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Hasna Ait Boulahcen : Die Terroristin mit den vielen Gesichtern

So präsentierte sich Hasna Ait Boulahcen auf Facebook. Bild: Archiv

Nach dem Tod der mutmaßlichen IS-Terroristin Hasna Ait Boulahcen werden immer mehr Details aus dem Leben der jungen Französin bekannt. Die 26 Jahre alte Cousine des Drahtziehers der Anschläge in Paris hatte eine schwierige Kindheit.

          Hasna Ait Boulahcen, die mutmaßliche französische IS-Terroristin, hatte viele Gesichter. „Sie war so verletzlich“, sagt ihre Jugendfreundin, „sie trank immer zu viel und probierte Drogen aus“. Ein ehemaliger Nachbar sagt: „Sie träumte davon, Soldatin zu werden.“ Und ein anderer Nachbar äußerte: „Wir haben sie die Cowboy-Frau genannt, weil sie einen großen Hut trug und so wild war.“ Ihre Pflegemutter sagt laut Medienberichten: „Ihr fehlte der Halt.“

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Polizei hat jetzt in der gestürmten konspirativen Wohnung von Saint-Denis die Handtasche von Hasna Ait Boulahcen gefunden, einen Lippenstift und ihren französischen Pass. Bevor sie in ihr Versteck eindrangen, versuchten die Spezialkräfte der Polizei, mit ihr zu reden. Boulahcen schoss aus einer Kalaschnikow auf sie.

          „Wo ist dein Freund?“, riefen die Polizisten. „Er ist nicht mein Freund“, erwiderte die junge Frau, wie in einem auf Youtube veröffentlichten Mitschnitt des Wortwechsels zu hören ist. Sekunden später ereignet sich eine Explosion. Zunächst wird vermutet, dass Hasna Ait Boulahcen einen Sprengstoffgürtel zündete. Aber am Freitagabend verlautet aus Polizeikreisen in Paris, dass die Ermittler inzwischen davon ausgehen, dass sie nicht durch die Zündung einer Sprengstoffweste starb.

          Boulahcens letzte Worte waren nicht gelogen. Abdelhamid Abaaoud, der Drahtzieher der Anschläge von Paris, war ihr Cousin. Die aus Marokko stammenden Mütter von Abdelhamid und Hasna sind Schwestern. Die am Freitag von der Staatsanwaltschaft offiziell für tot erklärte Hasna kam im August 1989 in Clichy-la-Garenne, gleich hinter der Bürostadt La Défense, als Französin zur Welt.

          Abdelhamid war zwei Jahre früher, im April 1987 im Brüsseler Stadtteil Anderlecht geboren und erhielt die belgische Staatsbürgerschaft. Die Eltern von Hasna trennten sich, als sie noch ein Kleinkind war. Der Vater fand Arbeit beim Automobilunternehmen Peugeot in Lothringen. Hasna blieb in der Vorstadtsiedlung Aulnay-sous-Bois.

          Aber die Mutter war überfordert, sie schlug die Kleine, vernachlässigte sie, wie französische Medien berichteten. Hasna war acht Jahre alt, als sie in eine Pflegefamilie kam. „Sie blühte auf, wurde lebenslustig“, erinnert sich ihre Pflegemutter.

          Doch dann verschlechterte sich das Verhältnis. Am 11. September 2001 habe Hasna vor dem Fernseher gehockt und Beifall geklatscht. „Das war ein Schock“, sagt die Pflegemutter.

          Ein Forensiker der französischen Polizei sichert Spuren und Beweismittel in dem gestürmten Terroristenversteck in Saint-Denis.
          Ein Forensiker der französischen Polizei sichert Spuren und Beweismittel in dem gestürmten Terroristenversteck in Saint-Denis. : Bild: AFP

          Hasna haute immer häufiger aus der Pflegefamilie ab, verbrachte ihre Nächte woanders. „Sie rauchte Haschisch. Tanzte allein auf der Straße. Sie war etwas durchgedreht“, erzählt ihre Freundin Khemissa in der Zeitung „Le Parisien“. Ihre Radikalisierung war den französischen Behörden nicht entgangen. Auf ihrer Facebook-Seite hatte sie Fotos von sich im Ganzkörperschleier veröffentlicht, man sah nur ihre Augen und die Waffen in ihrer Hand. „Bald ziehe ich nach Syrien, Inschallah“, schrieb sie.

          Auf einem anderen Foto posiert sie wie eine Rapperin - allerdings mit Kopftuch. Sie bewunderte die Lebensgefährtin des Terroristen Amedy Coulibaly, der vor den Januar-Attentaten die Flucht nach Syrien gelungen war.

          Über ihre Kontakte zu ihrem Vetter ist wenig bekannt. Abaaoud narrte die französischen wie die belgischen Behörden, die ihn in Syrien wähnten. Abaaoud war als junger Mann in die Kriminalität abgeglitten, Rauschgifthandel, Diebstahl und andere Delikte. Zwischen 2006 und 2012 saß er mehrmals in Haftanstalten ein, aber nie länger als drei Monate. Im Februar 2013 zog er nach Syrien, zusammen mit sechs Freunden. Immer mal wieder zog es ihn nach Molenbeek zurück. In den belgischen Ermittlungsakten steht, dass er im April 2013 in dem Brüsseler Stadtteil gesichtet wurde und dann wieder im September.

          Am 20. Januar 2014 wurde Abaaoud zusammen mit seinem nur 13 Jahre alten Bruder Younesse am Flughafen Köln kontrolliert. Die deutsche Polizei ließ die beiden Brüder nach Istanbul reisen. Abaaoud hatte in Wahrheit seinen kleinen Bruder entführt, wenig später präsentierte er ihn mit Waffen in der Hand als „jüngsten Dschihad-Kämpfer“ des Islamischen Staates.

          Im Februar 2014 tauchte ein Video von Abaaoud auf, er sitzt am Steuer eines Pritschenwagen und zieht die verstümmelten Leichen von „Ungläubigen“ hinter sich her. Im August 2014 stellten die belgischen Behörden einen internationalen Haftbefehl gegen ihn aus.

          Die Ermittler gehen davon aus, dass der Drahtzieher der Paris-Anschläge in den vergangenen zwölf Monaten mindestens zwei Mal von Syrien in die EU gereist ist. Er soll die Terrorzelle geleitet haben, die am 15. Januar 2015 in Verviers aufflog.

          Abaaoud soll damals gemeinsam mit zwei Komplizen von Syrien nach Belgien gereist sein. Ihm gelang es, über Griechenland unerkannt zurück nach Syrien zu gelangen. Im Juli verurteilte ihn ein Gericht in Brüssel in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft.

          An vier von sechs vereitelten Anschlagsplänen in Frankreich in den vergangenen sechs Monaten soll Abaaoud beteiligt gewesen sein. Das sagte Innenminister Bernard Cazeneuve. Auf die richtige Fährte kamen die französischen Ermittler erst dank eines Hinweises aus einem „außereuropäischen Land“. Das Mobiltelefon seiner Cousine Hasna führte sie schließlich nach Saint-Denis.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hatte es geheißen, Hasna Ait Boulahcen habe sich durch Zündung einer Sprengstoffweste in die Luft gesprengt. Davon gehen die Ermittler nun offenbar nicht mehr aus.

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