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Veröffentlicht: 17.07.2014, 17:06 Uhr

Kämpfe in der Ukraine Mögliche Beweise für russische Artillerie-Angriffe

Videos im Internet sollen zeigen, wie von russischem Gebiet mit schwerer Artillerie in Richtung Ukraine geschossen wird. Vieles spricht dafür, dass die Bilder echt sind.

von Holger Detmering und
© YouTube Der Beweis!? Dieser Screenshot aus einem Video zeigt den Abschuss mehrerer Salven aus Raketenwerfern. Angeblich stehen sie auf russischem Boden und feuern Richtung Ukraine.

Im Internet sind mehrere Videoaufnahmen aufgetaucht, die darauf hindeuten, dass ukrainische Truppen von russischem Gebiet aus mit schwerer Artillerie beschossen wurden. Die Filme sind offenbar an einem kleinen See angeblich am Rand der auf russischer Seite liegenden Grenzstadt Gukowo aufgenommen. Sie wurden am späten Mittwochabend auf Youtube veröffentlicht. Sie zeigen aus der Ferne vermutlich den Abschuss mehrerer Salven aus Raketenwerfern des Typs „Grad“ („Hagel“). Es handelt sich um mehrere, von verschiedenen Orten und zu unterschiedlicher Zeit gemachte wacklige Amateuraufnahmen. Im Hintergrund sind Stimmen zu hören, in den Menschen auf Russisch darüber reden, dass dort mit „Grad“-Raketenwerfern geschossen werde; in einem der Videos sagt ein Mann, das sei Gukowo.

Lässt sich der Wahrheitsgehalt überprüfen?

Reinhard Veser Folgen:

Solche Videos aus unklaren Quellen und ähnliche Behauptungen wurden schon mehrfach im Internet veröffentlicht, ohne dass ihr Wahrheitsgehalt prüfbar gewesen wäre. Letzte Sicherheit gibt es auch bei den neuen Videos nicht, doch gibt es zahlreiche Indizien, die sie nach einer Prüfung glaubwürdig erscheinen lassen.

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Dabei gilt grundsätzlich, dass solche Youtube-Quellen mit großer Vorsicht zu behandeln sind – schon deshalb, weil sie von unbekannten Menschen stammen, deren Identität nicht verlässlich überprüft werden kann.  Noch vor kurzer Zeit waren allenfalls die weltweit agierenden Nachrichtenagenturen und große Fernsehsender dazu in der Lage, zuverlässig und rasch Bilder aus Kriegsgebieten zu liefern, die Grundlage für eine aktuelle Berichterstattung sein konnten. Das hat sich dadurch geändert, dass immer mehr Menschen Mobiltelefone haben, mit denen Videos aufgezeichnet werden können. Seit dem Beginn des Syrienkriegs, aus dem viele Videos verbreitet wurden, hat sich auch eine Schar von Freiwilligen mit dem Thema auseinandergesetzt, wie solche Filme verifiziert werden können.

Zum Teil werden so sehr fundierte Analysen von Videos aus Konfliktgebieten im Netz veröffentlicht. Der bekannteste Vertreter dieser Blogger-Analysten ist Brown Moses (http://brown-moses.blogspot.de/) der vom Arbeitslosen zum weltweit angesehenen Experten für Internetvideos aus Krisengebieten wurde. Auch Amnesty International setzt für seine Arbeit auf die neuen Quellen und bietet ein Werkezeug zur systematischen und schrittweisen Überprüfung von Videos im Netz an (http://citizenevidence.org/)

Leitfaden zur Bewertung der Videoquellen

Folgende Fragen zur Bewertung von Videoquellen sind dabei immer zu stellen, auch bei den hier gezeigten Videos:

1. Ist das Ereignis belegt?
Es sollten immer mehrere Zeugen zu einem Ereignis gehört werden, oder mehrere Videos gesichtet. Je mehr unterschiedliche Videos oder glaubhafte Zeugenaussagen ein Ereignis dokumentieren, um so wahrscheinlicher ist es, dass es wie im Video gezeigt stattgefunden hat.

2. Wann wurde das Video zum ersten mal veröffentlicht?
Ein Ereignis kann nicht nach der ersten Veröffentlichung stattgefunden haben. Somit lässt sich der Zeitraum der Aufnahmen eingrenzen.

3. Wo wurde das Video aufgezeichnet?
Anhand von Landmarken oder besonderen, im Bild gezeigten Orten, ist eine örtliche Festlegung des Aufnahmeortes zu belegen. Je mehr Landmarken sich finden lassen, um so wahrscheinlicher ist es, dass der Aufnahmeort mit den dazu gemachten Angaben übereinstimmt. Das dazu wichtigste Hilfsmittel sind dabei im Internet verfügbare Satellitenaufnahmen.

4. Wurde das Video bearbeitet?
Wenn ein Video ungeschnitten und unbearbeitet im Netz zu finden ist, dann besitzt es die höchste Glaubwürdigkeit. Insbesondere wenn Ton und Bild nicht gut zusammenpassen, lässt sich eine Nachbearbeitung vermuten, auch wenn das Bild scheinbar zuerst keine Auffälligkeiten zeigt. Je besser die Bildqualität um so mehr Details lassen sich erkennen und um so schwerer ist es Fälschungen zu verbergen.  Je länger ein Video ist, um so größer ist der Aufwand es zu fälschen.

