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Veröffentlicht: 24.04.2016, 20:59 Uhr

Anschlag auf Sikh-Tempel Dschihadist und erst 16 Jahre alt

Zwei radikalisierte Jugendliche sollen für den Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel verantwortlich gewesen sein. Wächst hier eine neue Gruppe selbsternannter Gotteskrieger heran?

von , Düsseldorf
© dpa Aus jugendlichem Leichtsinn gehandelt? Die Verdächtigen Yussuf T. und Mohammed B., gefilmt von der Überwachungskamera einer U-Bahn-Station

Für Thomas Kufen, den Oberbürgermeister von Essen, war es am Samstag selbstverständlich, an der seit langem geplanten „Nagar Kirtan“-Prozession der Sikhs teilzunehmen. „Ich bin der Oberbürgermeister aller Essener und damit auch der Sikhs in dieser Stadt, die nicht grau, sondern überaus bunt ist“, sagte Kufen der F.A.Z.

Reiner Burger Folgen:

Der CDU-Politiker wollte zudem ein Zeichen der Solidarität und Anteilnahme setzen – aus traurigem, aktuellem Anlass. Vor einer Woche hatten zwei Jugendliche aus der salafistischen Szene mit einer selbstgebauten Bombe einen Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel verübt. Drei Menschen wurden verletzt. Um ein Haar wäre noch Schlimmeres passiert. Denn kurz vor der Tat hatte sich in dem Gemeindezentrum eine indische Hochzeitsgesellschaft mit 200 Gästen befunden.

Klare Bezüge zur islamistischen Terrorszene

Am Samstag führte der Weg der bunten Prozession mit gut tausend Teilnehmern aus dem In- und Ausland sicherheitshalber nicht wie ursprünglich geplant durch die Innenstadt, sondern zum Essener Fußballstadion. An der gesamten Strecke waren Beamte mit Streifenwagen, auf Motorrädern oder zu Fuß unterwegs. Hinweise auf eine Gefährdung hatte die Polizei nicht. Weitere Taten schienen aber auch nicht ausgeschlossen – auch weil der Anschlag noch manches Rätsel aufgibt.

Prozession der Essener Sikh-Gemeinde © dpa Vergrößern Während der Prozession der Essener Sikh-Gemeinde kam es zum Anschlag, bei dem drei Menschen verletzt wurden.

Immerhin der Ablauf der Tat ist mittlerweile weitgehend geklärt. Demnach fuhren Yussuf T. und Mohammed B., die beide erst 16 Jahre alt sind, am Samstag vor einer Woche mit der U-Bahn zu ihrem Anschlagsziel. In einer Haltestelle filmte sie eine Überwachungskamera. Einer der beiden trug einen Rucksack. In ihm befand sich der Sprengsatz.

Yussuf T., der aus Essen stammt und Mohammed B. aus Gelsenkirchen haben laut Essener Polizei klare Bezüge zur islamistischen Terrorszene. Sie legten mittlerweile ein Teilgeständnis ab, sollen aber eine Tötungsabsicht bestritten und angegeben haben, sie hätten aus jugendlichem Übermut gehandelt. Allerdings waren die beiden den Staatsschützern schon in der Vergangenheit als Eiferer aufgefallen.

Eine neue Gruppe selbsternannter Gotteskrieger

„Mich besorgt, dass die Verdächtigen erst 16 Jahre alt sind. Wie ist diese rasend schnelle Radikalisierung passiert?“, fragt Oberbürgermeister Kufen. Das jugendliche Alter treibt auch Staatsschützer um. Offenbar wächst gerade eine neue Gruppe selbsternannter Gotteskrieger heran, die auch in Deutschland zum Schlimmsten bereit ist. Erst im Februar hatte die 15 Jahre alte Safia S. im Hauptbahnhof Hannover auf einen Bundespolizisten eingestochen und ihn schwer verletzt. Und nun gibt es schon 16 Jahre alte Dschihadisten, die anders als etwa die Mitglieder der Sauerland Zelle oder der Düsseldorfer Zelle vor einigen Jahren, funktionsfähige Bomben mit erheblicher Sprengkraft einzusetzen können.

