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Veröffentlicht: 22.11.2015, 13:09 Uhr

Nach den Anschlägen in Paris Wo der Terror wächst

Die Terroristen von Paris lebten in den Vorstädten. Das erklärt zwar nicht alles. Doch die Politik bekommt die Probleme in den Vierteln nicht in den Griff. Droht das auch in Deutschland?

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© Reuters Dieses Haus im Pariser Vorort Bobigny soll der Attentäter Brahim Abdeslam kurz vor den Anschlägen gemietet haben.

Einerseits guten Willen, anderseits klägliches Scheitern – diesen Gegensatz symbolisiert heute die „Rue Sadi Carnot“ in der Pariser Vorstadt Drancy. Sie ist eine Durchgangsstraße wie viele andere, benannt nach einem französischen Präsidenten, der Ende des 19. Jahrhunderts von einem Anarchisten ermordet wurde. Doch jetzt hat eine Häusergruppe an der Rue Sadi Carnot noch ein anderes, ein doppeltes Gesicht: Auf der Vorderseite beherbergt sie die „Lokale Mission für die Beschäftigung junger Menschen“. Und nur eine Seitenstraße weiter hinten befindet sich im gleichen Komplex die frühere Wohnung von Samy Amimour. Der französische Terrorist erschoss am Freitag vor einer Woche kaltblütig Dutzende junger Konzertbesucher in Paris und sprengte sich danach in die Luft.

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Zurückgewiesen auf dem Arbeitsmarkt, ausgegrenzt aus der Gesellschaft – daher Terrorist geworden? Solche Erklärungsketten würden erheblich zu kurz greifen. Es sind komplexe Umstände, die einen jungen Menschen zur Radikalisierung und Gewalt treiben. Um ihnen auf den Grund zu gehen, ist der Blick auf die Viertel, in denen potentielle Terroristen der westlichen Welt aufwachsen, aber unverzichtbar – in Frankreich, Belgien und auch in Deutschland. Alle Attentäter von Paris sind in französischen oder belgischen Vorstädten groß geworden, die als soziale Brennpunkte gelten. Nicht alle waren arbeitslos oder wirtschaftlich gestrandet, doch sind sie an diesen Orten von islamischen Fundamentalisten angesprochen worden, die aus ihnen Mörder machten.

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Der Bürgermeister von Drancy, Jean-Christophe Lagarde, ist eine Woche nach den Attentaten immer noch aufgebracht. Er kennt die Mutter des Terroristen Amimour persönlich und schwört, dass die Eltern alles taten, um die Radikalisierung ihres Sohnes zu verhindern. Der Vater suchte ihn sogar in Syrien auf und hatte das Wort eines Imams, ihn unter einer Bedingung nach Hause zu schicken: „Wenn er es will“. Amimour wollte nicht. Zu diesem Zeitpunkt, es war im Juni 2014, war der junge Franzose seiner Familie, seinen Freunden und auch dem französischen Staat schon entglitten. Die Behörden in Frankreich hätten viel früher eingreifen müssen, schimpft Bürgermeister Lagarde, der auch Parlamentsabgeordneter und Vorsitzender der Zentrumspartei UDI ist.

© dpa, afp Bruder eines Terrorverdächtigen von Paris: „Eigentlich ein ganz normaler Kerl“

Keine verwahrloste Vorstadt

„Amimour war den Sicherheitsbehörden genau bekannt. 2012 war er zeitweise in Haft, ihm wurde der Pass abgenommen, weil er in den Jemen reisen wollte. Dennoch ist ihm die Ausreise nach Syrien gelungen.“ Lagarde will auch nicht verstehen, dass man die radikalen Prediger in den französischen Vorstädten unbehelligt ließ. Amimour besuchte die Moschee Casanova des Nachbarortes Le Blanc-Mesnil; sie habe nach Lagardes Worten systematisch Dschihadisten rekrutiert – ein Vorwurf, den die Moschee und der Bürgermeister von Le Blanc-Mesnil abstreiten. Doch Lagarde beharrt auf seinen Vorwürfen und teilt auch gegen die übergeordneten Behörden Frankreichs aus: „Sie sagen uns, wir sollen die Moscheen nicht schließen, weil man dann die Jungen besser überwachen könne. Doch wer wurde in diesem Fall überwacht?“

Drancy im Nordosten von Paris gehört nicht zu den verwahrlosten Vorstädten, die man selbst tagsüber meiden sollte. Die Grünanlagen sind gepflegt und die Hochhäuser voller Sozialwohnungen nicht ganz so hoch wie in manchen Nachbargemeinden. Die Arbeitslosigkeit von etwa 18 Prozent liegt zwar deutlich über dem nationalen Durchschnitt, doch die Stadt mit ihren 67.000 Einwohnern wirkt nicht nur vergleichsweise aufgeräumt, sondern auch engagiert im Kampf gegen sozialen Notstand. „Ich könnte Ihnen viel erzählen, etwa auch über unsere Kooperation mit Berlin“, sagt Kamel Ouacel, Direktor der lokalen Mission gegen Jugendarbeitslosigkeit. Doch er will nicht reden.

