19.05.2005 · Schon frühzeitig vor der Bundestagswahl forderte der Bundesvorsitzende der Jungen Union (JU), Philipp Mißfelder, Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat. Doch mittlerweile ist die JU zu einer starken Stütze Angela Merkels geworden.
Von Majid Sattar, BerlinIst es brave Angepaßtheit oder schlicht Ausdruck von Ernsthaftigkeit, daß der Jungen Union innerhalb der Mutterparteien CDU und CSU das Querdenken zuletzt so ganz und gar fremd war?
Daß etwa die Jusos der politischen Konkurrenz vorhalten, sie verstehe sich eben nur als Nachwuchsorganisation, nicht als eigenständige politische Kraft, sei also nur daran interessiert, in naher Zukunft hübsche Pöstchen zu bekleiden, läßt ihren Vorsitzenden Philipp Mißfelder kalt: „Wenn die CDU sich selbst als Reformpartei versteht, ist es für uns häufig schwer, innerparteilicher Reformmotor zu sein.“
Mißfelder zuckt mit den Schultern. Pubertäres Revoluzzertum, so gibt seine Geste zu verstehen, ist nicht seine Sache. Und unergiebige Theoriedebatten, wie sie früher etwa die Jungsozialisten führten, gehörten ohnehin nie zum Kulturbestand der Jungen Union.
Bundesvorsitzender der Schülerunion
Gegen den Karrierismusvorwurf verweist der 25 Jahre alte Jungpolitiker darauf, daß er nicht gerade einen typischen Weg an die Spitze der mit rund 127.000 Mitgliedern größten politischen Nachwuchsorganisation Europas gefunden hat.
Weder Kreis- noch Landesvorsitzender sei er gewesen. Sein Aufstieg in der Jungen Union hatte eine andere Basis: Mißfelder war von 1998 bis 2000 Bundesvorsitzender der Schülerunion. Nachdem er in dieser Funktion zunächst als ständiger Gast in den Bundesvorstand der CDU gebeten worden war, wurde er 2000 in das Gremium als stimmberechtigtes Mitglied gewählt.
Selbstbewußtes Alpha-Tier?
„Aus dieser Position heraus wurde ich Bundesvorsitzender der Jungen Union“, sagt Mißfelder, lehnt sich nach vorn und nippt an seinem Milchkaffee. An Selbstbewußtsein mangelt es dem großgewachsenen Mann nicht.
An diesem Nachmittag in einem Berliner Cafe fallen dann noch Sätze wie: Viele hielten ihn für ein Alpha-Tier, „da ist vielleicht auch was dran“. Bei allem Selbstvertrauen ist Mißfelder bisweilen aber eine gewisse Vorsicht anzumerken. Über sein Privatleben etwa spricht der Student der Geschichtswissenschaft mit keinem Wort. Das gebe nur Ärger, sagt er kurz und knapp.
Katholische Erziehung
Der politische Spieltrieb wurde Mißfelder, dem Kind einer „ganz normalen Ruhrgebietsfamilie“ aus Bochum-Wattenscheid, wie er sagt, nicht in die Wiege gelegt. Seine Eltern seien nicht parteipolitisch orientiert, doch habe sein Vater, ein Angestellter in einem Stahlunternehmen, schon in frühen Jahren großen Wert auf die Zeitungslektüre seines Sohnes gelegt, und seine Mutter, die in einer Einrichtung für Behinderte arbeitet, habe die katholische Erziehung sehr ernst genommen.
Zur CDU kam er nicht übers Elternhaus. 1989, im Alter von zehn Jahren, habe er die Bilder der fallenden Mauer in Berlin gesehen, habe Helmut Kohl 1990 in den bald sogenannten neuen Ländern im Wahlkampf gesehen und habe sofort gewußt: „Da will ich mitmachen.“
„Eigene Mehrheiten mobilisieren“
Mit zwölf Jahren zog es ihn zur Jungen Union, doch mußte er zu seiner Enttäuschung erfahren, daß er für ein politisches Engagement dort die Altersgrenze von 14 Jahren noch nicht erreicht hatte. In der Bochumer Nachwuchsorganisation engagierte er sich später nicht nur selbst, sondern brachte gleich einen Haufen Freunde und Bekannte mit.
Das machte ihm später einiges leichter: „Mit 16 konnte ich dann so eigene Mehrheiten mobilisieren.“ Daß er in diesem Alter schon wußte, machttechnische Spielchen zu treiben, mochte daran liegen, daß Mißfelder in seiner Freizeit politische Biographien verschlang.
