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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Julia Volmer-Naumann: Bürokratische Bewätigung. Mit bürokratischer Genauigkeit

Nach der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen 1946 entstanden innerhalb der staatlichen Verwaltung „Wiedergutmachungsbehörden“, die den Wohlfahrtsämtern unterstellt wurden. Diese waren zuständig für die Entschädigung, Versorgung und Betreuung von Verfolgten des Nationalsozialismus.

© Abbildung aus dem besprochenen Band Vergrößern

Die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) bat 2003 ehemalige Zwangsarbeiter, die einen Rentenantrag stellen wollten, in einem Fragebogen um präzise Angaben zur Ihrem Getto-Aufenthalt: „Wie erfolgte die Arbeitsvermittlung für diese Beschäftigung bzw. durch welche Institution wurden Sie dorthin vermittelt?“ Ebenso wurde die Auskunft erbeten: „Wo wohnten Sie im Getto (Straße/Hausnummer)?“ Die BfA änderte auch bei dieser besonderen Gruppe von Antragstellern ihre gewohnte Arbeitsweise nicht. Damit zeigt sich sehr plastisch das komplexe Spannungsfeld zwischen den Opfern des Nationalsozialismus, die aufgrund ihrer individuellen Verfolgungserfahrung eine Entschädigung für ihr Leid beantragten, und den hierfür zuständigen Sachbearbeitern in den Behörden, die in einem standardisierten Verwaltungsakt über diese Anträge zu entscheiden hatten.

Julia Volmer-Naumann untersucht die „Wiedergutmachung“ des NS-Unrechts im Regierungsbezirk Münster zwischen 1945 und 1968. Die ersten Hilfsmaßnahmen für NS-Opfer wurden anfangs vor allem durch die Betroffenen selbst initiiert und durch die britische Besatzungsmacht sowie die örtlichen Wohlfahrtsbehörden unterstützt. Es ging dabei zunächst einmal darum, die akute Not der oftmals aus Konzentrationslagern nach Hause zurückkehrenden Menschen zu lindern. Frau Volmer-Naumann schildert anschaulich die Schwierigkeiten der Fürsorgeämter, die knappen Mittel an die große Anzahl von Bedürftigen zu verteilen, wobei die NS-Verfolgten nur eine kleine Gruppe neben den Kriegsgeschädigten, Flüchtlingen und Vertriebenen darstellten.

Nach der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen 1946 entstanden innerhalb der staatlichen Verwaltung „Wiedergutmachungsbehörden“, die den Wohlfahrtsämtern unterstellt wurden. Diese waren zuständig für die Entschädigung, Versorgung und Betreuung von Verfolgten des Nationalsozialismus. Damit erkannte der Gesetzgeber zugleich die Existenz von NS-Unrechtsmaßnahmen und das Recht auf „Wiedergutmachung“ mit entsprechenden finanziellen Verpflichtungen an. Ein wirklicher Ausgleich der Verfolgungsschäden war jedoch nicht möglich. Die Zahlung von Haftentschädigungen oder selbst von Höchstrenten konnte nur eher symbolischen Charakter besitzen. Zugleich mussten die individuellen Schicksale in ein verwaltungstechnisch umsetzbares Verfahren gepresst werden, was für die Betroffenen angesichts ihres erlebten Leids oftmals nur schwer nachvollziehbar war. Der bürokratische Prüfungsprozess für die Berechtigung eines Antrags musste sich zudem auf eine scheinbar „messbare Schädigung“ konzentrieren, also etwa eine bestimmte Haftdauer oder eine durch medizinische Gutachten dokumentierte Minderung der Erwerbsfähigkeit. Besonders problematisch war hierbei, dass ganze Gruppen von Opfern von den Zahlungen ausgenommen waren (Deserteure, „Straftäter“, Personen „schlechten Charakters“, Zwangssterilisierte et cetera).

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Veröffentlicht: 11.11.2012, 15:50 Uhr

Unter Schmerzen

Von Berthold Kohler

Im Grundsatz sind sich Union und SPD einig: Man darf Putin den Angriff auf die Prinzipien der europäischen Friedensordnung nicht durchgehen lassen. Daran ändert auch die groteske Verdrehung der Tatsachen durch die Linkspartei nichts, die genüsslich in den Wunden ihres Koalitionspartners herumwühlt. Ein Kommentar. Mehr 1