„In solchen Zeiten sprechen wir lieber nicht mit Journalisten, die verzerren doch alles nur ins Negative.“ Menschen auf den Straßen von Drancy sind auskunftsfreudiger: Zwei Frauen marokkanischer Herkunft mit Schleier über Hals und Haaren meinen, dass das Elternhaus das Abgleiten junger Leute verhindern müsse. Da muss man richtig hinterher sein“, sagt eine und hebt die Hand wie für eine Ohrfeige. „Man kann es hier schon aushalten. Doch alles verändert sich eben. Früher fand man hier einen Job, heute fast nicht mehr. Früher gab es hier auch mal sechs Kinos, heute kein einziges mehr“, berichtet ein Sohn algerischer Einwanderer, der heute 50 Jahre alt ist. Und eine dunkelhäutige Busfahrerin beschwert sich über um sich greifende Sitten des radikalen Islams: „Die Bärtigen“ verweigerten ihr bei der Arbeit den Handschlag, weil sie eine Frau sei, oder sie wollten keinen Bus steuern, den zuvor eine Frau gefahren hat. „Die Vorgesetzten lassen das einfach so zu“, klagt sie.

Drogenhandel bringt viel Geld

Die Vorstädte Frankreichs leiden nach wie vor unter den Fehlern der Politiker und Stadtplaner, die schon vor vielen Jahrzehnten eine bessere soziale Mischung verhinderten. Einwanderer und ihre Nachfahren sind stark an den Stadträndern angesiedelt worden. „Diese Gegenden bieten den Terroristen ein Hinterland, wo sie Schutz und Waffen finden“, sagt Pierre Conesa, ein ehemaliger Spitzenbeamter des Verteidigungsministeriums, der heute Buchautor ist. Doch er warnt davor, die ökonomisch-soziale Dimension zu überbewerten. „Die Terroristen arbeiten wie klassische Sekten, die sich auch Kandidaten aus der Mittelschicht holen. Erst kommt die Verführung, dann Indoktrination, dann Abschottung, dann Aufruf zur Gewalt.“ Die ultrakonservative Glaubensströmung des Salafismus, „die von Saudi-Arabien unterstützt wird“, sei dabei das größte Übel. „Als erstes muss man ihr den Kampf ansagen“, meint Conesa.

Die öffentliche Hand gibt sich in Frankreich durchaus Mühe, für Integration in den Vorstädten zu sorgen. Doch mit welchen Mitteln? In Drancy gibt es zum Beispiel fünf Mediatheken, davon eine mit einer Fläche von 4000 Quadratmetern und 65.000 Büchern sowie neuesten Computern. Ein Konservatorium steht für die Musikliebhaber zur Verfügung, eine Kunstschule für Freunde des Malens und Töpferns. Man wird den Eindruck nicht los, dass das Angebot an den Bedürfnissen vieler vorbeigeht.

© AP, reuters Getöteter Abaaoud steckte offenbar hinter weiteren Anschlägen

Zum Beispiel die Vorstadt Grigniy im Süden von Paris, die ein besonderer Herd sozialer Konflikte ist: Der Terrorist Amedy Coulibaly, der im Januar die Anschläge auf den jüdischen Supermarkt in Paris beging, stammte aus Grigny. Ein Milieu von Kleinkriminalität ist hier mit dem radikalen Islam zusammengewachsen. Der Drogenhandel bringt viel Geld in einzelne Siedlungen. Gleich neben einer modernen Mediathek, wo sich Sozialarbeiter der Stadt um die Eingliederung der Benachteiligten bemühen, sind die Dealer unterwegs. Das Bürgermeisteramt verlangt seit langem, dass die völlig überforderte Polizeiwache von Grigny zu einem Kommissariat aufgewertet wird. „Darauf warten wir weiterhin“, berichtet Frédéric Rey, ein Mitarbeiter des Bürgermeisters. Auch medizinisch seien etliche Stadtviertel mit einem Arzt für 13000 Menschen weiterhin unterversorgt. „Im Bildungsbereich erhalten wir jetzt dagegen etwas mehr Geld; unter anderem wurde der Musikunterricht ausgeweitet“, berichtet Rey.