5. Ist der Inhalt nachvollziehbar?
Die im Video gezeigten Ereignisse müssen in sich stimmig sein. Sie müssen unter Berücksichtigung der bekannten Fakten zumindest möglich sein. Menschen und Dialoge im Video sind oft hilfreiche Indikatoren dafür, ob die Ereignisse und die sichtbaren Reaktionen darauf stimmig sind.

Verschiedene Quellen zeigen dasselbe Ereignis

Die von uns gezeigten Videos sind mit einer hohen Wahrscheinlichkeit echt. Zu dieser Annahme tragen Analysen zum Ort der Aufnahme durch den Blog http://ukraineatwar.blogspot.nl/ bei, auf dem die Videos aus Gukowo in der Nacht zum Donnerstag zuerst zusammengetragen wurden. Dieser Blog ist jedoch keine unabhängige Quelle, sondern nimmt eindeutig für die ukrainische Seite des Konflikts Partei. Eigene Nachforschungen sowie die Berichte ukrainischer Medien und sogar des russischen Staatsfernsehens stützen dessen Analysen aber.


 

Dafür, dass die Aufnahmen glaubwürdig sind, spricht zunächst, dass mehrere Videos verschiedener Quellen dasselbe Ereignis in zeitlich gleicher Abfolge zeigen. Alle Videos konnten zum ersten mal Mittwochabend im Internet gefunden werden. Sie scheinen dem Sonnenstand nach am späten Nachmittag gefilmt worden zu sein. Verschiedene Quellen im Internet haben die Videos anhand der im Bild sichtbaren Landmarken (der kleine See, Häuser, Baumgruppen) am Ortsrand von Gukowo verortet.

Diese Angaben konnten anhand von Satellitenaufnahmen auf Google Earth und anhand einer Aufnahme von Google Street View vom Juni 2013 überprüft  werden. Die Konstellation ist mit dem Gebiet um die Stanislawskij-Straße zwischen den Ortsteilen Platowo und Werchnaja Kowaljowka am Rand von Gukowo identisch. Es ist zwar denkbar, dass es auch andere Orte gibt, auf die diese Beschreibung  zutreffen würde, doch die Übereinstimmungen mit älteren Bildern des Gebietes sind sehr groß.

Im Niemandsland zwischen der Ukraine und Russland

Die Menschen, die die Videos vermutlich aufgenommen haben, sprechen – in mit Schimpfworten durchsetzten Sätzen – darüber, dass „sie dort mit Grad schießen“. Es sind Kinderstimmen zu hören. In einem der Videos sagt eine Frau am Ende: „Fahren wir nach Hause!“ – Ein Kind fragt: „Warum?“ In einem anderen Video, auf dem mehrere Kinderstimmen zu hören sind, sagt eine Frau, man solle „heute und morgen“ besser zu Hause bleiben.

Der Beschuss mit Grad-Raketen spiegelt sich auch in Medien-Berichten wieder. Kurz nach 17 Uhr ukrainischer Zeit berichtete am Mittwoch die ukrainische Internetzeitung „Ukrainska Prawda“ über einen Hilferuf ukrainischer Soldaten. Ein als Dmitrij vorgestellter Soldat der 72. Motorisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte sagte der „Ukrainska Prawda“, seine Einheit auf dem Gukowo gegenüber liegenden ukrainischen Gebiet bei dem Ort Tscherwonopartisansk (russischer Ortsname: Krasnopartisansk) werde seit 16 Uhr von russischer Seite aus mit Grad-Raketenwerfern beschossen. Sie hätten Hilfe angefordert, aber nur die Anweisung bekommen, durchzuhalten. Erst als 15 bis 20 Mann gefallen seien, sei die Erlaubnis zum Rückzug erteilt worden: „Meine Kompanie befindet sich gerade gezwungenermaßen im Niemandsland zwischen der Ukraine und Russland.“

Soldaten sind tatsächlich im Niemandsland

Tatsächlich ist bei Gukowo eine Gruppe ukrainischer Soldaten unter Beschuss nach Russland ausgewichen. Das bestätigt auch ein Bericht des staatlichen russischen Senders „Perwyj Kanal“ vom Donnerstag. Darin heißt es, 15 zum Teil schwer verwundete ukrainische Soldaten (von denen einer inzwischen seinen Verletzungen erlegen sein soll) seien auf russisches Gebiet gelassen worden und würden nun im Krankenhaus von Gukowo behandelt. Sie gehörten zur 72. Motorisierten Brigade, heißt es in einem Filmbericht – also jener Einheit, über die auch die „Ukrainska Prawda“ berichtete.

Aus „Gründen des Humanismus“ sei entschieden worden, den ukrainischen Soldaten medizinische Hilfe zu gewähren, sagte ein Sprecher des russischen Geheimdienstes FSB dem Sender. Ein Reporter des Senders befragte im Krankenhaus verwundete und offensichtlich übermüdete Soldaten, was geschehen sei. Ein Mann mit Kopfverband, der offensichtlich Mühe hatte zu stehen und sprechen, berichtete, sie seien mit Grad-Raketen beschossen worden. Auf die Frage woher, sagte er, das wisse er nicht. Der Reporter des „Perwyj Kanal“ frage anschließend in anklagendem Ton: „Was habt ihr dort gemacht?“

Illusion Inklusion

Von Heike Schmoll

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Quelle: wahlrecht.de
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