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Kabul Paschtunenführer hinter Anschlag vermutet

08.06.2003 ·  Als Drahtzieher des tödlichen Anschlags auf einen deutschen Militär-Bus in Kabul wird der Paschtunenführer Hekmatjar vermutet. Die verletzten Soldaten sollen in Ulm und Koblenz behandelt werden.

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Mehrere Quellen benennen den afghanischen Anführer Gulbuddin Hekmatjar als möglichen Drahtzieher des Terroranschlages auf einen deutschen Militär-Bus am Samstag. Alle Soldaten, die verletzt worden waren, waren am Samstag außer Lebensgefahr und auf dem Rückweg nach Deutschland. Sie sollten mehrheitlich in Krankenhäusern in Ulm und Koblenz behandelt werden. Die Toten sollten Dienstag im Laufe des Nachmittags in Köln/Bonn eintreffen. Vor dem Anschlag, bei dem ein mit Sprengstoff beladenes Taxi einen Bus voller deutscher Soldaten zur Explosion brachte, lagen der internationalen Schutztruppe in Afghanistan (Isaf) Warnungen über mögliche Anschläge auf die Truppe vor. Das Kennzeichen des Taxis wurde gefunden.

Beim bislang schwersten Anschlag auf Bundeswehr-Angehörige im Ausland waren am Samstag vier Soldaten getötet und 29 verletzt worden. Ein mit Sprengstoff gefülltes Taxi war neben einem Bus mit den Bundeswehr-Soldaten in die Luft gesprengt worden. Bei den Ermittlungen fand sich das Nummernschild des bei der Tat benutzten Taxis. Die Behörden versuchten jetzt, den Halter des Fahrzeugs ausfindig zu machen, teilte Bezirkspolizeichef Abdul Rauf Tadsch mit. Zu dem Selbstmordanschlag vom Samstag hat sich bisher niemand bekannt.

Fast täglich Drohungen

Ein Isaf-Sprecher sagte am Sonntag in Kabul, fast täglich seien Drohungen gegen die Truppe eingegangen. Es sei aber schwierig, falsche von echten zu unterscheiden. Auch vor dem Anschlag am Samstag sei gewarnt worden. Die Isaf rechne nun mit weiteren „terroristischen Angriffen". Nach einem Bericht „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ hatten auch der Bundeswehr seit mehreren Monaten nachrichtendienstliche Warnungen vor einem Anschlag auf deutsche Soldaten in Afghanistan vorgelegen.

Der Isaf-Sprecher sagte, die Truppe werde ihre Arbeit ungeachtet des Angriffs fortsetzen. Allerdings werde man auf Bus-Transporte um Kabul herum vorläufig verzichten, um das Risiko zu minimieren.

Afghanistan nennt Al Qaida als Drahtzieher

Am Samstag hatte der afghanische Verteidigungsminister Mohammad Kasim Fahim seinem deutschen Kollegen Peter Struck (SPD) erklärt, daß die Al Qaida von Usama Bin Ladin, die einst bei den Taliban Unterschlupf gefunden hatte, für den Anschlag verantwortlich sein könnte. Struck hatte gesagt, deutsche Soldaten vor Ort würden die Hinweise überprüfen, ebenso wie die afghanische Polizei. Man müsse davon ausgehen, daß Mitglieder der Al Qaida, der Taliban und auch des früheren afghanischen Anführers Gulbuddin Hekmatjar versuchten, die Isaf zu vertreiben.

„Es gibt entsprechende ernstzunehmende Hinweise“, sagte ein Angehöriger des Bundesnachrichtendienstes (BND) am Sonntag in Kabul zu den Annahmen, daß Hekmatyar hinter dem Anschlag steckte. Die mehreren Raketenangriffe in den letzten Monaten auf das deutsche Lager in Kabul, die ohne Schäden abgelaufen waren, seien „ein Warnsignal“ Hekmatyars gewesen, erklärte der BND-Vertreter. Der BND ist mit einer Reihe von Agenten in Afghanistan vertreten, die vor allem bevorstehende Terroranschläge auf Bundeswehrsoldaten „aufspüren“ sollen. Der deutsche Auslandsdienst hatte die Bundeswehr immer wieder vor Anschlägen gewarnt.

Aus Kreisen des amerikanischen Geheimdienstes CIA war in Kabul zu erfahren, daß es „konkrete“ Hinweise gebe, nach denen sich Hekmatyar mit den offensichtlich wieder erstarkten Taliban und der Al Qaida von Usama bin Ladin „verbündet“ habe. Die Rivalitäten zwischen den einzelnen Gruppierungen seien „offenbar beigelegt“ worden. „Diese neue Formation der massiven Bedrohung der alliierten Friedenssoldaten übertrifft alles bisher da Gewesene“, erläuterte der CIA-Experte. Er wies darauf hin, daß Hekmatyar vor einiger Zeit auch die anderen afghanischen Guerillaführer zu Selbstmordattentaten gegen die „verhaßten Eindringlinge“ aufgefordert habe.

Verletzte Soldaten sollen in Ulm und Koblenz behandelt werden

Die verletzten deutschen Soldaten sollten in Ulm behandelt werde, weil die Klinik „spezielle Fähigkeiten in Hinblick auf Brandverletzungen“ habe, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam am Sonntag. Elf der insgesamt 25 Soldaten, die am Sonntagnachmittag in Deutschland gelandet sind, würden vom Zwischenstop in Stuttgart direkt nach Ulm gebracht. Die übrigen sollten von Köln/Bonn aus in die Klinik Koblenz verlegt werden.

Drei weitere Soldaten wurden zunächst noch in der amerikanischen Militärbasis im afghanischen Bagram versorgt, 40 Kilometer nördlich von Kabul. Sie sollten am Sonntagabend mit einem amerikanischen Transporter ausgeflogen werden und in den frühen Morgenstunden in der Luftwaffenbasis im rheinland-pfälzischen Ramstein eintreffen. Ein weiterer der insgesamt 29 Verletzten blieb vorerst in Kabul. Er ist nach Angaben aus Potsdam nur leicht verwundet und soll in den kommenden Tagen in Deutschland eintreffen.

Ausfliegen der Toten am Dienstag

Die Toten sollten Dienstag im Laufe des Nachmittags in Köln/Bonn eintreffen, sagte der Sprecher weiter. Zuvor sei eine Trauerfeier mit allen Angehörigen des Kontingents in Camp Warehouse geplant, eventuell auch eine kurze Zeremonie auf dem Flughafen Kabul.

Der Sprecher bezeichnete die Stimmung unter den deutschen Soldaten in Kabul als sehr gedrückt. Sie könnten es nicht verstehen, daß sie einen Friedensdienst leisteten und den Menschen am Ort beim Wiederaufbau ihrer Existenz helfen wollten und dann auf diese Weise bekämpft würden.

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