http://www.faz.net/-gpf-8a8ex
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 16.11.2015, 14:57 Uhr

Massaker in Paris Der IS wartet nur auf eine Kriegserklärung

Nach den Terrorakten fliegt Frankreich wieder Bombenangriffe auf Stellungen des IS in Syrien. Doch der sogenannte „Islamische Staat“ sieht seinen Kriegsschauplatz längst im Westen. Ein Gastbeitrag.

von Reinhard Schulze
© AP Kämpfer des „Islamischen Staats“ in der Nähe von Raqqa, Syrien

Die Massaker von Paris kann oder darf man eigentlich nicht verstehen. Zu groß ist das Entsetzen über die Kaltblütigkeit, mit der die Täter wahllos Menschen erschossen. Und doch gilt: Ohne ein Verstehen der Handlungsweisen dieser wohl mehrheitlich jugendlichen Mörder ist Prävention kaum möglich. Natürlich können polizeiliche Maßnahmen im Vorfeld dazu beitragen, potentieller Attentäter habhaft zu werden, doch werden sie allein kaum geeignet sein, den Sumpf trockenzulegen, der diese Menschen zu Massenmördern macht.

Eine Annäherung an die Vorstellungswelten der Attentäter führt zwangsläufig zunächst zum Islam, mit dem sie ihre Taten rechtfertigen. Die Mörder haben gezeigt, dass es für sie keine Unschuldigen gibt. Ganz nach dem alten Spruch „Der Unglauben bildet eine einzige Gemeinschaft“ wähnten sie sich in einer geschlossenen und feindlichen Welt der Götzendiener. Konzerthallen, Cafés, Sportveranstaltungen oder Märkte gelten ihnen als Orte dieser Götzendienerei, die zu zerstören allein Gottesdienst sei. Im Unterschied zu den Morden an den Mitarbeitern der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar verstehen die Täter ihre Morde nicht mehr als Rache an bestimmten Personen. Vielmehr galt ihre Tat der Gesamtheit der in ihren Augen gottlosen Gesellschaft. Sie mussten sich demnach nicht mehr die Mühe machen, bestimmte Mitglieder der Gesellschaft zu „Ungläubigen“ zu erklären. Diese Rechtfertigung (arabisch takfîr) war in früheren Jahren noch Voraussetzung für die Durchführung mancher Terroranschläge gewesen. Heute ist dieses Konzept in den Hintergrund getreten. Denn angegriffen wurden nun ja nicht Menschen, die als „Ungläubige“ stigmatisiert wurden, vielmehr galt der Behauptung, dass es eine einheitliche Welt des Unglaubens gebe, als gesetzt. In dieser Vorstellungswelt gehören Muslime, ganz gleich ob Schiiten oder Sunniten, ebenso der „Welt des Unglaubens“ an, sofern und solange sie sich nicht der Gemeinschaft der Attentäter anschließen.

Bekanntgabe der ersten Standorte in Deutschland fuer islamische Studien © dapd Vergrößern Reinhard Schulze

Zugleich deutet der Tatvorgang darauf hin, dass die Mörder jedwede Fähigkeit zur Empathie verloren haben. Stattdessen haben sie ihr Ressentiment mit einer Tunnelrationalität begründet, die sie hochgefährlich macht, da sie den Täter selbst als Waffe definiert. Max Weber paraphrasierend kann festgestellt werden, dass auf dem Boden einer islamisch gedeuteten Erlösungsvorstellung das Ressentiment an Bedeutung gewonnen hat: Es ist die religiöse Sollvorschrift der negativ Privilegierten. Diese hatten sich in direkter Umkehrung alter islamischer Vorstellungswelten damit getröstet, dass die ungleiche Verteilung der irdischen Lose auf Sünde und Unrecht der positiv Privilegierten beruhe, also früher oder später die Rache Gottes herbeiführen müsse.

© reuters Frankreich fliegt Luftangriffe auf IS-Hochburg in Syrien

Gewalt als Kultpflicht

In Gestalt dieser Theodizee der „negativ Privilegierten“ dient dann der Moralismus als Mittel der Legitimierung bewussten oder unbewussten Rachedurstes. Besteht einmal eine solche „Vergeltungsreligiosität“, so kann gerade das „Leiden“ als solches, da es ja gewaltige Vergeltungshoffnungen mit sich führt, als etwas an sich Islamisches erscheinen. Das mag skurril klingen, passt aber zu der seit den späten Achtzigern propagierten Aussage, der Muslim lasse erst durch sein gottesdienstliches Tun den Islam in sich wahr werden. Dieses Tun könne sich allein im „Streiten auf dem Wege Gottes“ (Dschihâd) verwirklichen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Die Lex AfD des Bundestags

Von Jasper von Altenbockum

Mit seinem Geschäftsordnungstrick, einen AfD-Alterspräsidenten zu verhindern, begibt sich der Bundestag auf das Niveau der Politiker, die er bekämpfen will. Mehr 189 433

Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen