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Ahmad Mansour : „Wir müssen Verantwortung für dieses Ungeheuer übernehmen“

„Es gibt nicht den Islam“, sagt Ahmad Mansour. Bild: dpa

Der Psychologe Ahmad Mansour war selbst mal Islamist. Er hat den Ausstieg geschafft - und warnt nun vor der Radikalisierung einer ganzen Generation.

          Viele der Attentäter von Paris stammen aus Frankreich. Und auch viele Muslime, die sich hierzulande radikalisieren, sind in Deutschland aufgewachsen. Wie kann das sein? Wie können diese jungen Menschen freiwillig alle Freiheiten aufgeben – Flirten, Tanzen, Rapmusik –, nur um in den Dschihad zu ziehen?

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Erst mal müssen wir unterscheiden. Wenn es um Jugendliche geht, die bereit sind, nach Syrien und in den Irak auszureisen oder sogar Menschen umzubringen, dann ist das die absolute Minderheit, auch unter den Radikalen. Radikalismus ist nicht nur Dschihadismus. Ich finde es traurig, dass wir diese Debatte nur in Bezug auf die Anschläge führen und nicht im Hinblick auf Ihre Frage: wie es sein konnte, dass Jugendliche, die zu dieser Gesellschaft gehören, sich von ihren Werten entfernen.

          Wie passiert das?

          Es gibt zwei Wege. Der erste Weg ist, in einer patriarchalischen Familie groß zu werden, wo die Sachen, von denen Sie sprachen, von Anfang an verboten oder mit Strafen verbunden sind. Das ist leider weit verbreitet. Wir können auch nicht erwarten, dass zum Beispiel alle Menschen ein freies Sexualleben gut finden. Das tun ja auch nicht alle deutschen Katholiken. Es schafft allerdings die Basis, an der dann die Radikalen ansetzen können. Ihnen spielt ein Islamverständnis in die Hände, das viel mit Angst arbeitet, mit dem Glauben an die Hölle. Im Mittelpunkt steht dort ein patriarchalischer Vater und Gott, Sexualität wird tabuisiert, und der Glaube basiert auf strikter Buchstabentreue. Aus dieser Sicht darf man den Koran also nicht einer historisch-kritischen Betrachtung unterziehen. Das schafft unmündige Menschen, die anfällig sind für eine weitere Radikalisierung.

          Und der zweite Weg?

          Das sind Jugendliche, die vielleicht in sehr liberalen Familien aufgewachsen sind und mit dem Islam und seinen Werten gar nichts oder sehr wenig zu tun haben, die aber an ihrem eigenen psychologischen Zustand leiden. Außenseiter, die einfach mental nicht angekommen sind in der Gesellschaft. Und dann kommt so eine Ideologie und gibt ihnen Sicherheit, vermittelt ihnen zum ersten Mal im Leben das Gefühl, dass sie einer Elite angehören, von Gott geliebt werden, angekommen sind. Sie fühlen sich wie neugeboren, werden glücklicher und leidenschaftlicher.

          Haben wir in Deutschland was falsch gemacht, wenn sich diese Menschen hier so ausgegrenzt fühlen?

          Teilweise ja. Ich lehne es aber ab, diese Debatte nur in Bezug auf Diskriminierung und Rassismus zu führen. Das ist nur ein Faktor von vielen, der zur Radikalisierung führen kann. Unter denjenigen, die nach Syrien und Irak ausreisen, sind auch Leute, die alle möglichen Aufstiegschancen hatten.

          Die Salafisten und Terroristen des IS müssen ja einiges zu bieten haben.

          Die haben unglaublich viel anzubieten.

          Was denn?

          Sie bieten Orientierung und Halt, eine Struktur im Alltag. Sie geben diesen Jugendlichen Aufgaben. Sie geben ihnen das Gefühl, über andere Menschen zu entscheiden. Wenn ein deutscher Junge, der nicht einmal sechs Monate lang Muslim ist, in einer meiner Veranstaltungen aufsteht und mir, der islamisch sozialisiert ist, lautstark vorwirft, ich wäre kein Muslim und solle aufhören den Islam zu bekämpfen, dann ist das für diesen jungen Mann sehr viel Macht.

          Ich habe den Eindruck, dass Spiritualität insgesamt momentan eine sehr große Anziehungskraft hat. Als würde sie irgendeine Leerstelle füllen.

          Es stimmt: Religiosität und Religion sind auf dem Vormarsch, nicht nur unter Muslimen. Das ist verständlich, denn die Welt wandelt sich sehr schnell, und wir haben eine Situation, die ganz viele Unsicherheiten birgt. Jugendliche kommen mit dieser Unsicherheit meistens klar, aber es gibt eine kleine Gruppe, die total überfordert ist.

          Wie kann man verhindern, dass die so abdriftet? Die freie Gesellschaft hat doch eine Menge Vorteile, was man daran sieht, dass viele Muslime aus anderen Ländern ihr Glück bei uns suchen.

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