleiner, voneinander unabhängiger Zellen in einem führerlosen Dschihad bedürfe, um die westliche Welt zu erschüttern. Dabei schloss er den Einsatz von Massenvernichtungswaffen nicht aus.

          „Ruf zum globalen islamischen Widerstand“

          Al Suri arbeitete in Afghanistan mit Bin Ladin und im Irak mit Abu Musab Zarqawi zusammen, und doch distanzierte er sich von Al Qaida und – wenn auch indirekt – vom „Islamischen Staat“. Als Medienberater von Bin Ladin hatte er von 1988 an dessen große Interviews mit westlichen Medien vermittelt. Dann wandte er sich von Bin Laden ab. Suri warf ihm vor, er genieße es zu sehr, im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit zu stehen. Zudem hätten die Terroranschläge vom 11. September 2001 dem globalen Dschihad mehr geschadet als genutzt. Auch sprach sich Suri gegen die Errichtung eines „Islamischen Staats“ aus. Als sein Leitmotiv gibt er „Nizam, la tanzim“ an, also keine existierende Organisation zu schaffen, sondern ein System des Terrors anzuwenden, aus dem heraus dann die „Befreiung der Umma“ erfolge.

          Abdelhamid Abaaoud galt als Kopf der Brüsseler Terrorzelle. Seine Taktik war wohl stark an die Vorgaben von Abu Musab al-Suri angelehnt.
          Abdelhamid Abaaoud galt als Kopf der Brüsseler Terrorzelle. Seine Taktik war wohl stark an die Vorgaben von Abu Musab al-Suri angelehnt. : Bild: dpa

          Suri treibt mit seinem „Ruf zum globalen islamischen Widerstand“ den islamistischen Terror von Al Qaida und des IS weiter. Alle drei Ansätze folgen der Ideologie des salafistischen Dschihadismus, wonach durch die Gewalt des Dschihad der Zustand des frühen Islams wiederherzustellen sei. Al Qaida bekämpfte die saudische Monarchie sowie die „Kreuzzügler und Zionisten“; als Avantgarde im fernen Afghanistan nutzte sie vereinzelt Attentäter. Eine größere Zielgruppe und eine größere Basis hat indessen der IS. Denn er bekämpft „die Feinde Allahs“ generell und greift auf ein Mobilisierungspotential zurück, das ihn zu einer Massenbewegung macht. Suri könnte das weiter steigern. Denn er liefert die Grundlage für einen führerlosen globalen Dschihad, der nicht mehr zu kontrollieren ist.

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          „Islamischer Staat“ : Spuren des Terrors Bild: F.A.Z.

          Quelle: F.A.Z.

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