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Kalter Krieg Krieg in Sicht am Checkpoint Charlie

26.10.2011 ·  Zehn Wochen nach dem Mauerbau kam es im geteilten Berlin wieder zu einer gefährlichen Krise. Am 27. Oktober standen sich amerikanische und sowjetische Panzer gefechtsbereit gegenüber.

Von Rainer Blasius
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Am 22. Oktober 1961 - es war ein Sonntag wie jener 13. August, als die DDR mit der Abriegelung des Ostsektors begonnen hatte - sorgte Edwin Allen Lightner, der ranghöchste amerikanische Diplomat im geteilten Berlin, am Checkpoint Charlie für einen Zwischenfall. Dessen Weiterungen brachten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, einst Hauptverbündete in der Anti-Hitler-Koalition, an den Rand eines Krieges.

Eigentlich handelte es sich um eine Provokation oder (positiv ausgedrückt) um einen Test - initiiert von General Lucius D. Clay. Den früheren Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland und Helden der Luftbrücke von 1948/49 hatte der amerikanische Präsident Kennedy bald nach dem Mauer-Bau als Sonderbotschafter nach Berlin entsandt. Clay bat Lightner und dessen Ehefrau, sich bei der Fahrt zu einem Opernbesuch im Ostsektor der Kontrolle durch DDR-Sicherheitskräfte beim Sektorenübergang zu widersetzen. Gemäß Vier-Mächte-Status hatten westliche Militärs und Diplomaten das Recht, die Zugangswege innerhalb und außerhalb der Stadt ungehindert zu passieren. Dies wollte das Ulbricht-Regime in Frage stellen: Die Westmächte sollten die DDR staatlich anerkennen und auch akzeptieren, dass Ministerpräsident Chruschtschow Teile der sowjetischen Berlin-Rechte auf den ostdeutschen „Bruderstaat“ übertragen würde. Zur Einstimmung hatte Walter Ulbricht am 7. September Ost-Berlin als 15. Bezirk förmlich eingegliedert und sogar zur Hauptstadt der DDR erklärt.

Lightner trug am 22. Oktober 1961 Zivilkleidung; aus dem Kennzeichen seines Wagens ging hervor, dass es sich um ein amerikanisches Militärfahrzeug handelte. Eigentlich hätte er in der Friedrichstraße nur durchgewinkt werden müssen. Als DDR-Grenzer ihn stoppten, weigerte er sich, seinen Ausweis vorzuzeigen. Vom Autotelefon aus alarmierte er Clay. Der ließ zwei Schützenpanzer und vier leichte M-24-Panzer als Deckung auffahren. Von zwei Infanterietrupps flankiert, unternahm Lightner zwei Kurzausflüge nach Ost-Berlin: „Zum ersten Mal seit dem Krieg war eine voll bewaffnete, kampfbereite Infanterieeinheit der US-Truppen in den sowjetischen Sektor einmarschiert“, schreibt Frederick Kempe in dem Buch „Berlin 1961“. Schließlich erschien ein sowjetischer Offizier am Checkpoint und entschuldigte sich dafür, dass die DDR-Posten Lightner nicht erkannt hätten.

Das DDR-Innenministerium gab jedoch am 23. Oktober bekannt, dass die Grenzsicherungskräfte der DDR angewiesen seien, am Kontrollpunkt Friedrichstraße ausländische Staatsbürger nur nach Vorzeigen des Passes durchzulassen; aus dem westlichen Teil Berlins kommende „Personen in Zivil“ versuchten, diese „dem Völkerrecht entsprechende Bestimmung“ zu umgehen, indem sie angäben, in West-Berlin stationierte Angehörige der Besatzungstruppen beziehungsweise Mitarbeiter der diplomatischen Missionen zu sein, ohne dies durch Dokumente zu beweisen. Sodann beklagte sich das Innenministerium über den Vorfall vom 22. Oktober, bei dem „neun amerikanische Soldaten mit Schnellfeuergewehren und aufgepflanzten Bajonetten die Grenze überschritten“ hätten.

Die Lage spitzt sich weiter zu

Nach weiteren Testfahrten in den Ostsektor teilte der amerikanische Stadtkommandant am 25. Oktober dem sowjetischen Stadtkommandanten mit: „Die USA erkennen die DDR nicht an, und deshalb wird sich das amerikanische Personal ihren Gesetzen nicht unterordnen.“ An diesem Tag fuhren auf Clays Befehl zehn amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie auf, ausgestattet mit Bulldozer-Schaufeln. Und der General telegraphierte an Außenminister Dean Rusk: „Falls wir bereit sind, einen schnellen gewaltsamen Vorstoß nach Ost-Berlin durchzuführen und beim Rückzug die Sperren niederzureißen, wird das zur Konfrontation mit den Sowjets führen. Alles andere bringt zur Zeit nichts.“ Rusk stellte sofort klar: „Der Zugang nach Ost-Berlin ist für uns nicht von lebenswichtigem Interesse, das Gewaltanwendung rechtfertigt.“