Der mutmaßliche Essener Haupttäter Yussuf T. stammt aus dem Essener Stadtteil Altendorf, den die Lokalzeitung WAZ als „Essener Sorgenquartier Nr. 1“ beschreibt. Tatsächlich kreuzten sich dort in der Vergangenheit immer wieder die Wege radikaler Salafisten. Eine ausgewiesene Hochburg, gar ein deutsches Molenbeek des dschihadistischen Salafismus ist Essen allerdings nicht. Das ist freilich nur auf den ersten Blick eine beruhigende Erkenntnis. Denn die nordrhein-westfälische Dschihadisten-Szene im gesamten Rhein-Ruhr-Raum ist aktiv und vernetzt.

Der junge Yussuf T. soll etwa Kontakt zu mindestens einem Salafisten aus Dinslaken gehabt haben. Aus der Stadt am Niederrhein stammte die „Lohberger Brigade“, die sich in Syrien dem „Islamischen Staat“ (IS) anschloss und mit Selbstmordanschlägen und anderen Greueltaten traurige Berühmtheit erlangte. Auch soll T. an der Koran-Verteilaktion „Lies!“ des radikalen Predigers Ibrahim Abou-Nagie aus Köln teilgenommen haben. Die Aktion gilt als besonders gefährliches Radikalisierungsprogramm. „Lies!“-Teilnehmer aus verschiedenen deutschen Städten sind mittlerweile in den „heiligen Krieg“ nach Syrien gezogen.

Angebliche Pflicht zum Kampf gegen „Ungläubige“

Im aktuellen Essener Fall spricht die Polizei zwar von einer „religiös gefärbten“ Tat. Doch das Motiv der beiden Jugendlichen, einen Anschlag ausgerechnet auf einen Sikh-Tempel zu verüben, ist bisher nicht bekannt. In Deutschland sind Sikhs eine winzig kleine, unorganisierte Religionsgemeinschaft mit wenigen tausend Mitgliedern. Wurde die Essener Gemeinde also nur durch Zufall das Ziel zweier radikalisierter Salafisten, die ihrem vermeintlichen Gottesauftrag nachkommen und mit einer aufsehenerregenden Tat gegen irgendwelche „Ungläubige“ vorgehen wollten? Oder handelt es sich um einen gezielten Angriff auf „Glaubensabtrünnige“, zu dem die beiden Jugendlichen von jemandem angestiftet wurden? Noch sind die Ermittler dabei, das Umfeld der beiden Tatverdächtigen abzuklopfen.

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Die angebliche Pflicht zum Kampf gegen „Ungläubige“ und „Abtrünnige“ ist das für die dschihadistische Ideologie konstituierende Dauerthema. Mit ihm teilen Dschihadisten die Welt in Gut und Böse. Für den IS ist die angebliche Pflicht nicht nur im Syrienkrieg das zentrale Rechtfertigungsargument für jede noch so abscheuliche Tat. Immer wieder ruft der IS zudem dazu auf, im Westen „Glaubensabtrünnige“ zu töten. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass nun auch Pierre Vogel, der bekannteste deutsche Salafisten-Prediger, auf der IS-Todesliste steht.

In der aktuellen Ausgabe des IS-Propagandamagazins „Dabiq“ wird Vogel mit einem Foto besonders hervorgehoben – vermutlich weil er sich zuletzt klar von der Terrororganisation distanzierte. Es ist eine kuriose Wendung: Der Rheinländer Vogel war für viele spätere deutsche IS-Mitglieder die Einstiegsfigur in die Szene. Auch für Safia S., die Attentäterin von Hannover, scheint Vogel schon sehr früh eine wichtige Rolle gespielt zu haben. In einem Internet-Propagandafilm ist die gerade sieben Jahre alte Safia neben Vogel beim Rezitieren von Koranversen zu sehen und zu hören.

Rote Blitze, rote Linien

Von Daniel Deckers

Während die Kirchen die Religionsfreiheit hochhalten und für eine offene Gesellschaft eintreten, will die AfD genau das Gegenteil. Kirchenleute und Rechtspopulisten sind sich trotzdem manchmal ähnlicher, als ihnen lieb sein kann. Mehr 70 36

Quelle: wahlrecht.de
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