Lehrgeld gezahlt
Das schützte ihn indes nicht vor schmerzhaften Erfahrungen. Mißfelder hat in sehr jungen Jahren sein Lehrgeld gezahlt, weiß, was die Medien mit einem machen, der den Gesetzen des Boulevards folgt. Wie andere Jungpolitiker wollte sich Mißfelder - nicht einmal ein Jahr nach seiner Wahl zum JU-Bundesvorsitzenden 2002 - auf dem Gebiet der Generationengerechtigkeit profilieren und wollte es denen gleichtun, die mit polemischer Zuspitzung auf sich aufmerksam machen.
Sein Satz von damals, es sei angesichts der Probleme der Sozialsysteme nicht nachvollziehbar, „wenn 85 Jahre alte Menschen noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft“ bekämen, hätte fast eine gerade begonnene politische Karriere jäh beendet.
Wirtschaftspolitisch liberal
Bis heute ist Mißfelders Verhältnis zu den Sozialpolitikern seiner Partei, gelinde gesagt, gespannt. Doch sosehr ihm bei manchen Christlichen Demokraten noch das Bild des kaltherzigen, neoliberalen Schnösels anhaftet, so sehr halten ihm andere sein Stehvermögen in dieser Sache zugute. Im Zweifel sind letztere diejenigen in der Partei, die heute mehr zu sagen haben.
Wo Mißfelder in der Reformdebatte seiner Partei steht, ist spätestens seit jenen Tagen klar. Wirtschaftspolitisch sei er liberal, gesellschaftspolitisch konservativ. Liberal ist er beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Das alte Familienmodell ist volkswirtschaftlicher Irrsinn“, sagt er etwa.
Konservativ ist er bei der Diskussion über das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare: „Da bin ich strikt dagegen.“ Zu der Schwierigkeit, die steuerpolitischen und die sozialpolitischen Vorstellungen der Union auf einen Nenner zu bringen, sagt Mißfelder mit Blick auf die Gesundheitsprämie gelassen: „Papier ist geduldig.“
Sozialpolitische Differenzen
Mit Mißfelders Gedanken ist auch der Standort der Jungen Union einigermaßen umrissen. Selbst der bayerische Landesverband, für den die Münchner CSU-Zentrale und nicht das Berliner Adenauer-Haus maßgebend ist, verweist darauf, daß die zeitweiligen sozialpolitischen Differenzen zwischen den Schwesterparteien in der Jungen Union keinen Niederschlag gefunden haben.
Manfred Weber, Vorsitzender der bayerischen Jungen Union, sagt, alle seien sich einig, daß Veränderung nötig sei. Konkret übersetzt sich das bei ihm etwa in die Forderung, Rentenbeiträge von 20 Prozent als Höchstgrenze festzulegen. „Mehr kann man der jungen Generation nicht zumuten.“ Sein Verhältnis zu Mißfelder beschreibt der Europaabgeordnete Weber als gut, wobei es in der Hüftgelenk-Debatte durchaus Kritik aus Bayern hagelte. „Das war nicht unsere Tonlage.“
Beziehung verbessert
Während Mißfelder noch die Schulbank drückte, erlebte er im Adenauer-Haus in Berlin die Auseinandersetzung seiner Partei mit Helmut Kohl in der Spendenaffäre, den Höhenflug und Fall Wolfgang Schäubles und den Aufstieg Angela Merkels. Das Verhältnis zu ihr galt zwischenzeitlich als unterkühlt, da sich Mißfelder und die Junge Union vor der vergangenen Bundestagswahl frühzeitig für Edmund Stoiber als Kanzlerkandidaten ausgesprochen hatten.
Seit der Niederlage 2002 und dem Beginn des strammen Reformkurses der CDU-Vorsitzenden verbesserte sich die Beziehung zwischen Merkel und Mißfelder. Auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in Oldenburg im Herbst vergangenen Jahres dankte die Parteijugend nicht nur Helmut Kohl überschwenglich für eine friedliche Kindheit, sondern feierte regelrecht die Parteivorsitzende.
Warten auf das Ergebnis der Landtagswahl
In der Jungen Union scheint die Phase der Verunsicherung vergessen, die es zum Jahresbeginn gab, als das Wort des CSU-Landesgruppenvorsitzenden im Bundestag, Michael Glos, von der mangelnden Teamfähigkeit Merkels die Runde machte. Mißfelder schüttelt den Kopf - sie rede regelmäßig mit den Männern in der Partei. Jetzt wartet die Union auf das Ergebnis der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.
Im Falle eines Wahlsiegs werden alle alles richtig gemacht haben. Sollte der Regierungswechsel an Rhein und Ruhr doch nicht zustande kommen, werden die Diskussionen wieder losgehen - innerhalb und zwischen den Schwesterparteien. Bei allem Hadern wäre das für die Junge Union eine Gelegenheit zu demonstrieren, daß „Junge CDU“ und „Junge CSU“ in der Reformdebatte schon eine Einigkeit erreicht haben, von der die Mutterparteien bislang nur träumen können.