In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober verlegten die Sowjets 33 Panzer - genau so viele, wie die Amerikaner in West-Berlin hatten - nach Ost-Berlin. Am 27. Oktober 1961 bezogen britische Raketengeschütze und Panzerspähwagen Posten im Tiergarten in unmittelbarer Nähe der Sektorengrenze am Brandenburger Tor. Und in Bonn gab der kurz vor der Ablösung stehende Noch-Außenminister Heinrich von Brentano (CDU) - nach der Bundestagswahl vom 17. September dauerten die komplizierten Koalitionsverhandlungen zwischen Union und FDP an - eine Erklärung ab: „In diesen Tagen blicken das deutsche Volk und seine Regierung mit erneuter Sorge nach Berlin. Die Ereignisse des 13. August wirken weiter. Unsere Verbündeten haben in Berlin klar und entschlossen gehandelt. Den Übergriffen der Pankower Machthaber wurde gewehrt.“ In der geteilten Stadt bekunde „sich die ruhige Entschlossenheit der Regierungen der Vereinigten Staaten, Frankreichs und Großbritanniens, die Freiheit Berlins gegen jeden Angriff zu schützen“.

Panzer stehen sich gefechtsbereit gegenüber

Am Nachmittag des 27. Oktober spitzte sich die Lage zu - vom Zeithistoriker Rolf Steininger wie folgt rekonstruiert: „Um etwa 16.45 Uhr hatten die amerikanischen Panzer den Befehl erhalten, den Checkpoint zu verlassen. Kaum hatten sie sich zurückgezogen, da tauchten um 17.07 Uhr sowjetische Panzer auf der gegenüberliegenden Seite auf. 20 Minuten später verschwanden sie wieder. Daraufhin wurden die zehn amerikanischen Panzer zurück an den Checkpoint beordert - mit scharfer Munition. Sie kamen dort um etwa 18.00 Uhr an; wenige Minuten später standen ihnen zehn sowjetische Panzer gegenüber - ebenfalls mit scharfer Munition, aber abgestellten Motoren.“

In nur 200 Metern Entfernung standen sich zehn M 48 und zehn T 54 gegenüber. Valentin Falin, Berater Chruschtschows und später Botschafter in Bonn, vertrat im Rückblick die Meinung, wenn die amerikanischen Panzer gegen die Mauer vorgegangen wären, hätten die sowjetischen Panzer das Feuer eröffnet - was Washington und Moskau „näher als je zuvor an den Rand des 3. Weltkrieges gebracht hätte. Hätte das Duell der Panzer damals in Berlin begonnen - und alles sah so aus, als ob es dazu kommen würde -, dann wären die Ereignisse wahrscheinlich außer Kontrolle geraten.“

„Clay wollte Stärke zeigen“

Am Vormittag des 28. Oktober zogen sich die sowjetischen Panzer schrittweise in die rückwärtigen Bereitstellungsräume zurück. Kurz darauf folgte Clay diesem Beispiel in mehreren Etappen, so dass am Abend am Checkpoint Charlie keine Panzer mehr zu sehen waren. Laut Kempe wollte Clay Stärke zeigen. Der 16-stündige „Showdown am Checkpoint Charlie“ habe Chruschtschow immerhin so nervös gemacht, dass er am 27. Oktober „seine Nuklearstreitkräfte zum ersten Mal während seines Disputs zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in höchste Alarmbereitschaft versetzte“. Und Kennedy sei so verunsichert gewesen, dass er seinen Bruder Robert beauftragte, die Krise gemeinsam mit dem sowjetischen Spion Georgij Bolschakow zu lösen. Außerdem nutzte der Präsident den traditionellen Kanal über seinen Botschafter in Moskau. In zwei Begegnungen wurde der gegenseitige Rückzug vereinbart: über die Einzelheiten der Übereinkunft gebe es keine Überlieferung. „Alle Pläne Clays, Teile der Mauer niederzureißen, wanderten in die Ablage, und die Baggerschaufeln wurden von den Panzern abmontiert und wieder eingelagert. Da sie jetzt mit keinem Widerstand mehr rechnen musste, konnte die DDR die Mauer erweitern und verstärken“, meint Kempe.

Clays eigenmächtiges und gefährliches Vorgehen bestätigte immerhin die Vier-Mächte-Verantwortung für Berlin. Es zeigte sich, dass die Sowjetunion weiterhin in Ost-Berlin das Wort führte und die DDR keine Kompetenz gegenüber den westlichen Alliierten besaß. Allerdings musste der Westen die Testfahrten mit Militärpersonen in Zivil nach Ost-Berlin einstellen. Fortan galt, was Chruschtschow am 2. November Ulbricht bestätigte: „Die Militärs haben freie Durchfahrt, und die Zivilisten zeigen ihren Nachweis.“

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Jahrgang 1952, Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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