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Kalter Krieg : Krieg in Sicht am Checkpoint Charlie

Amerikanische und sowjetische Panzer stehen sich im Oktober 1961 am Checkpoint Charlie gegenüber Bild: dpa

Zehn Wochen nach dem Mauerbau kam es im geteilten Berlin wieder zu einer gefährlichen Krise. Am 27. Oktober standen sich amerikanische und sowjetische Panzer gefechtsbereit gegenüber.

          Am 22. Oktober 1961 - es war ein Sonntag wie jener 13. August, als die DDR mit der Abriegelung des Ostsektors begonnen hatte - sorgte Edwin Allen Lightner, der ranghöchste amerikanische Diplomat im geteilten Berlin, am Checkpoint Charlie für einen Zwischenfall. Dessen Weiterungen brachten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, einst Hauptverbündete in der Anti-Hitler-Koalition, an den Rand eines Krieges.

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Eigentlich handelte es sich um eine Provokation oder (positiv ausgedrückt) um einen Test - initiiert von General Lucius D. Clay. Den früheren Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland und Helden der Luftbrücke von 1948/49 hatte der amerikanische Präsident Kennedy bald nach dem Mauer-Bau als Sonderbotschafter nach Berlin entsandt. Clay bat Lightner und dessen Ehefrau, sich bei der Fahrt zu einem Opernbesuch im Ostsektor der Kontrolle durch DDR-Sicherheitskräfte beim Sektorenübergang zu widersetzen. Gemäß Vier-Mächte-Status hatten westliche Militärs und Diplomaten das Recht, die Zugangswege innerhalb und außerhalb der Stadt ungehindert zu passieren. Dies wollte das Ulbricht-Regime in Frage stellen: Die Westmächte sollten die DDR staatlich anerkennen und auch akzeptieren, dass Ministerpräsident Chruschtschow Teile der sowjetischen Berlin-Rechte auf den ostdeutschen „Bruderstaat“ übertragen würde. Zur Einstimmung hatte Walter Ulbricht am 7. September Ost-Berlin als 15. Bezirk förmlich eingegliedert und sogar zur Hauptstadt der DDR erklärt.

          Lightner trug am 22. Oktober 1961 Zivilkleidung; aus dem Kennzeichen seines Wagens ging hervor, dass es sich um ein amerikanisches Militärfahrzeug handelte. Eigentlich hätte er in der Friedrichstraße nur durchgewinkt werden müssen. Als DDR-Grenzer ihn stoppten, weigerte er sich, seinen Ausweis vorzuzeigen. Vom Autotelefon aus alarmierte er Clay. Der ließ zwei Schützenpanzer und vier leichte M-24-Panzer als Deckung auffahren. Von zwei Infanterietrupps flankiert, unternahm Lightner zwei Kurzausflüge nach Ost-Berlin: „Zum ersten Mal seit dem Krieg war eine voll bewaffnete, kampfbereite Infanterieeinheit der US-Truppen in den sowjetischen Sektor einmarschiert“, schreibt Frederick Kempe in dem Buch „Berlin 1961“. Schließlich erschien ein sowjetischer Offizier am Checkpoint und entschuldigte sich dafür, dass die DDR-Posten Lightner nicht erkannt hätten.

          Das DDR-Innenministerium gab jedoch am 23. Oktober bekannt, dass die Grenzsicherungskräfte der DDR angewiesen seien, am Kontrollpunkt Friedrichstraße ausländische Staatsbürger nur nach Vorzeigen des Passes durchzulassen; aus dem westlichen Teil Berlins kommende „Personen in Zivil“ versuchten, diese „dem Völkerrecht entsprechende Bestimmung“ zu umgehen, indem sie angäben, in West-Berlin stationierte Angehörige der Besatzungstruppen beziehungsweise Mitarbeiter der diplomatischen Missionen zu sein, ohne dies durch Dokumente zu beweisen. Sodann beklagte sich das Innenministerium über den Vorfall vom 22. Oktober, bei dem „neun amerikanische Soldaten mit Schnellfeuergewehren und aufgepflanzten Bajonetten die Grenze überschritten“ hätten.

          Die Lage spitzt sich weiter zu

          Nach weiteren Testfahrten in den Ostsektor teilte der amerikanische Stadtkommandant am 25. Oktober dem sowjetischen Stadtkommandanten mit: „Die USA erkennen die DDR nicht an, und deshalb wird sich das amerikanische Personal ihren Gesetzen nicht unterordnen.“ An diesem Tag fuhren auf Clays Befehl zehn amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie auf, ausgestattet mit Bulldozer-Schaufeln. Und der General telegraphierte an Außenminister Dean Rusk: „Falls wir bereit sind, einen schnellen gewaltsamen Vorstoß nach Ost-Berlin durchzuführen und beim Rückzug die Sperren niederzureißen, wird das zur Konfrontation mit den Sowjets führen. Alles andere bringt zur Zeit nichts.“ Rusk stellte sofort klar: „Der Zugang nach Ost-Berlin ist für uns nicht von lebenswichtigem Interesse, das Gewaltanwendung rechtfertigt.“

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