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Veröffentlicht: 16.11.2015, 11:09 Uhr

Politologe Asiem El Difraoui Warum gerade Frankreich angegriffen wurde


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Nein, man fängt jetzt erst an mit den Studien. Proportional zur muslimischen Bevölkerung kommen die meisten europäischen Dschihadisten übrigens aus Belgien, aber weil es in Frankreich eine große muslimische Bevölkerung gibt, ist die absolute Zahl höher, etwa bei zweitausend. Man weiß nicht viel über sie, außer, dass ihre Radikalisierung wohl weniger mit Ideologie und Religion zu tun hat als mit psychologischen, familiären Traumata und mit ganz allgemeiner Sinnsuche, mit dem Finden einer neuen Gemeinde. Wobei das Erstaunliche ist, dass die spirituellen Elemente dabei nicht so wichtig scheinen: Es geht gar nicht darum, Muslim zu werden und in der Spiritualität des Islams auf Sinnsuche zu gehen. Sondern man wird gleich Dschihadist.

Welche Rolle spielt das Internet bei dieser Radikalisierung?

Einer deutschen Studie zufolge hat das Web 2.0 bei weniger als dreißig Prozent bei der Radikalisierung zum Dschihadisten die Hauptrolle gespielt. Bei allen anderen war das persönliche Umfeld wichtiger. Und auch die Moscheen. Trotzdem benutzt natürlich jeder radikalisierte Dschihadist das Netz, denn hier wird die Gruppenidentität geschaffen.

Woher kommt eigentlich diese Strategie, den Terror an möglichst viele, scheinbar willkürlich ausgewählte Orte gleichzeitig zu streuen?

Das Konzept des „multiplen Attentats“ beruht darauf, die Sicherheitskräfte abzulenken oder auf die herbeieilenden Polizisten und Sanitäter zu warten, um noch eine Bombe zu zünden. So etwas gibt es seit langem im Irak.

Wie kommt so etwas nach Europa?

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In mehreren Etappen. Die Grundlagen sind schon während des Bosnien-Krieges gelegt worden, an dem damals viele Dschihadisten teilgenommen haben. Dann kam der erste Irak-Krieg und eine zweite Welle, bei der die Medienarbeit der Dschihadisten nach Europa delegiert wurde. Damals wurde in Deutschland und Österreich etwas mitbegründet, das sich „Globale islamische Medienfront“ nennt und zu den Hauptverteilern dschihadistischer Propaganda in Europa gehört. Diese Leute haben sich in Europa mit den Salafisten vermischt und so dafür gesorgt, dass die dschihadistische Ideologie mit Elementen europäischer Jugendkultur durchsetzt wurde: mit Schlachthymnen, mit Gesten wie dem gestreckten Zeigefinger, der für die Einheit Gottes stehen soll, aber eher an einen Facebook-Like erinnert. Und über diese Jugendkultur konnten sie jahrelang mit etwaigen Sympathisanten kommunizieren, und zwar oft in deren Sprachen. Auf einmal gab es also Leute, die aussahen, sprachen und sich benahmen, als kämen sie aus Kreuzberg, dem Londoner East End oder einem Vorort von Toulouse. Damit sind Barrieren weggenommen worden.

Warum fällt so etwas in Frankreich auf besonders fruchtbaren Boden?

Vermutlich, weil die Polarisierung hier größer ist als in anderen Ländern. Weil es viele Muslime gibt und eine große Stigmatisierung: Es ist für gutausgebildete Araber oder Schwarze einfach leichter, Jobs in London zu finden oder in Kanada.

Was wäre also zu tun?

Man braucht politischen Mut. So wie Angela Merkel, die in einer großen Geste gesagt hat: Kommt alle! Der „Islamische Staat“ hat gleich vier Propaganda-Videos ins Netz stellen müssen, um zu sagen: Nein, geht nicht nach Europa, denn auf der Überfahrt ertrinken eure Kinder, und ihr müsst unter den Ungläubigen leben, die euch sowieso misshandeln. Wo ist in Frankreich diese große Vision?

Vor dem Hintergrund der neuen Attentate könnte Angela Merkel ihre große Geste allerdings noch um die Ohren fliegen.

Aber diese Terroristen sind ja keine Flüchtlinge. Leute, die sich solche Ziele aussuchen, kennen das Viertel ganz genau. Sie sind schon lange hier, nicht erst seit zwei Wochen. Um zu verhindern, dass sie den Islamisten in die Hände fallen, muss man eine europaweite Debatte anstoßen: Was ist unsere Identität? Wie vermitteln wir den jungen Leuten, dass diese Gesellschaften die besten sind, die es gibt? Dass man trotz des Rassismus viel umsetzen kann, dass man auch seine Religion hier wesentlich besser leben kann als in Saudi-Arabien oder in Ägypten? Das müssen wir schaffen.

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Von Jasper von Altenbockum

Die Abschiebungen sind völlig unzureichend. Das wird so bleiben. Auf diese seit Jahren bekannten Konstruktionsmängel geht keine Partei ein - weder die SPD noch eine andere. Mehr 325

Quelle: wahlrecht.de
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