Home
http://www.faz.net/-gpf-15k4m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Käßmann-Rücktritt Artistin der Fehlbarkeit

25.02.2010 ·  Der Rat der Evangelischen Kirche hatte die Alkoholfahrt einmütig nicht als hinreichenden Anlass für einen Rücktritt gewertet. Margot Käßmann entschied anders. Mit ihrem Rücktritt verliert die Kirche ihren faszinierendsten religiösen Akteur.

Von Reinhard Bingener
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Nach einer Entgleisung und reiflicher Überlegung hat Margot Käßmann mit kühner Gradlinigkeit einen Entschluss gefällt. Sie sieht durch ihre Trunkenfahrt mit 1,54 Promille sowohl ihre Ämter als auch ihre Autorität beschädigt und tritt daher von allen ihren Ämtern zurück. Ohne sie zu nennen, führt die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland damit die zentrale Kategorie ihres geistlichen Wirkens ins Feld: ihre Authentizität.

Es ehrt die Bischöfin, dass sie an sich selbst moralische Standards anlegt und nicht die formalen, nach denen sie weiter in ihren Ämtern hätte verbleiben können. Mehr noch als nach ihrer Scheidung fürchtete Margot Käßmann offenbar, dass ihre Glaubwürdigkeit einen irreparablen Schaden erlitten haben könnte. Denn nun ist ihre Person mit weiteren sozialmoralischen Fragen verbunden, die in der Öffentlichkeit durchaus unterschiedlich beantwortet werden dürften: zum einen, ob Geistliche eine besondere Vorbildrolle einnehmen; zum anderen, ob das einmalige Autofahren in stark betrunkenem Zustand die Wahrnehmung eines herausgehobenen Amts ausschließt.

Irritierend ist, dass Margot Käßmann gegen den Willen derer handelt, mit denen sie in der Leitung der EKD verbunden ist. Denn der Rat der Evangelischen Kirche hat den Vorfall vom Samstagabend einmütig nicht als hinreichenden Anlass für einen Rücktritt gewertet. Auch hat die Kirche sie nicht aus einer Laune heraus, sondern mit guten Gründen zur Ratsvorsitzenden gewählt: Unter allen Geistlichen erreicht einzig Margot Käßmann in größerer Zahl diejenigen, für welche die Authentizität zur zentralen religiöse Kategorie geworden ist. Wer, wenn nicht Margot Käßmann, die Artistin der Fehlbarkeit, hätte einen solchen Fehltritt in die eigene Biographie integrieren können?

Trotz ihres erratischen Führungsstils, zahlreicher unabgestimmter Äußerungen und einem eklatanten Mangel an Teamfähigkeit, der in den vergangenen zwei Tagen so deutlich wie niemals zuvor ans Licht getreten war, sah das Leitungsgremium der Kirche den Ratsvorsitz bei Margot Käßmann weiterhin in guten Händen. Margot Käßmann hat anders entschieden. Mit ihrem Rücktritt verliert die Kirche ihren faszinierendsten religiösen Akteur.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Brandsatz Syrien

Von Günther Nonnenmacher

In Syrien ist ein voll entfalteter Bürgerkrieg im Gang. Assad geht mit aller Härte vor, weil er fürchtet, dass jedes Nachgeben als Zeichen der Schwäche gewertet wird. Die Opposition hofft, das Regime mit der Zeit zu zermürben. Dieser Konflikt könnte den gesamten Mittleren Osten in Brand setzen. Mehr 1