Handlungsbedarf allgegenwärtig

Musikstunden gegen Terroristen? Die Hilflosigkeit des Staates ist mit Händen zu greifen, zumal gleichzeitig an vielen Stellen angesetzt werden müsste. Ismaël Mostefaï, ein weiterer Attentäter aus der Konzerthalle Bataclan, war für kleine Delikte zwischen 2004 und 2010 nicht weniger als achtmal verurteilt worden. Doch er verbrachte keinen Tag im Gefängnis, weil die Vergehen nicht als schwer genug galten. Gleichzeitig sind gerade die Gefängnisse in Frankreich Brutstätten der Radikalisierung. Der Handlungsbedarf ist somit allgegenwärtig

Und Deutschland? Gibt es hierzulande mit den Banlieues vergleichbare Problemviertel, in denen Radikalisierung und Terror ein Zuhause finden? „Rein städtebaulich existieren ähnliche Großwohnsiedlungen, München-Neuperlach, Berlin-Marzahn, Berlin-Märkisches Viertel“, zählt Georg Glasze, Sozialgeograph der Universität Erlangen-Nürnberg, auf. In den neuen Bundesländern habe nach der Wende sogar fast jeder Vierte in einem Plattenbau gelebt. Höher ist der Anteil auch in Frankreich nicht. Doch trotzdem sei es nicht dasselbe wie im Nachbarland, ist Glasze überzeugt. Woran das liegt?

„In Ostdeutschland bekamen diese Wohnungen Personen, die gut in das System integriert waren, die waren überhaupt nicht stigmatisiert“, sagt der Forscher. Dieser Unterschied sei bis heute dort spürbar. Inzwischen ballten sich in den Wohntürmen in Ost und West zwar auch soziale Probleme und kulturelle Spannungen, aber das Ausmaß sei längst nicht so groß wie in Frankreich. „Alleine schon, weil die Arbeitslosigkeit unter den jungen Männern in Deutschland viel geringer ist“, sagt Glasze. Zudem seien Sozialwohnungen in Deutschland viel gleichmäßiger über das ganze Land verteilt als in Frankreich.

„Die deutschen Problemviertel liegen viel zentraler“

Wenn in Deutschland von Problemvierteln die Rede ist, dann fallen zuerst die Stadtteile Berlin-Neukölln und Duisburg-Marxloh. Parallelgesellschaften, Kriminalität, Perspektivlosigkeit – all das gehört dort zum Alltag. Dennoch sieht Glasze einen entscheidenden Unterschied zu den französischen Banlieues: „Die deutschen Problemviertel liegen viel zentraler, sie haben eine andere bauliche Struktur, sind gut an die Infrastruktur angebunden.“ All das führe dazu, dass sich die Menschen dort nicht völlig abgehängt fühlten, sondern trotz ihrer prekären Lage zumindest noch etwas zum Rest der Gesellschaft zugehörig. Auch die Sicherheitsbehörden haben Marxloh und Neukölln nicht als besondere Zentren für Islamisten im Blick, sie seien dezentraler verteilt.

Jetzt strömen Hunderttausende Flüchtlinge in deutsche Städte, diejenigen, die dauerhaft bleiben, brauchen Wohnungen. Forscher Glasze ist besorgt, dass Städte bei der Unterbringung Fehler machen werden. Billige Modulhäuser am Stadtrand, in denen die Flüchtlinge zu Hunderten oder Tausenden untergebracht werden, seien der falsche Weg. „Solche Lösungen sind aus Platz- und Kostengründen nachvollziehbar, aber sie haben ein Risiko“, warnt Glasze. Es sei absehbar, dass die Flüchtlinge wirtschaftlich lange Zeit nicht mit den Einheimischen werden mithalten können. Ethnische Abgrenzung, verbunden mit wirtschaftlicher Benachteiligung – diese Kombination sei ein Garant für dauerhafte Spannungen.

In Frankreich und auch in Belgien hat sich dieses unstabile Gemisch ausgebreitet. „Es gibt noch viel zu tun“, sagte Premierminister Manuel Valls Ende Oktober beim Besuch der Vorstadt Les Mureaux bei Paris. Die Untertreibung hätte kaum größer sein können.

Die Lex AfD des Bundestags

Von Jasper von Altenbockum

Mit seinem Geschäftsordnungstrick, einen AfD-Alterspräsidenten zu verhindern, begibt sich der Bundestag auf das Niveau der Politiker, die er bekämpfen will. Mehr 182 433

Quelle: wahlrecht.de
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